Frühjahrsliteratur Von geringem WallungswertSeite 2/2

Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Es gibt jedenfalls keinen Grund zur Empörung. Man hätte Thomas Lang nominieren können, der mit Bodenlos einen hoch ambitionierten und atmosphärisch dichten Roman vorgelegt hat, der die Gestimmtheit der achtziger Jahre einfängt. Oder Hans-Ulrich Treichels Grunewaldsee. Viele hätten auch den ersten Träger des Deutschen Buchpreises, den Österreicher Arno Geiger mit seinem Roman Alles über Sally auf der Liste erwartet. Oder Alissa Walsers Romandebüt über Franz Anton Mesmer, den Erfinder des animalischen Magnetismus. Alles nicht drauf, alles nicht so schlimm. Möglicherweise zeigt das gar keine Schwäche, sondern eine Stärke dieses Frühjahres: Es ist in der Breite gar nicht so schlecht besetzt.

Klar war, dass für die Kategorie der Übersetzung die beiden Schwergewichte des vergangenen Jahres nicht fehlen durften: Ulrich Blumenbach für David Foster Wallace' Unendlicher Spaß und Christian Hansen für Roberto Bolanos 2666. Klar auch, dass im Bereich des Sachbuchs Ulrich Raulff ganz unbedingt für seine viel gelobte Studie Kreis ohne Meister nominiert werden musste. All das ist geschehen. Die Juryschelte, die im vergangenen Jahr beim Deutschen Buchpreis herniederging, dürfte in Leipzig ausbleiben. Es besteht, nach all den Aufregungen um eine 17-Jährige, erst einmal Hoffnung auf ruhigere Zeiten. Auf Zeit zum Lesen, zum Beispiel.
 

 
Leser-Kommentare
    • eklipz
    • 11.02.2010 um 15:08 Uhr

    bekommt hoffentlich Ulrich Blumenbach für die Übersetzung von Infinite Jest/Unendlicher Spaß. Er hat ganze 6 Jahre daran gearbeitet. Abgesehen davon ist die Menge an Büchern, die er ins Deutsche übertragen hat beeindruckend lang (da hab ich aber Ahnung von den Restlichen).

  1. Ich muss mich wirklich immer wieder wundern, was solche Saetze wie:

    "Der obligatorische ostdeutsche Autor darf gerade auf der Leipziger Shortlist nicht fehlen"

    ...heutzutage noch in den Medien zu suchen haben.

    Erst stellt Herr Schroeder fest, dass kein Werk in diesem Fruehjahr so richtig herausragt und dann wirft er vor, dass wenn doch eine Auswahl getroffen wurde, diese doch scheinbar nach 'politischen'(oder vielleicht geografischen???...who knows) Kriterien getroffen wurde...

    ...und 'obligatorisch westdeutsch' ist wahrscheinlich ein Oxymoron fuer den Herrn Journalisten...

    also wirklich...wie kleinkariert ist das denn? ...solche Begriffe sind nur dann von wirklichem Wert, wenn sie im Zusammenhang mit dem Inhalt eines Werkes unvermeidlich sind, was hier in keinster Weise der Fall zu sein scheint.

    Hauptsache ist wohl, dass eine Schublade gefunden wurde, nur dass die hier gewaehlte meines Erachtens nach die Intelligenz der ZEIT Leser beleidigt und die des Journalisten mehr als unterstreicht.

  2. Und wenn wir die fremden Ideen und die fremden Texte weglassen - was bleibt ?

    Nichts.

    Wären die Feuilletons nicht so verzweifelt bemüht, in Textwüsten die Peinlichkeit, auf eine kleine Abschreiberin reingefallen zu sein, zu vergraben - das Thema wäre längst erledigt.

    Wahrscheinlich steckt sowieso nur ihr Vater dahinter.

    Mit passendem Material zum Abkupfern hat er sie via Amazon ja auch versorgt.
    http://tinyurl.com/ybolqnv

    Eklig.

    • Puella
    • 11.02.2010 um 16:43 Uhr

    Plagiat heisst jetzt also "lustige Abschreibaffäre". Gut zu wissen,nur leider kann sich so etwas z.B.kein wissenschaftlich arbeitender Mensch erlauben - "och,ich hab da nur mal eben lustig abgeschrieben,nix für ungut!".

  3. Wenn alle "Abschreibaffairen" so lustig gesehen würden, warum unterhalten die Verlagen dann ganze Kanzleien um Inhalteklauer zivil- und strafrechtlich zu belangen?

    Hegemanns sind die Investmentbanker der Kultur - ohne Moral, geldgierig, aber mit bestem Standing in der Nomenclatura.

  4. Zynismus ist die Verzweiflung der Guten, so oder ähnlich sagt man? Die Wendung "Lustige Plagiatsvorwürfe" hätte ich auch gern genauer erklärt.
    Und es ist zum verzweifeln! Wozu versuchen wir unseren Kindern Werte und Normen zu vermitteln... Und wozu sollen die sich an Normen halten? Jugendlichen die ein Handy klauen stecken wir in Erziehungsanstalten, aber die Kinder gehobener Schichten erhalten für Diebstahl Aufmerksamkeit und Preise. Aber Hauptsache Sie findens lustig.

    Ausgerechnet dort wo Doppelmoral ind er Gesellschaft früher aufgedeckt wurde, in der Literatur und Kunst, auch in Zeitschriften, herrscht sie heute besonders.

  5. Wie sieht es denn rechtlich mit dem Erwerb des Buches aus? Eigentlich ist dies Hehlerware, und Hehler werden genauso bestraft wie die Diebe!!

    Die Ausflüchte der Feuilletons sämtlicher ernsthaften Zeitungen sind mittlerweile nur noch lächerlich, weder Selbstkritik noch -erkenntnis. Es wird nur versucht so viel wie möglich zu beschönigen und am besten wäre es wohl, wenn dieser Vorfall gleich ganz aus der Welt geschafft würde, und genauso weiterzumachen wie zuvor.

    Es wird immer unverständlicher, warum die Hegemann überhaupt so hochgepuscht wurde. Es reicht aus, ein paar Seiten des Buches zu lesen, um zu wissen, wie schlecht das Buch eigentlich ist. Abgesehen von den kopierten Strobo-Passagen, dem von der Band Archive übersetzten Lied, einem in das Buch verwurschteten Kurzfilm, wer weiß, was noch alles kopiert wurde, bleibt von Hegemanns "Echtheit" nicht mehr viel übrig. Ganz abgesehen davon, schießt die Leipziger Buchmesse jedoch den Vogel ab!! Die Hegemann erhält den Preis, obschon bewiesen ist, dass das Buch eine Ansammlung von kopierten Textstellen anderer Autoren ist.

    Da ist was faul im Staate Dänemark!!

    Denk´ ich den deutschen Literaturbetrieb in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht!!!!!!!!!!!

    Mir fällt dazu noch ein Nietzsche-Zitat aus "Also sprach Zarathustra" ein:
    "Ich musste brechen, doch ich wusste nicht, wohin!"

  6. Die Hegemann hat per Copy&Paste geschrieben, sich an ganzen Passagen anderer bedient, ohne zu fragen. Dennoch wurde ihr Buch mit großem Marketing-Pomp in die Feuilletons und den Buchmarkt gedrückt, es wurde für einen Buchmessepreis in Leipzig nominiert. Also alles eine lustige Abschreibaffäre?

    Die junge Frau ist eine pubertäre 17jährige, die vom Leben noch nichts weiß, die eine Schulausbildung abbrach, aber große Schriftstellerin sein will. Denn sie ist zu jung, um im Leben angekommen zu sein, was sie schreibt, zu abseitig, dass sie es selbst erlebt haben könnte. In ihr rumort ein ominöser Drang der Selbstgefälligkeit, in der sie sich mit Goethe und Shakespeare vergleicht. Aber mangels genügendem Talent gelingt nur eine Copy&Paste-Manie, ein leerer Durst nach Leben, der eine Kopie des eigenen Anspruchs ist. So wird ihr Versagen zu dem des Verlags, seines Lektorats und des Vaters.

    Aber das Verlagswesen, das vor kurzem erst das Urheberrecht gegen Googles Scanning-Fraß durch die Weltliteratur verteidigte, setzt so die Axt an die Wurzeln jenes Baums, auf dem er selber sitzt. Wer soll das Urheberrecht noch achten, wer sich auf den Weg kreativen Schreibens machen, wenn Copy&Paste literarisches Stilmittel wird?

    Es wäre daher Zeit, dass Ullstein dieses unsägliche Buch vom Markt nimmt. Doch dazu wird es nicht kommen: Denn alles ist in der Kulturindustrie, um mit Adorno zu sprechen, eine Frage des Geldes - oder des Profits, wie wir nun leider lernen müssen.

    www.burkhard-wittek.de

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