Dialekte sind schön, aber manche Dialekte können Pathos zersetzen. Insofern ist es gut, dass Schiller lange vor der ersten Tonaufnahme starb. Hörten wir den Schwaben heute Die Götter Griechenlands aufsagen, käme uns wahrscheinlich eher Marbach am Neckar als der Olymp in den Sinn. Schiller kam davon.

Sein schwäbischer Landsmann Hermann Hesse nicht. Wir besitzen O-Töne. 1944 sprach Hesse sein Gedicht Stufen ein. Heute kann man es auf CD kaufen – zusammen mit 419 anderen Gedichten, die von ihren Schöpfern vorgelesen werden. Neun CDs umfasst das Hörbuch Lyrikstimmen - Bibliothek der Poeten, das im Münchner Hörverlag erschienen ist. Der Reiz liegt gerade darin, das so oft gelesene, schon zerlesene Gedicht vom Dichter selbst einmal zu Gehör gebracht zu bekommen. Vielleicht öffnet die Stimme eine neue Interpretationswelt?

Ja, Schwaben. Die Zufallsauswahl des CD-Players fällt zunächst auf Hesse: "Wie jede Blüte welkt / und jede Jugend dem Alter weicht, / blüht jede Lebensstufe, / blüht jede Weisheit auch und jede Tugend / zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern." Da! Der Doppelvokal. Tsaaaiiiit! Waaaishaaaiiit! Was auch immer nun noch kommen mag an Abschied, Neubeginn und Jambus, man kann's fast nicht mehr ernst nehmen. Die sehr getragene Art des Lesens, dieser Theaterton, der ist uns heute fremd. Wer sagt eigentlich noch Gedichte auf?

Die Lyrikstimmen sind vom Hessischen Rundfunk zum Hörbuch des Jahres 2009 gewählt worden. Völlig zu Recht, der editorische Aufwand hat den Verlag über Jahre beschäftigt. Die Mitarbeiter haben während der Recherche nach den Originaltönen Rundfunkarchive durchsucht, Anzeigen in Zeitungen geschaltet und Etliches mehr. So mancher Schatz wurde dabei gehoben; Thomas Bernhard liest beispielsweise zwei bisher unveröffentlichte Werke.

Während die 420 Gedichte am Ohr vorbeiziehen, könnte man mit dem Auto von Wien nach Hamburg fahren, so lange dauert das. Der älteste Ton stammt denn auch von einem Wiener und aus dem Jahr 1907. Hugo von Hofmannsthal trägt Manche freilich vor. Es kracht und rauscht und plätschert. Es hört sich an, als hätte es während der Aufnahme im Studio aus Kübeln gegossen. Charmant. Hofmannsthals Stimme – ein hoher Bariton: "Manche freilich müssen drunten sterben, / Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen, / Andre wohnen bei dem Steuer droben, / Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne."

Von der Leichtigkeit des Daseins dieser anderen weiß der Vortrag nichts. Ebensowenig wenig vom Leid der Erstgenannten. Hofmannsthal klingt durchgängig pathetischer als ein gesungenes Auferstehungsevangelium am Ostersonntag. Überhaupt hat sein Vortrag etwas Litaneiartiges. Die Vokale so lang, die Tonhöhen so gleich. Das kontrastive Gedicht wird nicht kontrastiv vorgetragen. Es wird ästhetizistisch verklärt und damit vom Dichter selbst im Vortrag interpretiert.

Das Gegenteil von Verklärung kommt dann auf CD 2. Dort ist Dada. Kurt Schwitters singt An Anna Blume (von hinten wie von vorne) und brilliert in seiner Ursonate. Dieses Lautgedicht lässt sich hörend nur genießen, im Ohr zergeht es besser als auf der Zunge: "Fümms bö wö tää zää Uu, pögiff, Kwii Ee." Und weiter: "Dedesnn nn rrrrr, Ii Ee, mpfiff tillff too, tillll, Jüü Kaa?" Schwitters war der Laut die kleinste Einheit des Gedichts, nicht das Wort. Vielleicht macht sich die Ursonate vorgetragen deshalb so gut, weil sie wie ein Musikstück strukturiert ist? So ein echter Sonatenhauptsatz sagt dem Laien auf Papier auch nicht viel, er muss es klingen hören.