Buchmesse Walser fast verpasst
Großes Gedränge auf der Leipziger Buchmesse: Wer nicht schubst, versäumt das Beste. Nur an den E-Book-Ständen ist es seltsam leer.
Wer schiebt hier denn so? Von hinten, von vorne, von den Seiten kommen sie, mehr als 100.000 Besucher sollen es sein in Leipzig unter dieser Glaskuppel: Aktentaschenmänner, Werbetütenträger, Mangamädchen, Kamerateams, Schulklassen, müde Journalisten.
Da steht Martin Walser, hält sein Tagebuch in der Hand und sieht auch geschafft aus. Man erzählt sich, auf der Hinfahrt habe er im Zug stehen müssen. Niemand habe ihn erkannt. Jetzt wäre man beinahe an Walser vorbeigelaufen, weil die Stände mit den Jahren immer kleiner werden und die Menge so drückt. Das ging schon das Buchfrühjahr so, alle drängten in eine Richtung: Hat Helene Hegemann abgeschrieben, oder ist das Literatur?
Zum Buchpreis war die junge Autorin gekommen, beantwortete ein paar Fragen, fuhr sich durchs viel beschriebene Haar und teilte mit, sie überlege Jura zu studieren. Das war vor der Verleihung, den Preis gewann Georg Klein. Große Erleichterung im Publikum. Dann wieder Raunen, Schwitzen, Werbegeschenke vergleichen, ja, endlich Sitzen. Noch ein Eis dazu? Wer sich hernach wieder durch die Gänge tastet, kann einen Messetrend erkennen, der regalmeterlang am Wegesrand steht. Die Gebrauchsliteratur kommt wieder: das A bis Z von S & M, Möbelbeizen leicht gemacht, Generation Wickeltisch, Wie pflanze ich einen Baum – den Ratlosen wird geholfen. Entschuldigung, war das Ihr Fuß? Nein, aber ist Ihnen auch so warm?
Weniger eng ist es bei den E-Books, da ist die Luft gut, da ist Platz. Am Sony-Stand stehen mehr Fachkräfte als Besucher. Ringsum zeigen Kleinunternehmer ihre digitalen Anwendungen der Zukunft, sie selbst sind meist die einzigen Zuschauer. Die Diskussion um das Ende der Buchkultur wird hier nicht geführt, die ist bereits eine Runde weiter: Jetzt geht’s um den Tod des Autors.
Die Kritikerin Verena Auffermann verdeutlichte es in ihrer Rede zum Buchpreis: Manche haben Angst, dass ihre Werke in der digitalen Welt zu Konfettischnipseln zerrissen werden. Eine neue Literaturbetriebsdebatte scheint gesichert. Dazu hat die Leipziger Erklärung ihr Übriges getan. Auch die junge Generation solle schließlich nicht glauben, geistiger Diebstahl sei ein Kavaliersdelikt. Eine vielleicht 18-Jährige läuft vorbei. Auf ihrem T-Shirt: "Junge Autorin sucht Verlag!" Was sie über die Leipziger Erklärung denkt: "Nie gehört." Ja, und wer liest hier jetzt ein E-Book?
Vielleicht in der Haupthalle: Inmitten der Stuhllandschaft, wo Röstzwiebeln von den Messehotdogs krümeln, sitzt ein Mädchen und drückt auf einem Nintendo-Gerät herum. Sind da auch die Klassiker drauf, die der Deutsche Taschenbuch Verlag jüngst dafür herausgebracht hat, Schiller, Lessing, Shakespeare gar? Nein, sagt das Mädchen, das ist Super Mario. Naja, ist ja auch ein Klassiker. Ihr Begleiter trägt Dickmachendes auf einem Pappteller herum, Leipziger Fleischkäse für 4,50. "Komm, wir holen Stefan von der Leseinsel ab."
Dort, in Halle 5, in den Messepuppenstuben der jungen Verlage lässt sich vieles finden, was das Hegemann-Gefecht in den vergangenen Wochen übertönt hat. Dinge, auf die man sich freuen kann. Ulrike Almut Sandigs hervorragender Erzählungsband Flamingos im Schöffling-Verlag zum Beispiel, die neuen Comics von Reprodukt, Lukas Meschiks Kurzgeschichtenband Anleitung zum Fest. Dann, eine E-Mail: "Die Kinderbuchbranche stagniert, All-Age-Literatur boomt." Was soll man dazu sagen? Und erst hierzu: Der Blogger Airen, von dem Hegemann einst Sätze abschrieb, hat ein neues Buch. Soll ganz gut sein, am Stand zumindest war es voll.
Entschuldigend, rempelnd bahnt man sich seinen Weg hinaus. Den Kopf voller Fragen: Sind Bücher wirklich bald Konfetti? War das nicht gerade wieder der Walser, da drüben in der Kaffeeschlange? Wo gibt’s ein Eis? Ist das draußen schon der Frühling? Jetzt drängeln Sie doch nicht so.
- Datum 21.03.2010 - 17:23 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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So, so - zweimal haben Sie, lieber David Hugendick, den Walser gesehen. Zweimal! Dann aber hätten Sie doch auch den kleinen, sehr gedrungen wirkenden Jockey hinter dem "fliehenden Pferd" erkennen müssen. Nein, nicht den Columbo aus den USA! Sondern den Marcel Reich-Ranicki!
Ob und was dieser von Walser wollte, wissen wir nicht. Martin Walser will mit dem Großkritiker jedenfalls nichts mehr zu tun haben. Das hat er gestern Abend auf einer idyllischen Parkbank Denis Scheck (ARD) verraten. Aber das wusste eh schon jeder.
Ach, ist das furchtbar... wenn sich alte Männer verkrachen! War da nicht auch was zwischen MRR und Walter Jens?
Zurück zur Buchmesse. Wie beim Pokern wurden ja riesige Beträge auf die Hegemann gewettet. Aber der Axolotl war den Auffermanns letztendlich doch zu glitschig. Schade! Dieser Republik hätte ein (kleinerer) Skandal doch ganz gut getan. Um von Afghanistan, den Besserverdienenden und der Koalitionskrise abzulenken. Immer wieder Westerwelle ist doch auch langweilig. Und die Spiegel-Affäre ist doch ewig und drei Tage her. Der Waterkant-Skandal um Barschel ebenfalls mehr als 20 Jahre alt.
Der Preis des Erfolgs ist kein Leipziger Allerlei und auch nicht Birne Helene als Dessert, sondern ein heilloses Gedränge!
Tapfer, tapfer - wie Sie das alles so gut überstanden haben, Herr Hugendick!
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