Carl Weissner"Ich hab' nicht mehr ewig Zeit"

Carl Weissner übersetzte Bukowski und William S. Burroughs. Im Interview erzählt er von der Zeit der Beat-Literatur und warum er erst jetzt ein Buch auf Deutsch schreibt. von Frank Schäfer

Carl Weissner, Jahrgang 1940

Carl Weissner, Jahrgang 1940  |  © Carl Weissner

Als Übersetzer von amerikanischer Underground-Literatur, vor allem von William S. Burroughs und Charles Bukowski, hat sich Carl Weissner einen legendären Ruf erarbeitet, dabei wird oft vergessen, das er in den Sechzigern als Avantgarde-Autor begonnen, mit Jörg Fauser, Jürgen Ploog und anderen zusammen das innovative, die deutsche Popliteratur maßgebliche beeinflussende Literaturmagazin Gasolin 23 herausgegeben und sogar mit Burroughs Cut-up-Kollaborationen veröffentlicht hat. Nach einigen englischen Publikationen erscheint jetzt sein erstes deutschsprachiges Buch. Manhattan Muffdiver ist ein heterogenes, fragmentarisches, aber auch überaus komisches Diarium und vieles gleichzeitig: politisch rabiater Kommentar der Weltläufte, kritische Kulturreportage, poetologischer Rechenschaftsbericht, Cut-up-Experimentierfeld und verstörender Fiebertraum.

ZEIT ONLINE: Seit einiger Zeit erregt Beat- und Underground-Literatur nur noch wenig Aufmerksamkeit in den Feuilletons hierzulande. Woran liegt das?

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Carl Weissner: Dass von Beat Generation und Underground schon lange nicht mehr die Rede ist, hat durchaus sein Gutes, denn im Lauf der Jahre wurde immer mehr Nonsens über diese Movements der fünfziger und sechziger Jahre geschrieben. Burroughs als Vaterfigur der Beatnik- und Hippiebewegung zum Beispiel. Dabei hat ihn mit den Beats nichts verbunden als die private Freundschaft mit Ginsberg und Kerouac. Und Bukowski hat schon gar nicht dazugehört – er fand die Beats eher peinlich, und während sie in San Francisco den Schmarren Poetry & Jazz aus der Taufe hoben, hat er im Hafen als Hilfsarbeiter malocht.

ZEIT ONLINE: Warum ist in all den Jahren hierzulande nie ein eigenes Buch von Ihnen erschienen? In den USA haben Sie schon gelegentlich publiziert.

Weissner: Burroughs hat ab und zu gesagt: "Sieh zu, dass du zwischendurch deine eigenen Sachen schreibst, sonst wirst du wahnsinnig." Meine Amerikaner hatten aber so viel zu erzählen, dass es ständig was zu übersetzen gab. Bei Bukowski, der auch noch auf Halde produziert hat, war meine Aufholjagd erst Jahre nach seinem Tod zu Ende. Vor drei Jahren habe ich endlich auf Burroughs gehört und zwei schnelle Romane geschrieben. Einen auf Deutsch – der erscheint jetzt; und einen amerikanischen (Death in Paris), der seit letztem Juli auf der Burroughs-Website realitystudio steht. Inzwischen schreibe ich an drei weiteren. Gleichzeitig. Ich hab nicht mehr ewig Zeit.

ZEIT ONLINE: Ist die Bukowski-Aufholjagd tatsächlich schon zu Ende? Wenn man seinen eigenen Worten Glauben schenken darf, hat er doch in manchen Nächten gleich ein paar Gedichte rausgehauen. Sollten da nicht noch ein paar Bücher drin sein?

Weissner: Der Bukowski-Nachlass ist weitgehend veröffentlicht – Briefbände, ein Tagebuch, Hunderte von Gedichten –, der größte Teil davon auch auf Deutsch. Nach seinem Tod ist von ihm elf Jahre lang ein neuer Titel pro Jahr erschienen. Die bisher letzte Nachlieferung, Stories und andere Texte aus kleinen Zeitschriften, bringt demnächst der S. Fischer Verlag in deutscher Übersetzung – nicht von mir – heraus.

Leserkommentare
  1. Bukowski hat sich ganz ordentlich über Keroucac lustig gemacht und mit Burroughs Drogenexzessen nix am Hut. Charles war ein Säufer, kein Junkie. Dafür ist er ja recht alt geworden.

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