Netzaktivist Cory Doctorow"Ich bin kein Futurologe"

Cory Doctorow ist Schriftsteller, Blogger und Internetaktivist. Im Gespräch erzählt er von der Chance der Informationsrevolution: Wir können wieder wie Menschen handeln. von 

Cory Doctorow, Jahrgang 1971, hat im Rowohlt Verlag sein neues Buch "Little Brother" veröffentlicht

Cory Doctorow, Jahrgang 1971, hat im Rowohlt Verlag sein neues Buch "Little Brother" veröffentlicht  |  © Bart Nagel

ZEIT ONLINE:  Herr Doctorow, Sie veröffentlichen Ihre Bücher gratis im Netz, parallel zur gedruckten Ausgabe, und sind damit sehr erfolgreich. Wo liegt für Sie, als Autor, der Vorteil einer Veröffentlichung im Internet?

Cory Doctorow: Wenn ich heute eine Geschichte schreibe, erlaube ich mir die grundsätzliche Annahme, dass meine Leser Zugang zu einer Suchmaschine haben. Ich streue gerne kleine Ostereier in meine Texte, Details, die reichhaltiger und interessanter sind, wenn man sie nachschlägt. So kann ich faktensatt schreiben, ohne dass es zu feuilletonistisch und geschwätzig wird. Ich kann auf viele tolle Sachen verweisen, muss aber nicht jede einzelne erklären.

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ZEIT ONLINE: Sie schreiben, online sei weniger der Inhalt maßgeblich als die Möglichkeit zu Debatten, Austausch und Gespräch.

Doctorow: Ich glaube, der Sozialraum des Internets ist ein direkter Abkömmling der Science-Fiction-Convention, also der Messe, auf der sich Fans begegnen. Die ersten Gespräche im Internet wurden zwischen solchen Fans geführt. Sie sind es gewohnt, für die Geschichten, die sie lieben, Botschafter und öffentliche Sprecher zu sein: Sie wollen alles, was sie toll finden, dem Mainstream unter die Nase reiben, damit er anbeißt. Entsprechend waren fantastische Romane schon immer auch soziale Gegenstände: Dinge, die im Mittelpunkt von hitzigen Diskussionen stehen wollen.

ZEIT ONLINE:  Wie erleben Sie das Internet?

Doctorow: Oft wie eine riesengroße Convention oder ein Fanzine. Ein Ort, in dem jeder von seinen Lieblingen schwärmt, ihre Stärken zeigt und Empfehlungen gibt. Meine Bücher sind frei erhältlich, damit man sie leichter kopieren kann und Auszüge und Verlinkungen in Online-Diskussionen einfügt. Ich glaube, im Internet präsent zu sein – also: eine Adresse, eine Seite zu haben – ist ein Überlebensfaktor im 21. Jahrhundert.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für die Print-Branche? Welche schlechten Nachrichten kommen dort in den nächsten Jahren auf Autoren und ihre Verlage zu? Und wird es auch gute Nachrichten geben?

Doctorow: Ich bin Science-Fiction-Autor, kein Futurologe. Ich bin nicht gut darin, Vorhersagen zu machen: Meine Geschichten beschreiben Verhältnisse von heute, gekleidet in oft nicht sehr wahrscheinliche künftige Wendungen. Könnte ich in die Zukunft sehen, ich würde jetzt lieber mit Aktien handeln!

ZEIT ONLINE: Trotzdem sind Warnungen in Ihren Büchern überall präsent. Ich bin nicht sicher, ob meine Mutter weiß, was eine Xbox ist. Die knapp 500 Seiten ihres Überwachungsromans Little Brother könnte sie dennoch folgen, mit Gewinn: Was muss die Öffentlichkeit über Datenschutz wissen? Was ist Ihr drängendstes Anliegen?

Doctorow: Immer mehr Leute verstehen, dass eine Kontrolle des Internets viel mehr kontrollieren wird als nur technische Fragen und das Urheberrecht. Alle persönlichen Belange sammeln sich im Netz: Unser soziales Netzwerk, unser öffentliches Wirken, unsere Krankengeschichte und Ausbildung, unsere Finanzen. Deshalb werden die Regeln, die wir fürs Internet aufstellen, am Ende auch all diese Dinge bestimmen und regulieren können. Wir schauen heute auf das Internet wie die blinden Männer auf den Elefanten.

ZEIT ONLINE: Jeder Blinde ertastet ein anderes Stückchen des Elefanten und zieht dann falsche Rückschlüsse, wie das gesamte Tier aussehen muss?

Doctorow: Genau. Ein paar Gesetzgeber sehen das Internet als eine große Maschine, die Kinderpornografie verbreitet. Oder sie sehen eine Maschine, die Terroristen hilft, Anschläge zu planen. Andere tun so, als sei es ein Gerät zur Urheberrechtsverletzung. Als wären das die jeweils einzige Funktion.

ZEIT ONLINE: All diese Dinge kommen vor.

Doctorow: Natürlich. Aber man stelle sich vor, die Polizei würde entscheiden, dass viel zu viele Bankräuber für ihre Raubüberfälle ein Auto benutzen und darum jedes Auto als Maschine behandeln, mit der man Banken überfällt und die dazu noch ein, zwei nebensächliche Verwendungsmöglichkeiten am Rand hat. Es gibt so viele legale Arten, ein Auto zu nutzen. Und wir wären so viel ärmer, wenn die Rechtssprechung jede Missbrauchsmöglichkeit behandelt, als sei sie der Hauptverwendungszweck.

ZEIT ONLINE: Was heißt das konkret?

Doctorow: Wir müssen uns wehren: Jedes Mal, wenn die Justiz darüber spricht, Familien den Zugang zum Netz zu sperren, weil ein Familienmitglied eine Urheberrechtsverletzung begangen hat. Jedes Mal, wenn unsere Bewegungen online gespeichert werden, weil man hofft, Terroristen zu entlarven. Und immer, wenn Internetanbietern erlaubt wird, einzelne Dienste und Protokolle zu blockieren, um damit einen Wegzoll auf Seiten wie Google zu kassieren. Terroristen sprechen miteinander, jeden Tag – aber das macht es nicht legal, alle Privatgespräche abzuhören. Wer im Elektromarkt eine CD stiehlt, muss keine Angst haben, dass zur Bestrafung seine ganze Familie auf der Straße landet, abgeschnitten von allen Kommunikationsmitteln und dem Zugang zum Bildungs- und Gesundheitswesen. Unseren Telefonanbietern ist verboten, uns vorzuschreiben, welchen Pizzaservice wir erreichen können und welchen nicht: Auch, wenn es profitabler wäre, uns einen Exklusiv-Zugang zu einer einzigen Filiale zu verkaufen und all die anderen Lokale zu blockieren.

ZEIT ONLINE: Was ist heute, ganz aktuell, die drängendste Frage in Sachen Bürgerrecht und Meinungsfreiheit?

Doctorow: Es gibt mehrere Kampagnen, das Netz zu sperren und zu regulieren, meist im Namen des Urheberrechts. Ganz egal, dass diese Sperrungen am Ende keinem Urheber helfen können: Keine Maßnahme wird Raubkopierer wirklich stoppen können. Am Ende sind die ehrlichen Nutzer die Opfer, der Kollateralschaden im Kopierkrieg. Aktuell ist ACTA ein großes Problem, das Anti-Counterfeiting Trade Agreement.

ZEIT ONLINE: Was ist das?

Doctorow: ACTA ist ein geheimes Abkommen, das viele Freiheiten im Netz einschränken will. Dabei versucht man absichtlich, die UN , die Presse und die Bürgerrechtler über alles im Dunkeln zu lassen: Viele Abgeordneten des EU-Parlaments sind bestürzt, wie weit sich ACTA bereits durchsetzen konnte, ohne, dabei dem Ruf nach Transparenz nachzukommen. Das ist ein wichtiger Schritt: Das Parlament wachrütteln.

ZEIT ONLINE: Es gibt einen Satz in ihrem Roman Makers , der sich fast wie Ihr Motto liest: "Autonomie macht uns glücklich."

Doctorow : Ich bin kein Anhänger von Milton Friedman . Ich weiß, dass wir oft schlechte Entscheidungen treffen und die Konsequenzen eines Schritts ganz falsch ausmalen, bevor wir losgegangen sind. Doch trotzdem glaube ich, es ist enorm befriedigend und wichtig, der Welt die Stirn zu bieten, sich aufzustellen und Strukturen zu durchbrechen. Tagebücher sind ein gutes Beispiel. Man rät Leuten, die zu viel Geld ausgeben, sie sollen aufschreiben, wohin es fließt. Menschen mit Depressionen müssen ein Logbuch ihrer Launen führen und Leute, die zu viel essen, ihre Mahlzeiten protokollieren. So finden wir Verhaltensmuster und lernen, uns davon zu befreien. Ich habe das hier genauer erklärt .

ZEIT ONLINE:  Warum handelt denn der Mensch überhaupt erst so?

Doctorow: Die Tragödie der industriellen Revolution war, dass sie die Menschen zwang, zu Maschinen zu werden, um neben den Maschinen zu bestehen. Heute, während der Informations-Revolution, haben wir eine neue Chance. Wir können wieder wie Menschen handeln. Sobald wir unsere maschinellen Pflichten auf die Computer abzuladen lernen.

Das Gespräch führteStefan Mesch

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Leserkommentare
    • Ranjit
    • 25. März 2010 9:53 Uhr

    Gotta love Cory Doctorow.

    Für alle, die ihn nicht kennen, er arbeitet mit an http://www.boingboing.net . Ein absolut empfehelenswerter Blog. Kurionses, spannendes und dazwischen: Bürgerrechte weltweit.

    Man kann sein Beispiel nicht hoch genug hängen: Er veröffentlicht seine Bücher kostenlos und in freien Formaten im Netz und macht trotzdem Geld.
    z.B. hier das im Text erwähnte "Little Brother"
    http://craphound.com/litt...

    Immer wenn alte, etablierte Herren darüber jammern, dass das Internet das Ende der Kultur darstellt, dann denke ich unwillkürlich: Teil eurer Kultur will doch niemand sein. Ich denke Teile der "Intellektuellen" haben verschlafen, dass das Internet Dinge möglich macht, über deren Unmöglichkeit sie sich vorher nur beschwehren konnten. Jetzt, wo viele mitmachen können, ziehen sie sich in das Dachzimmer ihres Elfenbeiturms zurück und nennen rege kulturelle Beteiligung und Interesse die sie immer angemahnt haben: Das Ende der Bürgerlichen Kultur.

    Da gabe es hier doch diesen Artikel "Das Netz als Feind: Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird".
    http://www.zeit.de/2009/2...
    Was der Autor nicht verstand (und wohl bis heute nicht versteht) ist, dass Personen, die das Netz nutzen, Intellektuelle nicht hassen. Sie erlauben sich blos ein eigenes Urteil, auf was oder wen sie höhren. Mündigkeit nennt sich das. So betrachtet ist das altintellektuelle Gebicker über das Netz anti-aufklärerisch.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Vielen Dank, Herr Ranjit, fuer den Hinweis auf BoingBoing.net .

  1. 2. Danke

    Ich bin sehr begeistert von diesem Interview.

  2. für dieses sehr informative Interview.

    • Miezu
    • 25. März 2010 10:50 Uhr

    Herzlichen Dank dafür, diese intelligenten Sichtweise der Dinge einen Raum zu geben.

    Wir müssen in der Tat die forensische Sichtweise auf das Internet aufgeben und zu einer idealistisch-liberalen Idee zurückkehren. Mit Verweis auf Urheberrecht und Porno versuchen Menschen die Angst vor Neuem haben oder solche Menschen politisch bedienen (Frau Aigner)Freiheiten einzuschränken. Das sind alte Muster, die die Freiheit in eine Rechtfertigungsposition drängen. John Stuart Mills zur Lektüre empfohlen.

    • B.V.
    • 25. März 2010 11:04 Uhr

    Eigentlich müßten Schriftsteller für ein BGE (Bedingungsloses Grundeinkommen) sein. Das ließe sich auch wunderbar mit der "Netzrevolution" verbinden.
    Die demokratische Freiheit des Netzes ist mir lieber, als der elitäre Zugang zum Buchmarkt. Trotzdem ist es natürlich schön, wenn jemand mit Büchern sein Geld verdienen kann. Und wie man sieht kann das ja auch funktionieren, neben dem Internet.Vielleicht funktioniert das nicht bei Günther Grass..., aber der hat ja schon genug verdient.

  3. Kleine Korrektur ganz am Ende: Die Rowohlt-Übersetzung von "Little Brother" stammt nicht von mir, sondern von Uwe-Michael Gutzschhahn. Lediglich die freie Fan-Übersetzung, die seit knapp anderthalb Jahren durchs Netz geistert, ist von mir.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Lieber Herr Wöhrl,

    danke für den Hinweis. Wir haben es korrigiert.

    Mit besten Grüßen,

    D. Hugendick
    ZEIT ONLINE

  4. Redaktion

    Lieber Herr Wöhrl,

    danke für den Hinweis. Wir haben es korrigiert.

    Mit besten Grüßen,

    D. Hugendick
    ZEIT ONLINE

    Antwort auf "Falscher Übersetzer"
  5. Oooch, wieder eine Leichenkastenbrille!

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  • Schlagworte Google | UN | Milton Friedman | Acta | Internet | Kinderpornografie
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