Lit. Cologne Starke schwache Frauen

In diesem Jahr besticht das Literaturfest Lit. Cologne vor allem durch starke Frauen. Sie reden über Zusammenbruch, Eifersucht, Selbstlügen, Geld, Macht und Entwürdigung.

Zum zehnten Mal findet in Köln das internationale Literaturfest Lit.Cologne statt

Zum zehnten Mal findet in Köln das internationale Literaturfest Lit.Cologne statt

Will man unter den 175 Veranstaltungen einen möglichen Trend der laufenden Lit.Cologne ausmachen, so fällt in der Halbzeit vor allem dies ins Auge: Starke Frauen reden über Schwächen. Und zwar über ihre eigenen ebenso wie über die Schwächen der Gesellschaft, was bei einigen ohnehin in eins fällt. Denn das, worüber sie persönlich schreiben, hat zugleich eine politische und kulturelle Tragweite. Die Rede ist hierbei von Miriam Meckel, Catherine Millet, Herta Müller, Christina von Braun und Christine Novakovic. Sie redeten über Zusammenbruch, Eifersucht, Selbstlügen, Geld, Macht und Entwürdigung.

Den Nerv der Zeit trafen sie alle auf die eine oder andere Weise. Besonders tat sich dabei die Lesung von Meckel zusammen mit dem Soziologen Hartmut Rosa hervor mit dem Titel Rasender Stillstand. Es ging, allgemein, um die Beschleunigungsprozesse in unserer Gesellschaft und, besonders, um die persönliche Bremsziehung Miriam Meckels in ihrem eigenen Leben. Selbst hier war, wie eigentlich bei allen Sachen des Literaturfestivals, das in seinen zehn Jahren zum größten Literaturfest Europas und absoluten Publikumsmagneten aufgestiegen ist, die Lesung ausverkauft. Zwar versprach eine Moderatorin, "keine Angst, es wird nicht theoretisch", aber das erfüllte sich zum Glück nicht, denn beide Gesprächspartner trauten dem interessierten Publikum ruhig etwas zu.

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Dass so viele gekommen waren, um etwas über Meckels Burn-out zu hören, den sie in ihrem gerade erschienenen Buch Brief an mein Leben beschreibt, zeigte die Dringlichkeit dieses Themas. "Es ist ein Massenphänomen", sagte dazu Hartmut Rosa, Soziologe aus Jena, und meinte weiter: "Es ist ein Problem, das nicht nur die betrifft, die bereits einen Burn-out hatten, sondern auch die, die noch ein Stück davon entfernt sind, aber fürchten, auch mal ein Opfer zu werden." Rosa hat vor fünf Jahren ein Buch zum Thema "Beschleunigung" herausgebracht, das bereits als soziologisches Standardwerk gilt.

Meckel – die man als einst "jüngste Professorin Deutschlands", Regierungssprecherin, Staatssekretärin und Lebenspartnerin von Anne Will kennt – erzählte, wie viele E-Mails von Leidensgenossen sie bereits erreicht hätten. In Brief an mein Leben beschreibt sie die Vorboten des Burn-outs bis zum eigentlichen Zusammenbruch und den Aufenthalt in einer Klinik. Das Ganze sei "ein einschneidendes Erlebnis" gewesen, "ein Paradigmenwechsel" in ihrer Lebensphilosophie und in ihrem Selbstbild. Sie habe zuvor nichts mehr hingekriegt, Konzentrationsschwierigkeiten gehabt, plötzlich zu weinen angefangen. Nun ist sie 42 und entdeckt den Wert der Lebensqualität "statt Quantität".

Dabei hatten ihre Schilderungen bei vielen Anwesenden einen Wiedererkennungswert, zumindest gab es einiges Raunen und Schmunzeln, als Meckel schilderte, wie sie früher bei Vorträgen, die sie langweilten, das obligatorische schwarze Notizbuch herausholte, Projektskizzen machte, Termine sortierte und To-do-Listen machte: Absurdes Multitasking zur eigenen Beruhigung, wie viel man doch alles schafft. Doch beschlich dabei einen das Gefühl, ob denn diese starke Frau, die für ihre straffe Karriere immer so viel Lob bekam, tatsächlich etwas daraus gelernt hätte: Schließlich schreibt sie erst einmal ein 200-Seiten Buch daraus. Sie selbst sieht es als Therapiebestandteil, als dringende Auseinandersetzung.

Ähnlich wie Catherine Millet, die wenige Tage zuvor, ebenfalls vor ausverkauftem Haus über ihre krankhafte Eifersucht zum gleichnamigen Buch sprach. Als Selbstlüge entlarvte sie hier ihre vermeintliche sexuelle Freiheit, denn vor der rasenden triebhaften Eifersucht, die sie als "erniedrigend" empfand, war sie nicht gefeit. Gelungen war dieser Abend vor allem, da Millet viel zu Wort kam, weniger las, sondern redete: Etwa auch über den "Wahnsinn" ihrer Mutter, deren Neurosen sie nun auch punktuell in sich gespürt habe – dadurch wurde das Ganze eine sehr persönliche Veranstaltung einer imposanten Intellektuellen, die so privat über ihre schwachen Momente sprach.

Zur Lit.Cologne kamen im vergangenen Jahr mehr als 65.000 Besucher, sie ist eine Mischung aus Massenevent mit Literaturstars einerseits und anspruchsvollen Themenabenden andererseits: Lesungen bestehen idealerweise nicht nur aus dem Vorlesen, sondern auch aus gut moderierten, langen Gesprächen. Außerdem gibt es Veranstaltungen, die sich eines ungewöhnlichen Themas literarisch annehmen. So zum Beispiel diesmal den Herrenmagazinen der fünfziger Jahre, ein witziges, erfrischendes Sujet. Jedoch gab der Abend mit Götz Alsmann außer ein paar hübschen Nacktfotos aus den Magazinen Gondel, Paprika oder Figaro nicht so viel her, wie er versprach – zu viel Klamauk, zu wenig Kulturkritik.

Bis Samstag wird allerdings noch einiges geboten, darunter weitere starke Frauen: Patti Smith stellt ihre Memoiren Just Kids vor. Alice Schwarzer, Maria Schrader und Sandra Hüller entdecken die jüdisch-französische Schriftstellerin Irène Némirovsky wieder. Eva Menasse kommt und spielt Patin für ihren Landsmann und Nachwuchsautor Clemens Berger. Margaret Atwood liest, und – wie könnte es anders sein – die gefragte Helene Hegemann, die mit zwei Kollegen (Ulrike Almut Sandig und Leif Randt) um den Silberschweinpreis konkurriert, einem Preis, der nach einer bekannten Kölner Partyreihe benannt ist.
 

 
Leser-Kommentare
  1. eigenartig, dass man das immer vorne hinschreiben muss, weil es wahrscheinlich keinem auffällt

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