"Butterbrotfinger", sagt Michael Lentz. "Da haben Sie ja schon schön mit Butterbrotfingern drauf gefasst." Tatsächlich sieht das Buch etwas mitgenommen aus. Der Rücken ist verbogen, dunkle Spuren auf dem Einband. Schaut man nicht genau hin, könnte man Offene Unruh, Lentz' neuen Gedichtband, für ein Notizbuch halten, das nicht fürs Regal gemacht ist, sondern zum Gebrauch. Kleinformatig, ein packpapierfarbener Einband, nur Titel und Autorname stehen – in Lentzens Handschrift – darauf, auf der Rückseite eins der kürzesten und zugleich eins der schönsten Gedichte: "es regnet / das ist unser / hintergrund / wir gehen in deckung / vom regen verstehen / wir / mehr als von uns."

Größer könnte der Kontrast zu Muttersterben kaum sein, zu dem Buch, mit dessen Titelerzählung Lentz 2001 den Bachmannpreis gewonnen hat. Neonorange und -grün ist die Schrift auf dem Umschlag, leuchtet im Dunkeln gespenstisch aus dem Bücherregal heraus. "Jo", sagt Lentz und wiegt sein neues Buch in der Hand, „praktisch. Nimmt nicht viel Platz weg." Den letzten Teil des Satzes murmelt er, lacht kurz und schaut dann plötzlich, ob man den Witz auch verstanden hat.

Natürlich sei es vor allem eine poetologische Note, die in der Gestaltung des Buches zum Ausdruck komme. Die Gedichte sollen den Anschein erwecken, Notizen zu sein. Sein Anspruch sei gewesen, etwas möglichst Einfaches zu formulieren, das aber natürlich nicht weniger komplex ist. Für ihn sind die Gedichte in erster Linie Spracharbeit, die Einfachheit in Sprache und Form eine Selbstdisziplinierung.

Man muss dafür womöglich noch nicht einmal seinen Roman Pazifik Exil kennen oder Muttersterben, einen fast dokumentarisch anmutenden Text über den Krebstod seiner Mutter, aus dem er in etlichen Versionen alle gefühlige Überschüssigkeit, wie er es nennt, alle Hilflosigkeit entfernt habe. Dass Form, Komponiertheit keine Rolle spielen sollten, ist bei Michael Lentz auch gar nicht denkbar. Man kann es sehen.

Lentz – beeindruckend groß, steht man neben ihm – hat mit seinem kahlen Schädel, seinem scharf geschnittenen Gesicht selbst etwas Geschliffenes, das durch seine Kleidung und den Schmuck, den er trägt, noch markanter wird. Ist ja nicht allzu häufig, dass man im Literaturbetrieb Männer trifft, die etwas auf Stil geben, der über den sprachlichen hinausgeht. Zwei- bis dreimal in der Woche geht Lentz zum Boxtraining. Der Alltag muss hochmotorisch sein. Lustig dagegen ist, dass er, der 1964 in Düren geboren wurde, ein relativ breites Rheinländisch spricht, das irgendwie gemütlich klingt. Zu gern würde man ihn bitten, einmal "Mir lasse den Dom in Kölle" zu sagen. Oder noch einmal "Butterbrotfinger".

Dass man seine Gedichte autobiografisch lesen könnte, findet er seltsam. Sagt er. Motivgeflechte aus Liebesdiskursen seien das. Es gäbe ja auch ein paar Anleihen, bei Mörike, Rilke, bei Luhmann, dem Paradoxienjäger. Was ihn interessiert, sind Paradoxien. Unausweichlichkeiten, Unmöglichkeiten, die dann aber trotzdem gelebt werden, "lebenspragmatisch ausagiert werden müssen", nennt Lentz das.