Vom weitverzweigten Metropolengedicht über atmosphärische Skizzen und Momentaufnahmen bis zu überraschenden Zweizeilern birgt der Band von Ron Winkler einen in der Lyrik ungewohnten Abwechslungsreichtum, der zu einer extremen Lesegeschwindigkeit führt: Man will sich die Gedichte einverleiben. Und zwar schnell! Ein großer Rausch.

Ron Winkler, 1973 geboren, ist ein Sprachraumforscher des 21. Jahrhunderts und als solcher einer der wenigen, die diese Bezeichnung auch verdienen. Die unglaubliche Leichtigkeit und Frische, die man schon bei seinem ersten Gedichtband Vereinzelt Passanten (2004) feststellte, setzt sich in seinem neuen Buch fort. Winkler arbeitet mit einer zielgenauen Sicherheit für eine ungewöhnliche Homogenität, die Technizismen, Fachsprachen, Versatzstücke aus der Medienwelt und zeitgenössische Sprechweisen in einen elegant fließenden Mix bringt. In Fragmentierte Gewässer (2007) ließ der Autor Grundelemente der Poesie wie Landschafts- und Naturgewalt-Bilder an wissenschaftlichen und technischen Begriffswelten zerschellen. Und auch als Herausgeber einiger Anthologien mit Dichtern seiner Generation hat Winkler Trends gesetzt. In Frenetische Stille übertrifft er die Erwartungen.

Da ist die Rede von "obdachlosen Sloterdijks", "fiction victims" und davon, "dass man nach hundert Vorlesungen im Sozialamt einen Besuch gratis erhält". Es finden sich wunderbare Zeilen, die die Stimmung dieser Tage auf den Punkt bringen: "Wir spürten die Mischung aus Revolte und Parkplatz." Oder: "Ich bin dir noch in jedes Nichts gern gefolgt." Es geht "um das Glück in mobilen Großstädten, bewohnt von statischen Ichs".

Winkler wirft "die Einrichtung Sonne" und "das Esoteriksignal Mond" an das Himmelszelt seines Bildschirmschoners. Der Band zeigt mehr als einen Weltverlust einen Vorrangigkeitsverlust auf: Demokratie den Signalen! Auch Gott erscheint gelegentlich und taucht unter ("die Zeit, in der Gott ein Beruf war", "Gottfäller zogen an uns vorbei, wie Spams"). Zeilen wie "Asphaltinhos und Asphaltinhas, die uns Ichs anboten, die sie selbst nicht besaßen" weisen in die Richtung einer post-postmoderner Ich-Auslagerung. Aus den Körpern in die Welt?

Wenn schon der Sinn in diesen Zeiten dünn gesät ist, dann aber sollte es aus voller Kanne Sinnlichkeit regnen. Und das tut es! Auch Peter Glaser hätte seinen Spaß an diesen Gedichten. Es sind viele abgefahrene Bilder, die Winkler zum Leuchten bringt. Und es sind auch solche dabei, die vor entpsychologisierten Ebenen spielen … "man sollte hier fäulnis üben".