Schriftsteller und die Securitate Aufklärung, keine Berufsverbote
Der Fall des Literaturfunktionärs Peter Grosz zeigt: Die Öffentlichkeit weiß noch nicht, wie man mit ehemaligen Securitate-Spitzeln umgehen soll.
© Daniel Mihailescu/AFP

Die Securitate-Akten im Keller der CNSAS-Behörde in Bukarest. Mehr als 20 Kilometer Akten kamen in den Jahren des Ceaucescu-Regimes zusammen
Gruia muss kein angenehmer Zeitgenosse gewesen sein. William Totok, der Mitte der siebziger Jahre zur Dichtervereinigung "Aktionsgruppe Banat" gehörte, die Gruia im Auftrag der Securitate ausspionierte, erzählte dem SWR: "Er hat darüber berichtet, was ich schreibe, was ich beabsichtige zu schreiben, was ich politisch beabsichtige zu tun. Er hat mitgeteilt, dass das staatsfeindliche Texte sind. Er hat über meine Freundin berichtet, er hat über meine Mutter berichtet. Und er hat im Grunde der Securitate ein Psychogramm meiner Person geliefert, aufgrund dessen man gegen mich vorgehen konnte."
Gruia ist der Deckname des 1947 in der Banater Ortschaft Jahrmarkt geborenen Autors und Literaturfunktionärs Peter Grosz, wie dieser unter dem Druck der Enthüllungen jetzt zugab. Vom Beruf Gymnasiallehrer für Deutsch und Darstellendes Spiel in Oppenheim bei Mainz, seit Herbst vergangenen Jahres und bis vor Kurzem daselbst Leiter der Kultur-Festspiele, ist er auch einer engeren literarischen Öffentlichkeit nahezu unbekannt. Immerhin brachte ihm ein Auftritt beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1985 den Bertelsmann-Literaturpreis ein, und er hatte, beispielsweise von 1990-1994 als Leiter des Mainzer Literaturbüros sowie im Rahmen des Leonce-und-Lena-Lyrikpreises, ab und an Einfluss bei der Nachwuchsförderung.
Staatsfeindliche Haltung war im Rumänien Ceausescus ein schwerer Vorwurf, der Gefängnisstrafen bis zum Tod bewirken konnte, aber er findet sich in den Securitate-Akten vermutlich öfter, ohne dass viel geschah. Was bei Gruia jedoch ins Gewicht fällt und ihn etwa von Werner Söllner unterscheidet, der sich im Dezember vergangenen Jahres nach langem Drängen der ehemaligen Freunde zu seiner Securitate-Vergangenheit bekannte, sind die intimen Details, die Gruia mitteilte. Der rumäniendeutsche Schriftsteller Richard Wagner sagt dazu: "Man kann die beiden Fälle kaum miteinander vergleichen, schon aufgrund der sehr unterschiedlichen Materiallage ist das kaum möglich. Aus dem, was uns zur Verfügung steht, ist im Fall Grosz weitaus Schlimmeres belegt."
Gruia, sagt Wagner, "gehörte zum harten Kern der Securitate-Helfer. Diese wurden gezielt eingesetzt, nicht nur zur Informationsbeschaffung, sondern auch zur Manipulation des Opfers. Sie drangen systematisch in dessen Privatleben ein." Gruia erzählte Details des psychischen Zusammenbruchs eines weiteren Dichters aus dem Banat, Gerhard Ortinau. "Der Gipfel ist, dass er jetzt sagt, er habe Privates in die Berichte geschrieben, um so wenig politischen Schaden wie möglich anzurichten", sagt Wagner.
Was den Fall jetzt interessant macht, ist also nicht unbedingt die unbezweifelbare Qualität großer Teile des poetischen Werks wie bei Werner Söllner. Neben der Ausspionierung intimer Details, die auch ein vormaliger Gefängnisaufenthalt Grosz‘ im Rumänien der siebziger Jahre nicht entschuldigt, ist es auch die Art der Reaktion deutscher Kulturbehörden, die diesmal aufmerksam macht. Vergangene Woche wurde Grosz seiner Funktion als Leiter der Oppenheimer Festspiele kurzerhand enthoben. Grosz sei "nicht mehr tragbar" erklärte Marcus Held, Bürgermeister von Oppenheim. Held betonte, der Stadtrat habe sich nicht inhaltlich mit der Frage befasst, wie die Spitzel-Tätigkeit von Grosz für die Securitate zu bewerten ist. Klar sei aber: "Er hat das über lange Zeit verheimlicht und das macht ihn für die Funktion des Festspielleiters unmöglich."
Man wird abwarten müssen, was in der Frage von Grosz‘ Tätigkeit am Katharinen-Gymnasium in Oppenheim geschieht. Das Bildungsministerium "prüfe", heißt es, "arbeitsrechtliche Konsequenzen". Doch eine Amtsenthebung aufgrund von Vorwürfen, deren Basis über dreißig Jahre zurückliegt und unter den Bedingungen der Ceausescu-Diktatur in Rumänien entstand, gibt der Angelegenheit schon jetzt eine mögliche Präzedenz-Funktion. Vor allem, da die Aufklärung über die Securitate-Akten erst begonnen hat.
Auch die Nobelpreisträgerin Herta Müller ist am Rande von Gruia betroffen, der mindestens über eine Lesung von ihr berichtete. Sie nimmt eine klare Position ein: Wenn es um die Stasi gehe, halte man Aufklärung für normal. Die Ex-Agenten der Securitate "leben aber auch hier im Land, sind deutsche Staatsbürger". Warum sie also anders beurteilen? Müller weist auch auf einen, gerade in diesem Fall, nicht unwichtigen Unterschied hin: Informanten der Securitate konnten im Unterschied zu Ostdeutschen "Beamte werden, ohne Fragen nach Mitarbeit für den rumänischen Geheimdienst, aber der Sachverhalt ist derselbe". Und obwohl Rumänien nicht mit der DDR identisch war, bleibt die Frage, wie sich ein Mensch unter den jeweils besonderen Bedingungen einer realsozialistischen Diktatur verhält, tatsächlich ähnlich.
- Datum 02.03.2010 - 06:56 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Die Mitarbeit als Securitate Spitzel gegen die eigenen Freunde zu arbeiten auf eine Stufe mit der 1,5 Promille Fahrt von Frau Käßmann zu stellen zeugt von einiger Unverfrohrenheit des Autors und fehlendem Einfühlungsvermögen.
Frau Käßmann hat vielleicht einen Fehler gemacht, aber sie hat nicht ihre besten Freunde verraten, nur um selbst Ruhm zu ernten. Die eigenen Freunde zu verraten und für eine Diktatur ist so ziemlich das widerlichste, was es gibt.
Der Autor des Artikels sollte sich dies vergegenwärtigen, bevor er bestimmte Vergleiche zieht.
Könnte es sein, dass Sie irren? Lesen Sie doch bitte den Artikel "Mama macht Karriere" (hier in der Zeit) und die Äußerungen Käßmanns über ihren Ehemann kurz vor dem gemeinsamen Tischgebet. In einer Demokratie ist ein Verrat an den Geheimdienst höchst unwahrscheinlich. Eine Auseinandersetzung unter Eheleuten über die Erledigung von Hausarbeiten, die nur in einem Vier-Augen-Gespräch etwas verloren hat, über die Presse zu führen, gilt nicht wenigen Menschen in diesem Land als Gipfel des möglichen persönlichen Verrats.
Könnte es sein, dass Sie irren? Lesen Sie doch bitte den Artikel "Mama macht Karriere" (hier in der Zeit) und die Äußerungen Käßmanns über ihren Ehemann kurz vor dem gemeinsamen Tischgebet. In einer Demokratie ist ein Verrat an den Geheimdienst höchst unwahrscheinlich. Eine Auseinandersetzung unter Eheleuten über die Erledigung von Hausarbeiten, die nur in einem Vier-Augen-Gespräch etwas verloren hat, über die Presse zu führen, gilt nicht wenigen Menschen in diesem Land als Gipfel des möglichen persönlichen Verrats.
Hans - Peter Kunisch hat die Fälle Käsmann und Grosz nicht
"auf eine Stufe gestellt", sondern mit seinem beiläufigen Vergleich im Hirn eines mitdenkenden Lesers exakt die Erkenntnis des moralischen Unterschieds evoziert.
Könnte es sein, dass Sie irren? Lesen Sie doch bitte den Artikel "Mama macht Karriere" (hier in der Zeit) und die Äußerungen Käßmanns über ihren Ehemann kurz vor dem gemeinsamen Tischgebet. In einer Demokratie ist ein Verrat an den Geheimdienst höchst unwahrscheinlich. Eine Auseinandersetzung unter Eheleuten über die Erledigung von Hausarbeiten, die nur in einem Vier-Augen-Gespräch etwas verloren hat, über die Presse zu führen, gilt nicht wenigen Menschen in diesem Land als Gipfel des möglichen persönlichen Verrats.
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