Psychologie Autorin Alice Miller gestorben
Die Schweizer Kindheitsforscherin und Autorin Alice Miller ist tot. Ihr Buch "Das Drama des begabten Kindes" erlangte weltweite Bekanntheit.
Miller, die zuletzt in der Provence lebte, starb am 12. April im Alter von 87 Jahren, wie der Suhrkamp Verlag mitteilte. Zu ihren bekanntesten Werken gehört "Das Drama des begabten Kindes" und die "Suche nach dem wahren Selbst" von 1979. Damit begann sie ihre Auseinandersetzung mit den Folgen der Misshandlung von Kindern. Ihre Bücher wurden in 30 Sprachen übersetzt. Die Beisetzung fand laut Suhrkamp im engsten Kreis statt.
In Werken wie "Dein gerettetes Leben" (2008) plädierte Miller für eine liebevolle und gewaltfreie Erziehung. Sie grenzte sich von der Psychoanalyse ab, die aus ihrer Sicht in alter Tradition das Kind beschuldigt und die Eltern schont. Für die Forscherin hatten vernachlässigte Kinder, gewalttätige Jugendliche und Terrorismus die gleiche Ursache. Die Täter wurden gequält, als sie klein waren.
Eine von Millers These lautete: "In jedem noch so schrecklichen Diktator, Massenmörder, Terroristen steckt ausnahmslos ein einst schwer gedemütigtes Kind, das nur dank der absoluten Verleugnung seiner Gefühle der totalen Ohnmacht überlebt hat."
Was Miller schrieb, klingt wegen der Schlagzeilen um Missbrauch in der Kirche einmal mehr aktuell: Sie appellierte an Erwachsene, sich dem Schmerz zu stellen, den sie als Kind erlitten haben. Depressionen, Krankheit und Drogensucht können Folgen eines "Selbstverrats" sein. Als Beispiele nannte Miller Prominente wie Marilyn Monroe, Virginia Woolf und Elvis Presley.
Miller wurde 1923 im damaligen Polen geboren und studierte in Basel Philosophie, Psychologie und Soziologie. Nach der Promotion war sie 20 Jahre lang Psychoanalytikerin. 1980 gab sie ihre Praxis auf und konzentrierte sich auf das Schreiben. "Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst" von 1979 ist ihr bekanntestes Buch.
- Datum 23.04.2010 - 13:01 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, dpa
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Der Tod von Alice Miller wird - so glaube ich - nicht das bewirken, was sie sich seit Jahrzehnten wünscht: Ein umfassendes gesellschaftliches Bewusstsein dafür, dass das, was Kindern jeden Tag millionenfach an Leid durch ihre Eltern zugefügt wird, sich in deren späteren Leben enorm destruktiv auswirkt und vor allem auch auf der gesellschaftlichen,politischen Bühne wiederaufgeführt wird, in Form von Krieg, politischen Konflikten usw. usf.
Die Medien hätten jetzt die Chance, das Wissen, was Miller hinterlässt, umfassend aufzubereiten und es zu verbreiten. Gerade in der heutigen Zeit, wo Krieg durch westliche Länder wieder auflebt, sollte dies Thema sein. Ich bin nicht sicher, ob die Medienschaffenden den Mut und den Willen, vielleicht mehr noch die Emphatie dazu haben werden. Wir werden sehen.
Kinder sind vollständige Menschen. Das ist ihr Vermächtnis.
1. Warum sollte überhaupt der Tod von irgendwem etwas bewirken?
2. Warum sollen eigentlich die anderen die Welt verbessern, Goschis? Wie sieht es da mit ihrem Mut und Ihrem Willen aus?
Alice Millers Tod hat mich tief erschüttert, sie war für mich wie eine große Schwester, die mein Leid versteht. Durch sie hatte ich endlich Mitgefühl mit dem Kind in mir, das von seinen Eltern misshandelt und vernachlässigt worden war und ich hatte keine Angst mehr, die Verantwortung dafür meinen Eltern zu geben. Da ich erkannte, welche Verheerungen elterliche Misshandlungen auslösen, wiederholte ich den Missbrauch nicht an meinen Kindern und ließ sie völlig gewaltfrei aufwachsen. Meine Kinder kennen Alice Miller und sie wissen, was sie ihr zu verdanken haben.
Alice Miller war eine der wenigen, die das Gefühl der Kinder über das "Pseudo"-Gefühl der Erwachsenen gestellt hat und die sagte: (Ver-)Traut euren Kindern" und die uns klargemacht hat: Was sich wie Scheiße anfühlt, ist auch Scheiße!
Klare, deutliche Worte, keine Umschreibungen, Verharmlosungen, kein "unter den Teppich kehren", kein "lasst die Vergangenheit ruhen..." Alice Miller ist aktueller denn je. Wenn man bedenkt, dass 95% der Missbrauchsfälle in der Familie, im Verwandten- Freundeskreis stattfindet, dann betrifft diese, aktuelle Empörung gerade einmal 5% der Fälle. Was, wenn die anderen 95% Ihr Schweigen brechen?
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