Unter wirtschaftlichem Druck: Die Mittelschicht schaut ihrem Geld hinterher

Das ist ein wütendes Buch. Und irgendwann packt einen auch beim Lesen Wut über das, was hier beschrieben wird. Ulrike Herrmann, Wirtschaftskorrrespondentin der Berliner Tageszeitung, zeichnet ein Bild der deutschen Gesellschaft, das man sich durch Lektüre der Wirtschaftsseiten der Zeitungen eher nicht machen kann. Sie schildert ein Land, das sich zwar gern als "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" (Helmut Schelsky) sieht, in Wirklichkeit aber "extrem ungleich" ist.

Dabei klagt Herrmann diese Unterschiede nicht an, sie beschäftigt sich schlicht mit den Kosten und stößt dabei auf ein geradezu perfektes System, das die Reichen fast immer schont und die Mittelschicht zur Kasse bittet, genauer: die Schicht mit Einkommen zwischen monatlich 1000 und 2000 Euro netto für Singles und zwischen 2100 und 4600 Euro für Familien mit zwei kleinen Kindern. Während Arbeitnehmer bis zu 53 Prozent ihrer Arbeitskosten als Steuern und Sozialabgaben abführen, versteuert ein Millionär im Schnitt seine Einkünfte mit 32 Prozent. Steuerfahnder und Betriebsprüfer fehlen in Deutschland zu Tausenden, aber eine neue Großbehörde darf Schwarzarbeit bekämpfen.Dazu werden seit Jahren die direkten Steuern gesenkt, was weiter unten als verdeckte Erhöhung ankommt. Der Fiskus holt sich sein Einnahme-Minus über indirekte Steuern zurück – und das leert das Portemonnaie derer schneller, die ohnehin weniger drin haben.

Wer ist an alledem schuld? Kurioserweise die, die darunter leiden, sagt Herrmann: die Mittelschicht selbst. Sie wählt sich die Parteien und Programme, die sie immer weiter unter wirtschaftlichen Druck setzen. Schließlich stelle die Mitte immer noch die meisten Wahlberechtigten: "Ihre Mehrheit wirkt sich an der Wahlurne sogar überproportional aus, weil die Armen ihre Stimme oft gar nicht erst abgeben." Aber warum stimmen sie dann gegen sich selbst? Herrmann sagt: weil sie sich mit der Elite, der Oberschicht, emotional identifizieren und, stärker noch, jede Nähe zur Unterschicht ängstlich meiden. Und weil sie sich deshalb lieber einreden, der Hartz-IV-Empfänger verprasse ihre Sozialbeiträge, als einzusehen, dass sie mit weitaus größeren Summen die Eliten fetterfüttern.

Wenn man dieses Buch also mit Wut im Bauch liest, dann ist das die Wut über sich selbst. Aber wenn sich der Schmerz über den Blick in den Spiegel erst einmal gelegt hat, unterhält man sich sogar gut bei der Lektüre: Herrmann nämlich präsentiert unsereinen – die Rezensentin bekennt sich anhand der angegebenen Nettoeinkommen zur mittleren Mittelschicht – als reichlich neurotisches Volk, das sich, wie Psychologen wohl sagen würden, mit dem Aggressor, der Elite, überidentifiziert und einen mehr als getrübten Blick auf die Wirklichkeit hat.

So groß scheint die Panik der Mittelschicht vor dem Abstieg und ihr Abgrenzungsbedürfnis nach unten, dass sie lieber gegen ihre vitalen Interessen handelt, als sich einzugestehen, dass sie sie mit der verachteten Unterschicht teilt: faire Steuern an erster Stelle, die die großen Einkommen und Vermögen in die Finanzierung von Staatsaufgaben wirklich einbezögen. Oder Mindestlöhne, weil sie ein Lohndumping dämpfen würden, das auch die Mittelschicht bedroht. Deren Einkommen und Löhne sinken in Deutschland inzwischen selbst in Boomzeiten. Die für alles zahlen, werden selber ärmer – und weniger. Beschleunigt hat sich der Prozess in den rot-grünen Jahren. Herrmann, die bei Vorstellung ihres Buchs kürzlich betonte, es gehe ihr nicht um Parteien, liefert freilich viel Material darüber, wie unter Schröder der Abstand zwischen Oben und Unten wuchs – und wie Sozialdemokraten dies mit "Hetze" (Herrmann) gegen Unten orchestrierten.

Auch das Interesse an einem guten öffentlichen Bildungssystem sollte Mittel- und Unterschicht einen. Denn das Rattenrennen aus den staatlichen Schulen in die angeblich besseren privaten lässt nicht nur die Kinder der Armen in Ghettoschulen zurück. Die ehrgeizigen Mittelschichtseltern können es auch nicht gewinnen. Wer glaube, dass seine Kinder zur Elite aufrücken könnten, falls sie nur die richtigen Abschlüsse haben, falle "auf den Mythos herein, dass Deutschland eine Leistungsgesellschaft sei", schreibt Herrmann. Die Elite weiß längst, dass Bildung notwendig, aber längst nicht hinreichend ist für Erfolg. Kontakte sind’s.

Ulrike Herrmann appelliert an den Mittelstand, sich im eigenen Interesse einen "New Deal" herbeizuwählen. Das Kapitel über Bildung dürfte dafür die stärksten Argumente liefern, schließlich behandelt es ein seit je zentrales, neuerdings oft hysterisch verhandeltes Mittelschichtsthema. Aber auch Unbelehrbare haben etwas von diesem gut geschriebenen und faktenreichen Buch – eine Lesehilfe für Nachrichten über praktisch alle heißen Themen: Steuersenkung, Pisa, Hartz und sogenanntes Unterschichtenfernsehen. Und dafür, wie das alles zusammenhängt.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 12. April 2010)