In der Folgezeit erschienen im deutschsprachigen Raum zahlreiche weitere Bücher, die mit Ausnahmen mehr oder weniger negative Internatserfahrungen beschreiben, erwähnt seien nur Ernst Weiß’ Roman Der Aristokrat, an Leopold von Wieses Erinnerungen Kindheit (1924), Christa Winsloes Drama und Roman Mädchen in Uniform (1930, 1933), Barbara Frischmuths Roman Die Klosterschule (1968), Thomas Bernhards autobiographische Prosa Die Ursache (1975), Joseph Zoderers Roman Das Glück beim Händewaschen (1976), Michael Köhlmeiers Roman Die Musterschüler (1989) oder Paul Ingendaays Roman Warum du mich verlassen hast (2006). Die Liste ließe sich fast beliebig erweitern, und natürlich müsste man auch die anderssprachige Literatur, vor allem die englische und französische, berücksichtigen.

In den genannten Büchern findet sich alles, was das negative Bild von Internaten prägt und prägen kann, auch sexueller Missbrauch, durch Mitschüler wie Erzieher und Lehrer, auch körperliche Misshandlung bis hin zum Mord. Man kann darin vom Suizid lesen und von Tyrannei verschiedenster Form, von Einsamkeit und sinnlosen Lerninhalten, vom Ausgeschlossen- und Abgeschobensein, von allem Leid, dessen pubertäre Seelen fähig sind – oder die Seelen, derer, die über diese zu wachen haben. Das Internat in der Literatur, auch das ein Topos, ist auch ein Abbild der Gesellschaft, in der es spielt, oder es kann als utopisches Modell für diese gelten. Daher kann man auch fast alle gesellschaftlichen Phänomene in der Internatsliteratur wiederfinden.

Wer aber nun wie einige Feuilletonisten aus der unrealistischen Idyllisierung einerseits und dem erschütternd-drastischen Grauen andererseits schließt, dass Letzteres die Realität aller Internate bis heute dokumentiere und man also vor diesen warnen müsse, hat von Sinn und Wesen der Literatur nichts begriffen. Ebensogut könnte das Auswärtige Amt Reisewarnungen für Schweden oder New York ausgeben, weil dort so viele Krimis spielen. Literatur, selbst in ihrer Gesamtheit weltweit und aus allen Zeiten, spiegelt nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit wider, und das subjektiv reflektiert. Das macht sie nicht unglaubwürdig, aber es nötigt uns einen Umgang mit ihr ab, der ebenfalls reflektiert und nicht affirmativ sein sollte.

Das Leid der Kinder in den literarischen Internaten ist nicht zuletzt ein Gedankenspiel, wenn auch ein traurigerweise oftmals auf eigenen Erfahrungen beruhendes, aber es ist nicht die Wirklichkeit. Es kann uns für das Leid in der Realität sensibilisieren, uns helfen, uns in die Opfer von Missbrauch und Misshandlung einzufühlen. Aber die Beschäftigung mit den literarischen Internaten kann nicht diejenige mit den realen ersetzen, auch wenn die Klischees der Literatur noch so gut zu den eigenen Vorurteilen passen.

Die Realität ist: Es gibt gute und schlechte Internate; es gibt, aus ganz verschiedenen Gründen, Kinder, die in Internaten glücklich sind, und solche, die dort leiden; und es gibt gute und schlechte Motivationen, auf Grund deren Eltern ihr Kind auf ein Internat schicken. Und es gibt zwischen alledem noch unzählige Abstufungen und Zwischentöne. "Unterschiedenes ist gut", heißt es bei Friedrich Hölderlin – auch ein Internatszögling.

Klaus Johann ist Literaturwissenschaftler und war selbst und überwiegend gern neun Jahre lang auf einem katholischen Internat. Er ist der Autor des Buches "Grenze und Halt: Der Einzelne im 'Haus der Regeln'. Zur deutschsprachigen Internatsliteratur" (Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2003).