Seit einigen Wochen befinden sich Internate nun in der öffentlichen Debatte, aus tragischen Gründen, wegen erschütternder Ereignisse. Zahlreiche Fälle von sexuellem Missbrauch und körperlicher Misshandlung sind bekannt geworden und haben eine Institutionsform in den Mittelpunkt des Interesses gerückt, die in Deutschland ansonsten im mehrfachen Sinne eher ein Nischendasein führt.

Internate sind seltsame Orte, geheimnisvolle zumal, wenn man nicht selbst dort Zögling gewesen ist. In einer Welt, in der fast alles kartografiert und fotografiert ist, im Internet, auf Papier und im Kopf, zählen Internate, ähnlich wie Klöster und Gefängnisse, zu den letzten unerschlossenen Räumen, die geblieben sind. Alles, was man nicht kennt, lädt ein zur Projektion: Man will wissen, was hinter den verschlossenen Internatstüren vor sich geht, man stellt es sich vor – was stellt man sich vor, und woher kommt das, was man sich vorstellt? Was man nicht selbst erfahren hat, vermittelt sich am simpelsten im Klischee, im Vorurteil, im Topos.

Das Internat ist nicht nur eine Terra incognita, es ist auch einer der letzten Räume, dessen allgemeine Vorstellung vor allem literarisch vermittelt ist, sieht man von einigen Filmen ab, die aber meist ebenfalls auf literarischen Vorlagen beruhen. Die Internatsliteratur ist ein reiches und vielfältiges Genre, das sich von den Klostergeschichten aus St. Gallen, geschrieben um das Jahr 1000, bis in die Gegenwart verfolgen lässt, in den meisten europäischen und europäisch geprägten Literaturen vor allem seit Mitte oder Ende des 19. Jahrhunderts, in der deutschsprachigen etwa seit Conrad Ferdinand Meyers Die Leiden eines Knaben (1883).
Welche Klischees und Topoi aus Literatur und Film sind es nun, die die allgemeine Vorstellung von Internaten prägen?

Im Wesentlichen gibt es zwei Ausprägungen, die sich geradezu ausschließen: die Idylle und das schlichte Grauen. Erstere begegnet den Lesern vorwiegend in Kinderbüchern, man denke an Emmy von Rhodens Der Trotzkopf (1885), Wilhelm Speyers Der Kampf der Tertia (1928), Enid Blytons Hanni und Nanni-Geschichten (1941-45) oder Oliver Hassencamps Burg Schreckenstein-Bücher (1959-88), auch Erich Kästners Das fliegende Klassenzimmer (1933) oder Joanne K. Rowlings Harry Potter-Romane (1997-2007) zählen letztlich dazu. Natürlich – was ließe sich sonst erzählen? – gibt es auch in diesen Büchern böse Figuren und kleine, manchmal sogar größere Probleme, doch lassen sich diese lösen oder aus dem Internatskosmos vertreiben; Freundschaft und Kameradschaft der Schüler untereinander sowie gütige Lehrer- und Erzieherfiguren sorgen in der Regel dafür.

Diesen positiven Bildern des Internatslebens stehen in der sogenannten Erwachsenenliteratur zahlreiche, meist autobiographisch fundierte Schilderungen der Schrecken des "Internatskerkers" (Thomas Bernhard) entgegen. Schon am Anfang des letzten Jahrhunderts erschienen mit Hermann Hesses Unterm Rad (1904), Robert Musils Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (1906) und Robert Walsers Jakob von Gunten (1909) drei Romane, die nicht nur innerhalb des Genres Internatsliteratur zu den bedeutendsten ihrer Zeit gehören.

In allen dreien wird das für die Internatsliteratur charakteristische Motiv der Ambivalenz und Dialektik von Grenzen, als einengende Schranke wie als stabilisierender Halt, in ihren verschiedenen Ausprägungen thematisiert – seien sie real wie Mauern oder Gräben oder lediglich gedacht wie Ordnungen und Identitäten. In Hesses Buch wird vorgeführt, wie ein junger Mensch an den ihm vom Vater, den Lehrern und anderen Respektpersonen oktroyierten und einengenden Erwartungen und Zukunftsplänen zugrunde geht. Musils Zögling Törleß ist verwirrt, als sich ihm der Gegensatz erschließt: zwischen der starren, auf Etikette gegründeten gesellschaftlichen Ordnung, auf die hin er erzogen werden soll, und der von Missbrauch und Gewalt geprägten Realität, in der er leben muss; Robert Walsers Jakob von Gunten hat die absurde Hausordnung des Instituts Benjamenta derart verinnerlicht, dass sie ihn in durchaus ambivalenter Weise einschränkt und ihm zugleich Halt zu geben scheint.