Henry David Thoreau beklagte, dass die Erfindung des Telegrafen nur dazu geführt habe, dass man über größere Distanzen Unsinn reden könne. Was zur Zeit des 1854 erschienenen Walden noch bloße Mutmaßung war, ist im Zeitalter der absoluten Vernetzung Realität. Auf Chatroulette, der jüngsten Errungenschaft totaler Kommunikation, ist man schon froh, wenn anstelle von transkontinentaler Masturbation überhaupt gesprochen wird. Etwas anders steht es um klassische Tippmedien wie Facebook und Twitter. Doch auch hier gehen die geposteten Einzeiler zuweilen selten über das Niveau von Ansichtskarten oder einer privaten Form der Klatschpresse hinaus.

Angesichts dieser Situation fragt es sich, wie die Literatur derjenigen aussieht, die mit der Sprache des Internets aufgewachsen sind – jener neuenLingua franca, die anstelle von Orthografie und sprachlicher Differenziertheit auf Emoticons setzt und sich vor allem durch ihre provisorische Qualität auszeichnet. Während man in Berlin am Fall von Helene Hegemann jüngst erleben musste, wie die Verbindung von Internet und Literatur vor allem in juristischer Hinsicht problematisch sein kann, kommt eine erfreulichere Antwort aus New York.

Um die dort ansässigen Verlage Melville House und Muu Muu House hat sich während der letzten Jahre eine Szene gebildet, die sich gewissermaßen der literarischen Erschließung des Chatrooms verschrieben hat. Das Medium Internet ist hier weniger literarische Experimentierwerkstatt, wie dies etwa für Rainald Goetz der Fall war, sondern Schreibstil und Wahrnehmung prägende Lebensrealität. Ob Tao Lin, Brandon Scott Gorrell, Zachary German oder Ellen Kennedy: Jeder dieser Autoren hat seine Feder in Teenagerjahren an einem Blog geschult, bevor er in Buchform publizierte. Und interessanterweise konnte dies dem Beharrungsvermögen klassischer Literaturformate wie Gedicht, Kurzgeschichte und Roman überhaupt nichts anhaben.

Da ist zum Beispiel der selbstbewusst mit During my nervous breakdowns I would like to have a biographer present betitelte Gedichtband Brandon Scott Gorrells. Hier wird eine Chatromanze mit folgenden Versen beschrieben:

"I said I want to be invisible / you said I want to see you visibly / I said I cannot believe I’m experiencing internet social anxiety / you said thank you for suffering me / I said I want to see your face / you said I hate you / I said I want to move into the internet / you said let’s do that."

Bemerkenswert auch die im Stil eines Protokolls verfasste Schilderung einer schlaflosen Nacht: "4:12 AM brandon has checked all his websites / brandon looks at his bookmarks / brandon reads a poem he send to juked / brandon reads it too fast / brandon tries to read it slower / brandon can’t read it slower / 4:47 AM brandon minimizes and maximizes mozilla firefox repeatedly."

Ellen Kennedys erster Gedichtband wurde gleich im Internet publiziert und behandelt eine Reihe absurder Themen aus der Naturbetrachtung, die spätestens seit Houellebecqs Tierfabeln zum Standardrepertoire des melancholischen Großstädters gehören. Hier ist von Blaubeerpflücken, Blumen und Entenjagd die Rede. Selbst der paradoxe Titel von Kennedys Gedichtsammlung I will never write a book kann durch die Form der Online-Publikation eingelöst werden. In ihrem 2009 dann in gedruckter Form erschienenen Band Sometimes my heart pushes my ribs widmet sich die Autorin vor allem dem Thema der Belanglosigkeit intimer Bekenntnisse, was für die Kultur des Netzes symptomatisch ist. Sie schreibt dort weniger provokativ im Stil der Feuchtgebiete als vielmehr apathisch, wobei sich der Humor auf der Ebene der bloßen Fakten wiederfindet: