Literatur & Internet Hyperlinks sind outSeite 2/2

"I shit in the downstairs bathroom of my parent’s house / it has wood paneling / I wipe my vagina and ass and it hurts a little / There is a speck of blood, a speck of smeared shit and a small blob of cum / I look at my shit / it reminds me of chunks of high quality marijuana / but in a brownish mustard color / I see something that is shaped like a cashew and feel / confused because / I haven’t eaten cashews in a long time.“

Wie man im Stehen pinkelt, weiß Kennedy von dort, wo derlei detaillierte Anweisungen zur Lebenspraxis herkommen: "I once knew a girl form the internet who googled directions on how to pee standing up / I don’t know why I thought this poem would be a good idea / I am embarrassed", schließt sie in eben so unironischer wie unendlicher Distanz zum eigenen Text.

Auch in den Erzählungen von Tao Lin, dessen Gute Laune Roman bereits auf Deutsch vorliegt, sind die Protagonisten ständig damit beschäftigt, ihre auf Microsoft Word geschriebene Poesie zu archivieren und sich in Chatrooms rumzutreiben. Seine jüngste Novelle handelt von einem Diebstahl bei der Bekleidungskette American Apparel, was auf einer wahren Geschichte beruht, welche der Autor zuvor für das Vice Magazine kolportierte.

Der Text ist gespickt mit ironischen Verweisen auf die faire Behandlung der Arbeitnehmer durch American Apparel und auf die Vorliebe für veganes Essen, welche der Delinquent mit dem Besitzer des Geschäfts teilt. Trotzdem hat der Diebstahl einen unfreiwilligen Gefängnisbesuch des Autors zufolge, der dort eine Reihe merkwürdiger Gespräche mit den anderen Insassen führt. Schließlich träumt der Ich-Erzähler davon, die Geschichte mithilfe einer Microsoft-Anwendung ins Präsens zu setzen: "I want to change my novel to present tense. Is there some Microsoft Word thing to do that?"

Schon lange gab es solche Spekulationen darüber, wie Internet und Computer die Literatur verändern würden. Während der neunziger Jahre wurde etwa die Form der nicht-linearen Erzählstruktur unter Anwendung von Hyperlinks im Text diskutiert und ausprobiert, was sich aber in der Praxis niemals durchsetzen konnte. In der zeitgenössischen Realität zeigt sich dagegen ein Verhältnis zwischen Literatur und Internet, das zugleich banaler und intimer ist, als es sich die Pioniere der Netzliteratur erträumen konnten: Netz und Computer sind weniger Spielwiesen der Avantgarde als vielmehr Realitäten, denen Autoren gerade in ihrer Eigenschaft als Textarbeiter nicht entgehen können. Die Frage danach, was die Literatur mit der Technik anstellt, hat sich zur Frage gewandelt, was die Technik mit der Literatur macht. Den hier vorgestellten Schriftstellern hört man eine Lust an der neuen Passivität des Autors gegenüber den eigenen Texten an, die sich durch Copy&Paste, Google, Wikipedia und Thesaurus fast von selbst zu schreiben scheinen.

Mit Hölderlin und Heidegger lässt sich also auch über das Verhältnis von Literatur und Internet sagen: "Wo Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch."

 
Leser-Kommentare
  1. Netz und Computer sind ... Realitäten, denen Autoren gerade in ihrer Eigenschaft als Textarbeiter nicht entgehen können.

    Ja, gut. So richtig überraschend ist das aber nicht, oder? Ebensogut könnte man sagen: Ein Autor kommt nicht umhin, Texte zu lesen.

    Noch ein Hinweis: Es muß heißen: des Autors, nicht des Autoren. "Die Bedienung des Automatens durch den Mensch": http://www.linguistik-onl...

  2. Wenn Hegemann und die hier in diesem Artikel vorgestellte "Poesie" tatsächlich das Niveau dieser Generation ist, dann ist es bald vorbei mit der Literatur als Kunstform.

  3. ist doch out. Die Literatur wurde zum letzten Mal durch den Film revolutioniert. Die Literatur kommt aus der Musik, aus dem Lied/dem Gesang, aus der griechischen Tragödie. Erst wenn es ein neues "echtes" Erzählmedium geben wird, dann wird das auch einen echten Einfluss auf die Erzähltechniken haben. Dass das Internet, der Chat Thema von aktuellen Erzählungen wird, zeigt nur, wie klein die Welt der Erzähler geworden ist, und ist was die Prägung anbetrifft vergleichbar mit dem Auftauchen einer Mikrowelle oder eines Bügeleisens in der Literatur. Das Internet ist kein Erzählmedium!

    • Oshima
    • 22.04.2010 um 9:28 Uhr

    Ich glaube diese Befürchtung gab es zu allen Zeiten und dennoch gab es ebenfalls zu allen Zeiten Bücher für jeden Geschmack. Sie finden vermutlich auch in "dieser Generation" Literatur, die Ihnen zuspricht - und falls nicht bin ich mir sicher, dass Ihnen vergangene Generationen genug geistige Nahrung hinterlassen haben, damit Sie in Zukunft nicht verhungern müssen.

  4. Übrigens:
    Auch im Chat gibt es Gattungen. Es gibt Plauder-Chats, Erotik-Chats, Experten-Chats und - siehe da - Chats, in denen erzählt wird. Nicht allein, sondern gemeinsam, an einer einzelnen Geschichte. Ganz ohne Hyperlinks. Ganz ohne Smileys und durchaus mit dem Anspruch, ortographisch richtig zu schreiben. Mal mit mehr, mal mit weniger Niveau.

    Das Internet bietet die Möglichkeit, schriftlich und doch im Dialog zu kommunizieren - warum wird das eigentlich nicht wahrgenommen? Weil das nicht in Buchform bei Thalia steht. Und weil es sich als 'Spiel' versteht.
    Wer sucht, der findet.

    Eine Leser-Empfehlung

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