Buchkultur Du bist nicht allein! Du bist einer von ihnen

Der Buchhändler Amazon feiert Lesen als soziales Ereignis. Wer sich darüber empört, hat nur Angst, einer von vielen zu sein. Eine Replik auf den Alleinleser David Hugendick

Auch ein einsamer Harry Potter Leser entkommt dem sozialen Raum nicht

Auch ein einsamer Harry Potter Leser entkommt dem sozialen Raum nicht

In seinem Text Du liest nie allein beschreibt der ZEIT-ONLINE-Redakteur David Hugendick sein Unbehagen an einer Zukunft digitalen Lesevergnügens, wie sie sich der Online-Buchhändler Amazon ausmalt: sozial nämlich. Der weltgrößte Buchverkäufer will den Besitzern seines neuesten Kindle-Modells nicht nur die Möglichkeit geben, ihre Lieblingssätze auf den eigenen Lesegeräten zu markieren. Wer mag, kann sich auch die Sätze anzeigen lassen, die von vielen anderen Lesern gut gefunden wurden.

Etwas vorlaut könnte man dem Autor schlicht entgegnen, der wichtigste Satz stünde bereits ganz am Ende seines Artikels: Der Hinweis nämlich, dass man diese Funktion ganz einfach ausschalten kann. Doch dann würde einem der Versuch entgehen, die Motive des Sozial-Ekels einmal allgemeiner zu betrachten.

Anzeige

Man muss jetzt gar nicht bei der Erfindung der Schrift und dem Ende der oralen Kultur anfangen, und wie damit auch Herrschaftsverhältnisse festgeschrieben und Wahrheiten zementiert wurden, um zu behaupten, dass gegen ein bisschen mehr Soziales zwischen zwei Buchdeckeln überhaupt nichts einzuwenden wäre. Man braucht auch gar nicht den Technikoptimisten herauszukehren, um Hoffnungen zu formulieren, dass sich durch digitale Techniken neue Medienformen und gemeinschaftsstiftende Interaktionen entwickeln könnten. Zumal, da sich in einer fragmentierten Gesellschaft mit einem fragmentierten Fernsehprogramm und fragmentierten Konsumbiografien so etwas wie gemeinschaftliche Diskurse höchstens noch auf der Grundlage von Bild -Zeitungs-Schlagzeilen oder Großwetterlagen ausbilden. Und schließlich gälte es sicherlich, neue Formen der sozialen Textbearbeitung, wie sie nicht nur ein Riesenkonzern wie Amazon jetzt bietet, noch einmal viel genauer, weniger reaktiv und aus Sicht des ewigen Konsumenten zu beleuchten.

Der große Irrtum des Textes indes ist ein anderer. Die Behauptung nämlich, Lesen ließe sich hinreichend als solitärer, gar antisozialer Akt beschreiben. Es ist das Schicksal des Menschen, gar nicht anders zu können, als permanent ein soziales Wesen zu sein. Da hilft auch ein noch so waghalsiger Ausstiegsversuch wie das Lesen eines Buches nichts.

Selbst wenn der Mensch aus purer Daseinsfreude zum Schmöker greift, so wird er ihn doch immer schon im Kontext seiner eigenen Welterfahrungen lesen, sich dabei weiterbilden, im geschützten Raum der Fiktion intimste Gedanken anderer Menschen verfolgen, und dabei womöglich auch noch geistreichen Gesprächsstoff für die nächste Dinner-Party sammeln. Er wird sich vielleicht sogar überlegen, mit welchem letzten Buch in der Hand er sich wünschte, tot aufgefunden zu werden, und er wird die Frage nach seiner Lieblingslektüre geschickt dazu nutzen, in ihrem Spiegel diskret die Besonderheiten des eigenen, deformierten Charakters hervorzuheben. Und das alles in dem permanenten Verlangen, wenn schon nicht sozial anerkannt, dann doch wenigstens für originell gehalten zu werden.

Leser-Kommentare
  1. Vergeblich suche ich die Ironiesignale und habe zugleich Angst davor, dass sie mir nicht entgangen sein könnten, sondern dass es sie wirklich im Text nicht gibt und, es schaudert, dieser wirklich Ernst gemeint ist. Bitte um Aufklärung!
    Die ZEIT (Vorsicht: Distinktion eines Besser Gestellten!) wird diesen unredlichen, unfairen Artikel doch nicht ernsthaft als Replik gelten lassen?
    Journalisten haben eine immense Verantwortung, sie schaffen Öffentlichkeit für Diskurse und Etablieren Wahrnehmungsfolien für die Synthese kultureller Phänomene.
    Sie, Frau Klopp, machen aus einer keineswegs notwendigen Assoziation (Distinktion = Angst vor Masse bzw. das Konturieren und Behaupten von Individualität = Angst vor der Masse), aus einer haltlosen Gleichsetzung ein logisches Argument, das sie rhetorisch panieren. Anschließend reichern sie es an mit kulturellen Nebenphänomenen (teils Feststellungen wie Arno Schmidt als Lieblingsautor, teils psychologische Spekulation wie das Besuchen von Veranstaltungen der schönen Frauen wegen und die Verachtung des "Pöbels") und generieren somit ein Menschenbild, das ihnen eindeutig nicht zusagt. Dies sei auch ihnen überlassen! Nur: Tun sie es bitte redlich und machen sie ihre etwas wahllosen Ähnlichsetzungen in der von ihnen vorgenommenen Reduktion deutlich! Alle die von ihnen genannten Phänomene in den Brennpunkt der Angst vor der Masse und dem Verlust der Individualität zu bündeln ist meiner Meinung nach einfach unzulässig.

  2. Sie aktualisieren und reproduzieren mit ihrem Schreiben Menschenbilder (und auch Männerbilder, nur um darauf hinzuweisen, dass es womöglich auch Frauen gibt, die auf Veranstaltungen der schönen Männer oder Frauen wegen oder dass es auch Männer gibt, die auf Veranstaltungen der schönen Männer wegen gehen) und implementieren sie in die Gesellschaft. Zum Glück ist jedoch der Mensch (meiner Ansicht nach) nicht nur ein soziales, sondern auch ein denkendes Wesen und gerade in der Sozialität denkend bei sich selbst! Sie beeinflussen mit ihrem Schreiben den öffentlichen Diskurs und darüber das Denken Ihrer Leser. Wenn Sie dies tun, sollten sie ihre einseitigen, merkwürdig zugespitzten Beiträge nicht als rhetorisches Schaumgebäck verfassen, sondern ihr Erkenntnisinteresse deutlich machen und ihren womöglich (Abschwächung einer psychologischen Zuschreibung!) vorhandenen Abscheu vor sich distinguierenden Menschen (was ja wiederum eine Distinktion ist)deutlich kennzeichnen.
    Entschuldigen Sie meine Humorlosigkeit, aber die Empörung ist zu groß.

    • Lodda
    • 19.05.2010 um 16:57 Uhr

    Liebe Frau Klopp,

    Sie schreiben: "Die Angst vor der Masse jedoch ist so alt wie die Masse selbst." Anstatt nun die rhetorische Keule gegen eine kleine Auswahl von Denkern wie Adorno und Schmitt zu schwingen, empfehle ich neben einer erneuten Lektüre von z.B. Arendt, Bruch, Canetti und Benjamin (ein Individualist, der das sogenannte Massen-Phänomen im Bezug auf die seinerzeit neuen Medien übrigens nicht ausschließlich negativ bewertet) auch einmal die Fragen nach dem Ursprung dieser These: Ich befürchte, Theorien zur Massendynamik (vgl. hierzu v.a. Brochs Verwendung des Begriffs "Massenwahn") haben mit Blick auf die aktuellen und vergangenen politisch-soziale Konflikt durchaus eine Berechtigung.

    Ferner sehe ich die in der Vernetzung durch die elektronischen Kommunikationsmedien forcierte Massenbildung als ein diskussionswürdiges Problem, denn - und das haben Sie nicht erwähnt - das Prinzip der Vernetzung folgt ja im vorliegenden Fall (Amazon) in keinster Weise realen gesellschaftsbildenden Interessen, sondern entspringt der kalten, berechhenden Logik der Ökonomie. Wollen Sie dem wirklich Vorschub leisten, wenn es um eine Institution wie das Lesen geht, dessen produktives Potenzial ja gerade in der Möglichkeit zum temporären sozialen Rückzug angelegt ist? Lesen als fruchtbarer Weltverlust ist unter den Bedingungen der Massierung schließlich nur noch am Rande möglich. Vergleichen Sie dazu doch auch einmal das Rilke-Gedicht im nachfolgenden Beitrag. Herzliche Grüße!

    • Lodda
    • 19.05.2010 um 16:58 Uhr

    Der Leser

    Wer kennt ihn, diesen, welcher sein Gesicht
    wegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten,
    das nur das schnelle Wenden voller Seiten
    manchmal gewaltsam unterbricht?

    Selbst seine Mutter wäre nicht gewiß,
    ob er es ist, der da mit seinem Schatten
    Getränktes liest. Und wir, die Stunden hatten,
    was wissen wir, wieviel ihm hinschwand, bis

    er mühsam aufsah: alles auf sich hebend,
    was unten in dem Buche sich verhielt,
    mit Augen, welche, statt zu nehmen, gebend
    anstießen an die fertig-volle Welt:
    wie stille Kinder, die allein gespielt,
    auf einmal das Vorhandene erfahren;
    doch seine Züge, die geordnet waren,
    blieben für immer umgestellt.

    • keox
    • 19.05.2010 um 17:11 Uhr

    da haben Sie ja was angerichtet.

    Schön. Sehr schön. Gerade das Stichwort 'Sozialer Ekel' gibt nun schon einiges her. Man denke nur z.B. an Sarrazyn, Clement, Westerwelle u.a., als individualisierte Bannerträger einer tiefen Abscheu vor dem Pöbel.

    Diese Verabscheuung des Pöbels ist konstitutives Merkmal - nicht nur - deutscher Wirklichkeit.

    Der Gegensatz Individualität/Massenmensch löst sich auf in gruppenspezische Atomisierung der Gesellschaft. Eher ein Fall also für eine Art politische (Teil)Mengenlehre.

    Wie auch immer, wenn Ihr Beitrag zu einer fruchtbaren Diskussion des Spannungsverhältnisses zwischen 'Individuum' und 'Masse' führt, hätten Sie alles Lob verdient.

    Ps: Oral History ist mit 'orale Kultur' denkbar ungünstig übersetzt.

    • Lodda
    • 19.05.2010 um 17:19 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe und beteiligen Sie sich sachlich an der Diskussion. Die Redaktion/cs

  3. Redaktion

    Liebe Leserinnen,
    Sie haben natürlich alle Recht! Ich allein bekenne mich der hier angedeuteten Eitelkeiten schuldig. Ich kann den Wunsch nach sozialer Distinktion oft nur schwer unterdrücken. Meine sozialen Inkompetenzen sind oft sehr unzureichend kaschiert. Ganz besonders aber treibt mich das Bedürfnis, hübsche Männer kennenzulernen, tatsächlich auf eine Kunstparty nach der nächsten!
    Man sollte nun niemals von sich auf andere schließen.
    Mein Fehler. Wem auch immer ich hier auf den Schlips getreten sein sollte - ich bitte um Verzeihung.
    Danke für die kleine Debatte, TK.
    ("Oral History" ist dennoch etwas anderes, hier jedenfalls nicht gemeint.)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service