Buchkultur Du bist nicht allein! Du bist einer von ihnenSeite 2/2

Nun kann es durchaus verdrießlich sein, dass auch andere – unstudierte, plumpe Menschen gar, mit ungewaschenen Haaren und schlecht sitzenden Hemden mitunter – die gleichen Bücher lesen wie man selbst, und ihre Lektüre dann auch noch für bedeutsam halten. Es soll Menschen geben, die nur in Biomärkten einkaufen, weil sie den Anblick des Pöbels, der zwangsweise zu Aldi-Preisen shoppt, nicht mehr ertragen können. Oder Männer, die auf Kunstpartys gehen, weil sie dort die hübscheren Frauen anflirten können. Es soll sogar Leute geben, die Arno Schmidt als ihren Lieblingsautor nennen. Einzig aus der Angst heraus, von anderen für unterkomplex gehalten zu werden.

Die Angst vor der Masse jedoch ist so alt wie die Masse selbst. Sie ist sogar ein seltener Schnittpunkt linker wie rechter Abendlandsabgesänge, von Theodor W. Adorno bis hin zu Carl Schmitt. Und auch das Lob der Abgeschiedenheit singen verdächtig oft genau die Menschen, die Sorge haben, man könnte sie für sozial bedürftig halten. Das trifft im konkreten Fall zwar überhaupt nicht zu, sollte aber immer mitgedacht werden, wenn man sich bei nächster Gelegenheit mal wieder als genervter Ruhesucher in Szene setzen möchte. Auch hier ist man weitaus weniger originell, interessant und fern der Masse, als das pietätvolle Schweigen der Zuhörer zunächst zu suggerieren vermag.

Insofern wäre der Hinweis auf den letzten Satz (warum dann nicht einfach ausschalten?) in der Tat irreführend und dumm. Denn viel schlimmer als das tatsächliche und sicher in der Tat lästige Aufploppen des Superdupa-Massenlieblingssatzes, wiegt doch wohl das Gefühl, das diese Funktion im Potenziellen beschert: Du lieber Leser, bist auch nur einer von vielen. Ein bedeutungsloses Nichts. Das mag für den einzelnen sehr kränkend sein. Dabei kann es extrem entspannend sein, sich diesem Gedanken einfach einmal hinzugeben.

Der ZEIT ONLINE-Redakteur David Hugendick möchte lieber alleine lesen. In seinem Artikel schreibt er: Lesen ist ein zutiefst ungeselliger Vorgang.

 
Leser-Kommentare
  1. Vergeblich suche ich die Ironiesignale und habe zugleich Angst davor, dass sie mir nicht entgangen sein könnten, sondern dass es sie wirklich im Text nicht gibt und, es schaudert, dieser wirklich Ernst gemeint ist. Bitte um Aufklärung!
    Die ZEIT (Vorsicht: Distinktion eines Besser Gestellten!) wird diesen unredlichen, unfairen Artikel doch nicht ernsthaft als Replik gelten lassen?
    Journalisten haben eine immense Verantwortung, sie schaffen Öffentlichkeit für Diskurse und Etablieren Wahrnehmungsfolien für die Synthese kultureller Phänomene.
    Sie, Frau Klopp, machen aus einer keineswegs notwendigen Assoziation (Distinktion = Angst vor Masse bzw. das Konturieren und Behaupten von Individualität = Angst vor der Masse), aus einer haltlosen Gleichsetzung ein logisches Argument, das sie rhetorisch panieren. Anschließend reichern sie es an mit kulturellen Nebenphänomenen (teils Feststellungen wie Arno Schmidt als Lieblingsautor, teils psychologische Spekulation wie das Besuchen von Veranstaltungen der schönen Frauen wegen und die Verachtung des "Pöbels") und generieren somit ein Menschenbild, das ihnen eindeutig nicht zusagt. Dies sei auch ihnen überlassen! Nur: Tun sie es bitte redlich und machen sie ihre etwas wahllosen Ähnlichsetzungen in der von ihnen vorgenommenen Reduktion deutlich! Alle die von ihnen genannten Phänomene in den Brennpunkt der Angst vor der Masse und dem Verlust der Individualität zu bündeln ist meiner Meinung nach einfach unzulässig.

  2. Sie aktualisieren und reproduzieren mit ihrem Schreiben Menschenbilder (und auch Männerbilder, nur um darauf hinzuweisen, dass es womöglich auch Frauen gibt, die auf Veranstaltungen der schönen Männer oder Frauen wegen oder dass es auch Männer gibt, die auf Veranstaltungen der schönen Männer wegen gehen) und implementieren sie in die Gesellschaft. Zum Glück ist jedoch der Mensch (meiner Ansicht nach) nicht nur ein soziales, sondern auch ein denkendes Wesen und gerade in der Sozialität denkend bei sich selbst! Sie beeinflussen mit ihrem Schreiben den öffentlichen Diskurs und darüber das Denken Ihrer Leser. Wenn Sie dies tun, sollten sie ihre einseitigen, merkwürdig zugespitzten Beiträge nicht als rhetorisches Schaumgebäck verfassen, sondern ihr Erkenntnisinteresse deutlich machen und ihren womöglich (Abschwächung einer psychologischen Zuschreibung!) vorhandenen Abscheu vor sich distinguierenden Menschen (was ja wiederum eine Distinktion ist)deutlich kennzeichnen.
    Entschuldigen Sie meine Humorlosigkeit, aber die Empörung ist zu groß.

    • Lodda
    • 19.05.2010 um 16:57 Uhr

    Liebe Frau Klopp,

    Sie schreiben: "Die Angst vor der Masse jedoch ist so alt wie die Masse selbst." Anstatt nun die rhetorische Keule gegen eine kleine Auswahl von Denkern wie Adorno und Schmitt zu schwingen, empfehle ich neben einer erneuten Lektüre von z.B. Arendt, Bruch, Canetti und Benjamin (ein Individualist, der das sogenannte Massen-Phänomen im Bezug auf die seinerzeit neuen Medien übrigens nicht ausschließlich negativ bewertet) auch einmal die Fragen nach dem Ursprung dieser These: Ich befürchte, Theorien zur Massendynamik (vgl. hierzu v.a. Brochs Verwendung des Begriffs "Massenwahn") haben mit Blick auf die aktuellen und vergangenen politisch-soziale Konflikt durchaus eine Berechtigung.

    Ferner sehe ich die in der Vernetzung durch die elektronischen Kommunikationsmedien forcierte Massenbildung als ein diskussionswürdiges Problem, denn - und das haben Sie nicht erwähnt - das Prinzip der Vernetzung folgt ja im vorliegenden Fall (Amazon) in keinster Weise realen gesellschaftsbildenden Interessen, sondern entspringt der kalten, berechhenden Logik der Ökonomie. Wollen Sie dem wirklich Vorschub leisten, wenn es um eine Institution wie das Lesen geht, dessen produktives Potenzial ja gerade in der Möglichkeit zum temporären sozialen Rückzug angelegt ist? Lesen als fruchtbarer Weltverlust ist unter den Bedingungen der Massierung schließlich nur noch am Rande möglich. Vergleichen Sie dazu doch auch einmal das Rilke-Gedicht im nachfolgenden Beitrag. Herzliche Grüße!

    • Lodda
    • 19.05.2010 um 16:58 Uhr

    Der Leser

    Wer kennt ihn, diesen, welcher sein Gesicht
    wegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten,
    das nur das schnelle Wenden voller Seiten
    manchmal gewaltsam unterbricht?

    Selbst seine Mutter wäre nicht gewiß,
    ob er es ist, der da mit seinem Schatten
    Getränktes liest. Und wir, die Stunden hatten,
    was wissen wir, wieviel ihm hinschwand, bis

    er mühsam aufsah: alles auf sich hebend,
    was unten in dem Buche sich verhielt,
    mit Augen, welche, statt zu nehmen, gebend
    anstießen an die fertig-volle Welt:
    wie stille Kinder, die allein gespielt,
    auf einmal das Vorhandene erfahren;
    doch seine Züge, die geordnet waren,
    blieben für immer umgestellt.

    • keox
    • 19.05.2010 um 17:11 Uhr

    da haben Sie ja was angerichtet.

    Schön. Sehr schön. Gerade das Stichwort 'Sozialer Ekel' gibt nun schon einiges her. Man denke nur z.B. an Sarrazyn, Clement, Westerwelle u.a., als individualisierte Bannerträger einer tiefen Abscheu vor dem Pöbel.

    Diese Verabscheuung des Pöbels ist konstitutives Merkmal - nicht nur - deutscher Wirklichkeit.

    Der Gegensatz Individualität/Massenmensch löst sich auf in gruppenspezische Atomisierung der Gesellschaft. Eher ein Fall also für eine Art politische (Teil)Mengenlehre.

    Wie auch immer, wenn Ihr Beitrag zu einer fruchtbaren Diskussion des Spannungsverhältnisses zwischen 'Individuum' und 'Masse' führt, hätten Sie alles Lob verdient.

    Ps: Oral History ist mit 'orale Kultur' denkbar ungünstig übersetzt.

    • Lodda
    • 19.05.2010 um 17:19 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe und beteiligen Sie sich sachlich an der Diskussion. Die Redaktion/cs

  3. Redaktion

    Liebe Leserinnen,
    Sie haben natürlich alle Recht! Ich allein bekenne mich der hier angedeuteten Eitelkeiten schuldig. Ich kann den Wunsch nach sozialer Distinktion oft nur schwer unterdrücken. Meine sozialen Inkompetenzen sind oft sehr unzureichend kaschiert. Ganz besonders aber treibt mich das Bedürfnis, hübsche Männer kennenzulernen, tatsächlich auf eine Kunstparty nach der nächsten!
    Man sollte nun niemals von sich auf andere schließen.
    Mein Fehler. Wem auch immer ich hier auf den Schlips getreten sein sollte - ich bitte um Verzeihung.
    Danke für die kleine Debatte, TK.
    ("Oral History" ist dennoch etwas anderes, hier jedenfalls nicht gemeint.)

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