Franz Kafka "Man las ihn oder wurde Islamist"

In der arabischen Welt ist Franz Kafka eine Identifikationsfigur, sagt Atef Botros. Der Wissenschaftler erklärt, warum Kafka die Menschen dort fasziniert und entzweit.

Franz Kafka, um 1915

Franz Kafka, um 1915

ZEIT ONLINE: Herr Botros, ist Franz Kafka der wichtigste jüdische Schriftsteller in der arabischen Welt?

Atef Botros: Ja, das kann man so sagen. Auch Stefan Zweig ist kein Unbekannter, in der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde er viel gelesen. Aber Kafka hat ihm den Rang abgelaufen. Besonders nach den sechziger Jahren.

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ZEIT ONLINE: Die erste Begegnung der arabischen Welt mit Kafka fand in einer französischen Zeitschrift im Jahr 1939 statt.

Botros: Der ägyptische Intellektuelle George Henein, ein surrealistischer Dichter, der an der Sorbonne studiert hatte, schrieb einen Kommentar zum Schloß-Roman. Das war eine sehr frühe Beschäftigung mit dem Autor. International war Kafka noch nicht sehr verbreitet. Es gab nur wenige veröffentlichte Werke von ihm in relativ kleinen Auflagen.

ZEIT ONLINE: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Kafkas Werke nach und nach ins Arabische übertragen, zunächst der Landarzt 1947. Was war das für eine Atmosphäre, auf die seine Literatur in den fünfziger und sechziger Jahren traf?

Botros: Der ägyptische Schriftsteller Gamal al-Ghitani hat mir einmal in einem Gespräch gesagt: "Kafka war wie ein Heiliger für uns in dieser Zeit." Es war die Zeit von Gamal Abdel Nasser, der auch durch die Unterstützung der linken Intellektuellen und der Muslimbruder an die Macht gekommen war und eine totalitäre Militärdiktatur aufbaute. Ein repressives Regime, das seine ehemaligen Unterstützer verhaftete und folterte. Linke Intellektuelle und Schriftsteller trafen sich in Kaffeehäusern. Es wurde heftig diskutiert. Und Kafka war ein Geheimtipp.

ZEIT ONLINE: Kafkas Literatur steht für das Gefühl des Ausgeliefertseins. Was macht seine Literatur auch arabisch?

Botros: Der zentrale Satz ist sicher: "Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." – der erste Satz von Kafkas Proceß. Dieser Satz ist universell. Er ist übertragbar auf jede Situation, in der ein Mensch einer höheren Macht ausgeliefert ist. Die Intellektuellen Ägyptens in den sechziger Jahren – und auch viele andere arabische Intellektuelle, wie beispielsweise die Palästinenser oder die Iraker während der Baath-Zeit – sie haben sich wie Josef K. gefühlt: verhaftet oder vertrieben, ohne etwas Böses getan zu haben.

ZEIT ONLINE: Viele Intellektuelle wandten sich also von Nasser ab, der sie enttäuscht hatte. Fanden sie in Kafka eine Identifikationsfigur?

Botros: Überspitzt kann man sagen: Entweder man las Kafka, oder man wurde ein Islamist. Einige ehemalige linke Intellektuelle tendierten im Laufe der folgenden Dekaden dazu, islamistisch zu werden. Es war eine Reaktion auf das gescheiterte Projekt, auf den verlorenen Traum.

ZEIT ONLINE: Durch die Erfahrung des Sechstagekrieges 1967, in dem Israel die gesamte ägyptische Luftwaffe innerhalb von Stunden zerstört und den Gaza-Streifen, der damals noch zu Ägypten gehörte und die Sinaihalbinsel besetzt hatte, wurde aus Kafka plötzlich ein jüdischer Schriftsteller.

Botros: Der erste, der die Frage gestellt hat, war der irakische Dichter Anwar al-Ghassani 1971, in der Beiruter Zeitschrift al-Adab. Er verfasste einen Artikel mit der Überschrift: "War Kafka ein Zionist?" Er warf die Frage einfach auf, ohne sie zu beantworten. Gleichzeitig wurden in dieser Zeit alle Hauptwerke von Kafka ins Arabische übertragen.

ZEIT ONLINE: Es wurde aber wichtig, herauszufinden, ob er, der im Prag des frühen 20. Jahrhunderts gelebt hatte, ein Zionist gewesen war.

Botros: Es war für die arabischen Intellektuellen wichtig zu wissen, ob Kafka ein Zionist war, weil der Sechstagekrieg und die für manche Araber als Demütigung empfundene Niederlage, sich ja auf den Zionismus im Europa des frühen 20. Jahrhunderts zurückführen lässt.

ZEIT ONLINE: Kafka starb schon 1924. Sein Verhältnis zum Judentum und Zionismus wird auch in der europäischen Kafka-Forschung kontrovers diskutiert. Warum beharrten die arabischen Akteure dieser Debatte auf ein Entweder-oder?

Botros: Er war ihnen zu wichtig. Sie wollten wissen, wer ihre "heilige Figur" war. Sie hatten sich mit ihm identifiziert. Das machte es schwierig, zu differenzieren. Hinzu kam noch eine andere Geschichte. Die osteuropäische Polemik gegen Kafka in den fünfziger und sechziger Jahren unterstellte ihm Dekadenz und brachte seine Literatur in Zusammenhang mit Imperialismus und Zionismus. Einige arabische Autoren übernahmen diese Polemik in ihrer antizionistischen Diskurse und stellten Kafka und seine Literatur infrage. In der Folge mischten sich viele in die Diskussion, die eigentlich mit Literatur überhaupt nichts zu tun haben.

ZEIT ONLINE: Kafka wurde politisiert.

Botros: Die arabische antizionistische Propaganda versuchte, all seine Texte als zionistisch zu werten. Dass man sie als Aufruf verstehen solle, nach Palästina zu gehen und die Araber zu vertreiben.

ZEIT ONLINE: Ist Kafka aus der Mode gekommen, oder wird er immer noch gelesen?

Botros: Kafka liegt in der Luft. Er durchdringt die arabische Welt bis heute. Ich glaube, es gibt kaum einen arabischen Intellektuellen, der Kafka nicht kennt und sich mit seinem Werk beschäftigt hat.

Dr. Atef Botros ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Nah- und Mittelost-Studien der Philipps-Universität Marburg. Seine aktuelle Publikation: "Kafka. Ein jüdischer Schriftsteller aus arabischer Sicht." Reichert Verlag Wiesbaden 2009, 263 Seiten, 19,80 Euro

Das Gespräch führte Elisabeth Knoblauch
 

 
Leser-Kommentare
    • k2
    • 05.05.2010 um 15:51 Uhr

    Viele Araber wussten, dass Franz Kafka
    alle Araber in seiner Geschichte über
    die Schakale eine solche Spezifikation auf eine letzte
    Gleichung mit den Araber gebracht hatte ?

  1. "Es war für die arabischen Intellektuellen wichtig zu wissen, ob Kafka ein Zionist war, weil der Sechstagekrieg (...) sich ja auf den Zionismus im Europa des frühen 20. Jahrhunderts zurückführen lässt."

    Leider hat sich die Situation kaum geändert: Auch im Jahre 2010 "enttarnt" man in Syrien, Ägypten etc. lieber Zionisten, statt sich endlich mit der Idee eines jüdischen Staates zu arrangieren.

    "viele andere arabische Intellektuelle, wie beispielsweise die Palästinenser (...), sie haben sich wie Josef K. gefühlt: verhaftet oder vertrieben, ohne etwas Böses getan zu haben."

    Gefühlt mögen die Palästinenser sich so haben. Die Faktenlage war eine andere. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Rolle des damals höchsten palästinensischen Führers Amin al-Husseini während der Zeit des Nationalsozialismus: http://de.wikipedia.org/w...

    • Kite
    • 06.05.2010 um 2:58 Uhr

    Vielleicht passen die Werke von Kafka - der Prozess, der Schloß - zur Komplexität des Konfliktes im Nahen Osten.
    Obwohl das friedliche Zusammenleben der Menschen in diesem Gebiet für den Weltfrieden so notwendig ist, hat man - wie JosefK - den Verdacht, dass keiner der beteiligten Seiten an einer Lösung interssiert ist. Der Prozess - gegenseitige Angriffe, Anschuldigungen, Vorwürfe, unrealistiche Forderungen - des angeblichen Friedens, scheint wichtiger zu sein, als die Lösung.

  2. Wir, Araber, lesen Kafka für seine Werke, die trotz der zeit so attraktive und so modern geblieben sind. Natürlich wünschen viele dass er kristlich statt Zionist gewesen wäre!! so dass man Kafka Werke ohne schlechtes Gewissen und Schmerzen lesen kann! Es ist bei uns so, sogar wenn wir mit einander Sex haben wollen, mussen wir immer Schmerzen zu was in Palestina passiert ist zeigen. Lachen, Froh leben, Sex, Demokratie oder Freiheit sind bei uns leider TABU, weil wie gesagt, wir Plestina verloren haben.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Wir, Araber, lesen Kafka für seine Werke, die trotz der zeit so attraktive und so modern geblieben sind."

    Aha. Haben Sie Kafka mal gelesen?

    [...]
    Wir bitten Sie, auf geschmacklose Pauschalisierungen zu verzichten. Die Redaktion/vv

    "Wir, Araber, lesen Kafka für seine Werke, die trotz der zeit so attraktive und so modern geblieben sind."

    Aha. Haben Sie Kafka mal gelesen?

    [...]
    Wir bitten Sie, auf geschmacklose Pauschalisierungen zu verzichten. Die Redaktion/vv

  3. "Obwohl das friedliche Zusammenleben der Menschen in diesem Gebiet für den Weltfrieden so notwendig ist,"

    Ist es? Ich halte das für ein Gerücht. Das wird nur vorgeschoben.

    "hat man - wie JosefK - den Verdacht, dass keiner der beteiligten Seiten an einer Lösung interssiert ist."

    Den Eindruck habe ich nicht. Ich habe den Eindruck, daß auf einer Seite die, die keinen Frieden wollen, an der Macht sind -- während diese auf der anderen Seite eine politisch, gesellschaftlich sowie wirtschaftlich marginale Randgruppe sind.

    "Der Prozess - gegenseitige Angriffe, Anschuldigungen, Vorwürfe, unrealistiche Forderungen - des angeblichen Friedens, scheint wichtiger zu sein, als die Lösung."

    Nicht umsonst gibt es über den "Friedensprozeß" den Witz, daß er ausschließlich Prozeß sei. Aber der "Prozeß" ist ja von enormer Asymmetrie geprägt: "David gegen Goliath".

    Israel hat die militärische Oberhand, jedoch nicht die Mittel, seine Feinde gezielt auszuschalten. Die palästinensischen Araber haben den David-Bonus und daher einen medial-emotionalen Vorteil.

    "David gegen Goliath" ist die wohl mißverstandenste Kampfhandlung der Geschichte. Davids Schleuder war eine gefürchtete Kriegswaffe; "David gegen Goliath" auf heute übertragen heißt: ein Zehnjähriger mit einer Maschinenpistole erschießt Dalton Fury. ;-)

  4. "Wir, Araber, lesen Kafka für seine Werke, die trotz der zeit so attraktive und so modern geblieben sind."

    Aha. Haben Sie Kafka mal gelesen?

    [...]
    Wir bitten Sie, auf geschmacklose Pauschalisierungen zu verzichten. Die Redaktion/vv

  5. "Wir bitten Sie, auf geschmacklose und an Rassismus grenzende Pauschalisierungen zu verzichten. Die Redaktion/vv"

    Sie haben schon gesehen, /was/ ich da kommentiert habe, oder?

    Bei Fragen oder Kritik zur Moderation wenden Sie sich bitte an community@zeit.de Danke, die Redaktion/fk

  6. "Bei Fragen oder Kritik zur Moderation wenden Sie sich bitte an community@zeit.de Danke, die Redaktion/fk"

    Vielen Dank für Ihre schnelle Antwort, aber wozu sollte ich das tun?

    Fragen zur Moderation habe ich nicht -- nur diesen Hinweis an diesen einen Moderator. Er hat nämlich nichtmal bemerkt, daß das von ihm korrekt als "geschmacklos" Bezeichnete lediglich Zitate aus dem Vorposting waren, welches jedoch wundersamerweise gerade nicht beanstandet wurde.

    Lustig ist im Übrigen auch, daß aus "geschmacklosen und an Rassismus grenzenden Pauschalisierungen" nunmehr lediglich "geschmacklose Pauschalisierungen" geworden sind. Faszinierend, wie schnell sich die Grenze zum Rassismus in Luft auflösen kann.

    Na, wie dem auch sei: meine Fragen sind rhetorisch -- und Kritik an der Moderation würde ich ohnehin an einer anderen Stelle äußern.

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