ZEIT ONLINE: Herr Krüger, am schönsten wäre, wenn wir heute nur über die großen Themen reden könnten.

Michael Krüger: Ach, Du meine Güte!

ZEIT ONLINE: Sie wurden gerade mit dem Breitbach-Preis ausgezeichnet. Eine Begründung lautete, Sie seien ein "ästhetisch-literarisches Gewissen der Moderne". Einverstanden?

Krüger: Ich habe mich nie als ein Gewissen gefühlt. In der Tat allerdings als jemand, der nicht nur gern Bücher macht, sondern der auch darüber nachdenkt, warum wir überhaupt all diese Bücher brauchen, ob Bücher überhaupt notwendig sind in dieser Welt.

ZEIT ONLINE: Sind sie notwendig?

Krüger: Natürlich gibt es heute modernere Medien. Aber der Witz ist doch, dass durch all diese modernen Kommunikationsmittel das Wissen über den Menschen nicht befördert wird. Nehmen Sie das Fernsehen. Jetzt in der Krise habe ich mir das manchmal angetan. In jeder Talkshow ist dann Heiner Geißler, und der erzählt immer dasselbe. Das ist von einer so entsetzlichen Langweiligkeit. Ich werde erstmal kein Fernsehen mehr sehen. Jedenfalls nicht bis zur nächsten Krise. Und lieber ein Buch lesen.

ZEIT ONLINE: Aber steht das Buch heutzutage nicht zur Disposition?

Krüger: Was 500 Jahre gehalten hat, scheint doch ziemlich haltbar zu sein. Es gibt nicht viele solcher Erfindungen. Aber natürlich stehen wir gerade an dem Punkt, an dem sich die Frage stellt, ob das alles eigentlich für alle Ewigkeit auf Papier gedruckt werden muss.

ZEIT ONLINE: Möglicherweise wird sich die Rezeption dadurch gar nicht stark verändern, aber bestimmt die Rolle des Verlegers.

Krüger: Ich bin mittlerweile so alt, auch wenn man mir das nicht ansieht, dass ich den Rest meines Lebens noch von der Produktion von Büchern werde leben können. Aber natürlich hat sich etwas in den vergangenen 30 Jahren erheblich verändert auf dem Buchmarkt. Heute kommen 80 Prozent der literarischen Bücher aus drei Konzernen. Noch vor 100 Jahren war Verlegen eine individuelle Sache. Da gab es Verlage, die waren vollkommen identifizierbar in ihren Programmen: Diederichs für die Neue Sachlichkeit und den Jugendstil, Fischer für den Aufbruch der neuen Literatur von Gerhart Hauptmann bis Hofmannsthal. Es gab die Spezialverlage für Surrealismus, für Dada. Mittlerweile sind das alles Riesenkonzerne, die von links bis rechts und von oben bis unten und von Kitsch bis Quatsch alles beherrschen wollen.

ZEIT ONLINE: Das Ende von Verlagskultur und Verleger?

Krüger: Nein. Glücklicherweise hat diese Entwicklung dazu geführt, dass sehr viele kleine Verlage entstanden sind, die wieder Wert darauf legen, schöne Bücher zu machen. Der Berenberg Verlag etwa, kookbooks, Edition Korrespondenzen und wie sie alle heißen. Wie Pilze wachsen plötzlich Leute heran, die gegen diese Industrialisierung der Buchproduktion opponieren. Die sind wieder im klassischen Sinne Verleger, die nicht einen Konzern und Margen bedenken, sondern die kluge, gut gemachte Bücher verlegen. Natürlich, der Markt wird sich ändern, aber diese Leute sind die Zukunft.