Contra Amazon Du liest nicht allein!
1209 Personen gefiel dieser Satz: Der Buchhändler Amazon will das Lesen neu erfinden, als soziales Ereignis! Aber wer braucht das eigentlich?
Wer aus Geldmangel oder einfach des erhabenen Modergeruchs wegen gebrauchte Bücher kauft, kennt die Kritzeleien, die ihre Vorbesitzer mithin hinterlassen haben. Im schönsten Fall sind am Seitenrand literaturkritische Miniaturdiskurse entstanden, in denen etwa ein vom Vorvorbesitzer euphorisches "Schön!" wegradiert und späterhin mit empörtem Kuli durch ein "Kitsch!" ersetzt wurde. Am Zweitschönsten sind Widmungen. Manche erzählen, dass das Buch einmal ein Geschenk gewesen ist – mutmachend: "Liebe Monika, ich wünsche Dir alles Gute für die Kur. Dein Uwe." Oder existenziell: "Damit Du mich endlich besser verstehst. Gruß, Brigitte."
Aber eigentlich sieht's auf den Seiten so aus: unterstrichene Passagen! Akademisches Randgenörgel! Ein ;-) am Zeilenende! Nachdrückliche Ausrufezeichen! Schlimmer noch: Frage- und Ausrufezeichen?! Dem Erfinder des Textmarkers ist bereits ein Höllenkreis gewidmet für die Buchstaben, die wichtigtuerisch von den Seiten leuchten: Uns solltest Du Dir merken! Soeben litt man noch mit Anna Karenina im Zugabteil, schwupps ruiniert die studentische Anmerkung auf der nächsten Seite mit "HIER Stream of Consciousness!!!" alles Folgende. Jemand war vor uns da. Der Satiriker Max Goldt stellte sich einmal vor, wie es wäre, grüßte aus einer Knut-Hamsun-Novelle plötzlich "Heiko aus Hannover", der dieses Buch auch sehr gerne liest. Man spürt es empfindlich: Lesen ist ein zutiefst ungeselliger Vorgang. Man ist dabei gern allein.
Na schön, ein Heiko wäre ja noch zu verkraften. Aber man stelle sich vor, es stehen 13 Personen plötzlich auf Wörtern und Sätzen herum, ein paar Seiten später 678, und huch: "90.567 Personen gefiel diese Textstelle!" So könnte sie aussehen, die Zukunft des Lesens, die unbestätigten Gerüchten zufolge Ebook heißt und für die sich Amazon Folgendes ausgedacht hat : Wann immer jemand mit dem Kindle-Lesegerät durch ein Buch schnüstert, bekommt er an mancher Stelle mitgeteilt, wie vielen Menschen diese Zeile gefällt. Amazon hält das für einen Service am Leser, der sich nun auf die wichtigen Stellen konzentrieren könne, anstatt, nun ja, 800 Seiten ganz zu lesen.
Wer im Kino die Menschen schätzt, die schon vor den Witzen wissend kichern, der findet so vielleicht neue Freunde. Denn darum geht's ja auch in unserer Informationsgesellschaft: soziale Vernetzung, Dinge gut finden und intensiv empfehlen. Vermutlich werden bald ehrgeizige Algorithmen und Aggregatoren die Bücher durchflöhen und auswerten, was dem Leser am besten gefiel. Diese Bücher in erster Ableitung könnte Amazon wieder verkaufen, und dann unterstreichen die Leser wieder, und dann kommt wieder ein Algorithmus und so weiter, bis am Ende jedes Buch auf eine Seite passt oder in ein Zitat.
Vielleicht ist ja auch das dabei: "Die Literatur ist die angenehmste Art, das Leben zu ignorieren." Das notierte einst Fernando Pessoa. Hm, das macht doch nachdenklich. Falls man verstehen will, was er damit gemeint haben könnte, bietet Amazon glücklicherweise eine Funktion an, die jedem notizbeschwerten Papierbuch weit überlegen ist: Man kann die Anmerkungen auch ausschalten. Und in Ruhe lesen, ganz allein. Schön.
Die ZEIT ONLINE-Redakteurin Tina Klopp sieht das anders.In ihrer Entgegnungschreibt sie: Wer allein lesen wolle, habe nur Angst davor, einer von vielen zu sein.
- Datum 17.05.2010 - 10:40 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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...aus neuen Büchern - die aus echtem Papier sind.
Aber das bin ich ich...
und will nicht wissen, welche Stellen oder Bücher anderen gefallen. Kommt als nächstes "Deutschland sucht das Superbuch" und wir schauen, wie flach wir per demokratischer Abstimmung werden können?
Nein, ich lese, weil ich es liebe, in solchen Momenten allein zu sein, unkommentiertes Papier mit gedruckten Buchstaben dabei nutzend und wenn ich wissen will, was es ansonsten noch zu lesen gibt, werde ich mit Sicherheit keine Verkaufsschlager- oder Beliebtheitslisten nutzen, denn das dürfte kaum weiter führen als zum nächsten Bestseller und da mag ich meist nicht hin, wie meine Leseerfahrung zeigt.
und will nicht wissen, welche Stellen oder Bücher anderen gefallen. Kommt als nächstes "Deutschland sucht das Superbuch" und wir schauen, wie flach wir per demokratischer Abstimmung werden können?
Nein, ich lese, weil ich es liebe, in solchen Momenten allein zu sein, unkommentiertes Papier mit gedruckten Buchstaben dabei nutzend und wenn ich wissen will, was es ansonsten noch zu lesen gibt, werde ich mit Sicherheit keine Verkaufsschlager- oder Beliebtheitslisten nutzen, denn das dürfte kaum weiter führen als zum nächsten Bestseller und da mag ich meist nicht hin, wie meine Leseerfahrung zeigt.
"Man spürt es empfindlich: Lesen ist ein zutiefst asozialer Vorgang. Man ist dabei gern allein."
Ich möchte darauf hinweisen, dass das Wort "asozial" nicht nur hier fehl am Platze ist.
Abgesehen davon, dass wohl auch das eigentlich gemeinte "antisozial" unpassend ist, da Lesen kein gemeinschaftsschädigender Vorgang, sondern lediglich ein ungeselliger ist, ist es auch durch seine Bedeutung zur Zeit des Nationalsozialismus belastet.
Lieber Oshima,
ungesellig, ja. Das passt viel besser.
Besten Dank für Ihren Hinweis,
D. Hugendick
Lieber Oshima,
ungesellig, ja. Das passt viel besser.
Besten Dank für Ihren Hinweis,
D. Hugendick
und will nicht wissen, welche Stellen oder Bücher anderen gefallen. Kommt als nächstes "Deutschland sucht das Superbuch" und wir schauen, wie flach wir per demokratischer Abstimmung werden können?
Nein, ich lese, weil ich es liebe, in solchen Momenten allein zu sein, unkommentiertes Papier mit gedruckten Buchstaben dabei nutzend und wenn ich wissen will, was es ansonsten noch zu lesen gibt, werde ich mit Sicherheit keine Verkaufsschlager- oder Beliebtheitslisten nutzen, denn das dürfte kaum weiter führen als zum nächsten Bestseller und da mag ich meist nicht hin, wie meine Leseerfahrung zeigt.
Lieber Oshima,
ungesellig, ja. Das passt viel besser.
Besten Dank für Ihren Hinweis,
D. Hugendick
wurde ich doch glatt auf das falsche Gleis gesetzt.
Dachte, es geht vielleicht um die Gängelung der ehrlichen Kunden via sperrigem, oft nur halbgaren Kopierschutz, der fehlenden, wirklichen Backupmöglichkeiten, der auf Gedeih und Verderb notwendigen Anbindung an ein System, einen Anbieter.
Dachte, es geht vielleicht um den Datenschutz, den gläsernen Leser, dessen Interessen und mehr noch, Geisteswelt absolut nachvollziehbar und auswertbar wird. Und dem beim Lesen ja beinahe online "jemand" über die Schulter schauen kann.
Dachte, es geht vielleicht um die - gerade bei Amazon und dem Kindle schon praktizierte, technische Möglichkeit des nachträglichen, gar heimlichen Eingriffs in die "vermeintlichen" Besitzrechte.
Dachte wohl falsch. Hier geht es eher um Klamauck, nicht mal nur um ein ansonsten für den 1. April zu vermeldenden Gimmick. Ein echtes, reales, papiernes Buch kaufe ich weiterhin in der Buchhandlung, zahle bar, erwerbe Besitz an diesem Exemplar - und gehe meiner Wege. "Man" müsste dann schon bei mir und ganz real einbrechen, zwecks Manipulation oder gar Wegnahme. Und freiwillig verleihe ich echtes Papier ebenfalls schon mal; niemand registriert das.
Fahrenheit 451 kommt, und jenseits der netten Randnotizen, Markierungen und Krizeleien also durch die (nun technisch) mögliche Hintertür. Eine reale Feuerwehr wird da nicht einmal mehr gebraucht. So können, konnten sich Literaten und Filmemacher irren. Schöne, neue Welt eben...
daraus kann ich jeder Zeit lesen. Aber nur neu Bücher! Bedienungsanleitungen auf CD, grausam!
"Wer im Kino die Menschen schätzt, die schon vor den Witzen wissend kichern, der findet so vielleicht neue Freunde." Wäre ja schonmal einer ;-)
Ich lese allein und dabei träume ich, bin in dieser anderen Welt und dann später ganz sozial erzähle ich anderen von meinen tollen Erlebnissen in schönen Büchern..
Ich sammle Bücher mit Anmerkungen anderer Leser und freue mich auf das Amazon Tool. Selbstverständlich interessiert mich nicht mehr als jene Stellen, die andere besonder schön finden. Lesen ist gesellig durch und durch. Wer seinen Kinder vorgelesen hat oder vorliest, weiß das.
Dieser Artikel ist wie jene unzähligen, in denen Journalisten glauben zu wissen, wie andere denken, fühlen und handeln. Sie sollten sich einfach überraschen lassen, lesen, hinhören, etwas genauer als bisher.
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