Ein sowjetischer Soldat im Schützengraben, 1941 © Hulton Archive/Getty Images

"Sie gingen durch den Wald, einen einsamen, schneeverwehten Weg entlang, der keinerlei Spuren von Pferdehufen, Schlittenkufen oder menschlichen Füßen mehr zeigte." Zwei Männer sind es, einer ist erkältet; sie sind spät dran. Bis zum Morgengrauen müssen sie Lebensmittel organisiert haben und zurück im Lager sein. Sie gehen durch die Nacht, weil die Deutschen sie am Tag sehen könnten. Die beiden Männer sind Partisanen irgendwo in der Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs.

Im Grunde entwirft dieser Anfang von Wassil Bykaus Novelle Die Schlinge die Ausgangssituation vieler seiner Bücher. Wie in einem amerikanischen Western ahnt man, dass es brenzlig werden wird. Der weißrussische Schriftsteller schickt seine Figuren immer wieder in Extremsituationen, in denen sich dann besonders deutlich die guten und die schlechten Seiten eines jeden zeigen, seine Stärken und seine Schwächen. Die Propaganda der sowjetischen Kriegshelden hat ihn dabei nie interessiert. Wichtig waren ihm die wirklichen Probleme der Partisanen und der Soldaten in der Roten Armee. Wie reagieren sie angesichts einer aussichtslosen Lage? Was fühlen sie? Wer wird zum Verräter, wer hat Mut? Warum? Und nicht zuletzt: Wie bleibt man ein Mensch?

Wassil Bykau hat diese Fragen ein Leben lang nicht losgelassen. Mit 17 Jahren hatte sich der 1924 in einem kleinen Dorf in der Nähe von Polozk geborene freiwillig zur Roten Armee gemeldet. Den gesamten Zweiten Weltkrieg kämpfte er an verschiedenen Abschnitten der Front, zuletzt als Kommandeur einer kleinen Panzerabwehreinheit. Ab 1956 wurden erste Erzählungen von ihm gedruckt, dann die ersten Novellen, die meist den Umfang von kleinen Romanen annahmen. 1962 erschien Die dritte Leuchtkugel und machte ihn auch über die Grenzen der Sowjetunion bekannt.

Vielleicht hat Bykau für dieses Buch am umfangreichsten aus der eigenen Erfahrung geschöpft. Sechs Männer liegen in einem Schützengraben an der rumänischen Front. Vor ihnen Hügel, dahinter deutsche Soldaten. Die Kanone, die sie bedienen, ist ein altersschwaches Modell. Den deutschen Panzern, deren Stahl im Laufe des Krieges immer stärker wurde, können sie damit nicht viel anhaben. Bykau beschreibt die unterschiedliche Herkunft und Charaktere der Soldaten, die Langeweile vor dem Angriff. Und wie am Ende einer die Nerven verliert, gerade der, der das größte Maul hat. Er lässt die anderen im Stich.

Äußerlich scheitern Bykaus Helden in fast jedem Buch. Kein Sieg von Stalingrad, wie ihn die sowjetische Propaganda so gerne feierte, sondern die ständigen Niederlagen gegen die deutsche Übermacht. Heute ist es kaum vorstellbar, wie der Tod die tägliche Realität der Menschen in der Sowjetunion bestimmte. Allein in Bykaus Heimat, Weißrussland, starben nach dem deutschen Einmarsch von 10,6 Millionen Einwohnern 2,2 Millionen. 700.000 Kriegsgefangene wurden, wie der Historiker Christian Gerlach in seiner Studie über Weißrussland belegt hat, von der Wehrmacht und den Verwaltungsbehörden planmäßig in den Hungertod getrieben. "Die sowjetischen Kriegsgefangenen waren die größte Opfergruppe der deutschen Verbrechen im besetzten Weißrussland und im Krieg gegen die Sowjetunion überhaupt." Verbrechen, die alle sahen: "Die Kriegsgefangenen waren auch noch mehr als die Juden Opfer in aller Öffentlichkeit: von den ersten Kriegswochen an wurden sie vor den Augen der Zivilbevölkerung reihenweise erschossen."

Vor diesem Hintergrund ist der Hass auf die Deutschen zu verstehen, der auch in Bykaus Novellen thematisiert wird. In Die dritte Leuchtkugel muss der Erzähler jedoch feststellen, dass auch der Feind ein Mensch wie er selbst ist. Sterbend gelangt während des Gefechts ein deutscher Soldat in den Schützengraben der Batterie. Er trägt ein Foto von sich und seiner Mutter in der Jacke. "Seltsam, aber noch nie habe ich daran gedacht, daß mein Feind auch eine Mutter haben könnte, eine bekümmerte ältere Frau, die sich nun so überraschend zwischen uns stellt. Sie liebt ihn, den letzten ihrer Söhne, und man merkt, daß sie wie jede Mutter große Angst hat, daß ihm etwas zustoßen könnte ..."