Literatur & IpadApple, der Wegelagerer

Kein "Ulysses" für's iPad: Eine James-Joyce-App muss die Zeichnung eines Schwimmers auswechseln. Die Strichfigur trug keine Badehose! von 

"Pu der Bär" auf dem iPad. An dem Buch von A. A. Milne gab es offenbar nichts zu beanstanden

"Pu der Bär" auf dem iPad. An dem Buch von A. A. Milne gab es offenbar nichts zu beanstanden  |  © Josep Lago/AFP

Der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher umschreibt sie als "Insel-Staaten", andere nennen sie "Walled Gardens". Gemeint sind die Netzwerke, Oberflächen und Betriebssysteme, die ihren Nutzern keinen Einfluss auf den Inhalt geben wollen. Wie in einem bewachten Garten können Veränderungen allein von Torwächtern und Aufpassern getätigt werden. So versteckt seit Anfang Juni Rupert Murdoch die Inhalte seiner Zeitungen hinter einer Bezahlschranke und will nicht mehr von Google gefunden werden.

Wer ein iPhone kauft, verletzt den Vertrag und verliert die Garantie, sobald er seinen Telefonanbieter wechselt oder Software lädt, die nicht von Apple überwacht wird. Auch Leser von E-Books verzichten oft auf Rechte, die für Besitzer der gedruckten Ausgabe selbstverständlich sind: Bücher zu teilen, zu tauschen oder gebraucht zu verkaufen. Nun, wenn Programme wenig Spielraum bieten, mag das kundenfeindlich sein, aber nicht sofort ein Skandal. Der Skandal beginnt mit einer anderen Anmaßung:

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Apples iTunes-Plattform bietet Autoren und Verlegern die Möglichkeit, ihre Inhalte als E-Books oder Apps in einem eigenen iBook-Store von Apple weiter verkaufen zu lassen. Wie bei allen via iPhone und iPad abrufbaren Programmen wählt dabei der Konzern selbst aus, welche Inhalte er zulässt. Zensur ist das, streng genommen, nicht. Sondern, als sollte man in Zügen nur Zeitschriften lesen, die am Bahnhof verkauft werden – und in allen Bahnhöfen gibt es nur eine Kette, deren Besitzer alle Printprodukte mit einem Marker durchschaut und löschen lässt, was ihm persönlich nicht gefällt.

Zum Beispiel das Wort "sperm": In Apples Welt ist das Wort verboten und obszön. So verwandelte sich der Pottwal aus Moby Dick im iBook-Store von einem "sperm whale" zu einem "s***m whale". 2009 wurde die Entwicklung einer South Park-App wegen "anstößiger Sprache" abgebrochen. Die Band Nine Inch Nails durften einen 15 Jahre alten und legalen Songtext nicht in ihre App einfügen.

Der Netzexperte Cory Doctorow vergleicht Apples Vorschriften mit der konservativen Politik Wal-Marts, die Sänger zwingt, eine zweite, entschärfte "Wal-Mart-Version" ihrer Alben aufzunehmen, um es in die Wal-Mart-Regale zu schaffen: "Als Erwachsener", schreibt Doctorow, "will ich selbst aussuchen, was ich kaufe. Ich will nicht, dass Apps nur auf jene Inhalte beschränkt sind, die das Apple-Politbüro für linientreu und passend hält." Doch auch Literatur muss sich Apples Kontrolle unterwerfen.

Pünktlich zum Joyceschen "Bloomsday" am 16. Juni will der Grafiker Rob Berry sein Ulysses Seen in die App-Stores bringen: Das interaktives James-Joyce-Comic zeigt, wie Leopold Bloom vergnügt und nackt in die Nordsee hopst – ein gutmütiger, pummeliger Mann, in schlichtem Strich gezeichnet. Apple jedoch nennt den "obszön" und verweigerte der App die Lizenz: Zu sehen war Leopold Blooms Penis.

"Mal wieder ein Beweis, dass Apple nicht hipp, cool, künstlerisch, aufgeschlossen oder kultiviert ist – all das Zeug, von dem die Kunden hoffen, es gälte auch für sie, sobald sie sich mit Apple-Produkten umgeben", schimpft ein enttäuschter Leser auf Doctorows Blog Boing Boing. Erst vor acht Wochen stand auch der Karikaturist Mark Fiore vor diesem selben Problem: mit seinen Arbeiten gewann er den Pulitzerpreis. Apple aber wollte sie trotzdem nicht veröffentlichen. Der Konzern verbittet sich "die Verhöhnung öffentlicher Figuren": Auch Satire und politische Kritik muss sich ihrer Kontrolle unterwerfen.

Leserkommentare
    • yato
    • 15. Juni 2010 12:47 Uhr

    der diktatur in einer demokratie geben darf.

    wenn steve jobs die presse- und kunstfreiheit zensiert, dann gehört apple in seiner zensur zensiert.

    ich hoffe dass sich durch immer bessere android smartphones wie das htc desire das problem von selbst löst.

    apple ist technisch sehr gut, dies zur zensur zu nutzen ist absolut unterste stufe!

    steve jobs & bill gates sind dieselben üblen typen. monopolisten auf ihren spezialgebieten die dadurch zur diktatur ermächtigt werden und sich nicht zu schade sind diese rolle auch voll auszuspielen.
    igit!

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    • sane
    • 15. Juni 2010 13:01 Uhr

    Falsch. Anders als Apple meint, sind die Käufer aufgeklärt genug selbst zu entscheiden. Niemand ist gezwungen ein Apple "Think like us" Produkt zu kaufen. Solange das nicht der Fall ist, hat der Staat sich rauszuhalten.

    Mit Aussagen wie die Ihrigen verharmlosen Sie den Begriff "Zensur" im eigentlichen Sinne. Reden Sie doch stattdessen besser von Restriktionen. Der Unterschied sollte jedem klar sein.

    • sane
    • 15. Juni 2010 13:01 Uhr

    Falsch. Anders als Apple meint, sind die Käufer aufgeklärt genug selbst zu entscheiden. Niemand ist gezwungen ein Apple "Think like us" Produkt zu kaufen. Solange das nicht der Fall ist, hat der Staat sich rauszuhalten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • yato
    • 15. Juni 2010 13:32 Uhr

    falsch - wäre man nicht gezwungen ein iphone zu wählen, dann könnte sich apple überhaupt keine zensur erlauben, denn wer würde schon zensur wählen, wenn es nebenan ein ähnlich gutes produkt ohne zensur gibt?

    ich habe selbst ein iphone 3gs (mein letztes iphone) und wer heute diese art von flow bei der bedienung will, der findet (noch) nichts besseres.
    man stellt mich also vor die "januskopf wahl" - beste bedienung nur bei zensur.

    apple macht übrigens erst seit einigen monaten richtig ernst mit der app zensur im grossen stil hier in deutschland.
    steve jobs denkt auf der einen seite wirklich an die kunden und verbessert sein produkt hervorragend. nur wer auf der einen seite super fähigkeiten hat, kann es sich überhaupt leisten auf der anderen seite den diktator raushängen zu lassen ohne dass alle abhauen.

    den spruch: "niemand ist gezwungen" hört man öfters einmal und zwar auf vielen gebieten. zum beispiel ist auch niemand gezwungen mises chefs zu wählen, miese politiker, korrupte banker, produkte die die demokratie oder menschenrechte verletzen

    nein - niemand ist gezwungen - wir alle sind frei!
    ;-)

    schön wärs

    Man kann nur hoffen, dass der Hype bald mal nachlässt und die Konsumenten sich nicht mehr so blenden lassen. Auch ich finde Gefallen an den Produkten von Apple, doch zum Kauf hat mich da noch Niemand Überzeugen können. Langfristig wird sich die Offenheit durchsetzen und daran wird dann auch Apple nichts ändern können. Man kann in der Welt eben nicht alles an sich reißen. Nur schade, dass der Markt so lange braucht, um dies zu regulieren.

    • Parvis
    • 15. Juni 2010 13:10 Uhr

    von Apple sehr gut ist, darüber lässt sich streiten.
    Wenn aber die Geschäftspolitik von Apple soweit geht, dass z.B. die Statue des David von Michelangelo auf Apple Produkten nur mit schwarzen Balken gezeigt werden darf, dann sollte man sich wirklich ernsthaft überlegen, ob man Erzeugnisse dieser Firma erwirbt.
    Sich selbst freiwillig einer Zensur zu unterwerfen zeugt nicht von Coolness.

  1. für die tatkräftige Unterstützung von alternativen Hard- und Softwareentwicklern und Marketingstrategien! Man braucht euch heute wirklich nicht mehr (auch wenn Herr Joffe euch immer noch als einsame Nonkonformisten preist), ich habe schon vor Jahren bei meinem letzten Macintosh euer Betriebssystem durch Linux ersetzt und werde mir garantiert niemals ein iPod, iPad, iPhone oder anderes iSpielzeug kaufen.

    • medwed
    • 15. Juni 2010 13:17 Uhr
    5. [...]

    [...]
    Aber so kommt es eben, wenn der Kopf eines Unternehmens göttliche Anwandlungen hat und sich statt auf Bits und Bytes zu beschränken noch in der Moral verheddert. Momentan scheint mir sowieso nichts, aber auch gar nichts fortschrittlich zu sein, das aus den Staaten kommt. Mac inklusive.

    Teilweise entfernt. Bitte verzichten Sie auf beledigende Äußerungen und bemühen Sie sich um eine sachliche Kritik.
    Danke. Die Redaktion/km

    • Buker
    • 15. Juni 2010 13:17 Uhr

    "Mal wieder ein Beweis, dass Apple nicht hipp, cool, künstlerisch, aufgeschlossen oder kultiviert ist – all das Zeug, von dem die Kunden hoffen, es gälte auch für sie, sobald sie sich mit Apple-Produkten umgeben"

    und damit ist eigentlich alles gesagt! Schade nur, dass trotzdem wieder Millionen darauf reinfallen werden!

    Eine Leserempfehlung
    • yato
    • 15. Juni 2010 13:32 Uhr

    falsch - wäre man nicht gezwungen ein iphone zu wählen, dann könnte sich apple überhaupt keine zensur erlauben, denn wer würde schon zensur wählen, wenn es nebenan ein ähnlich gutes produkt ohne zensur gibt?

    ich habe selbst ein iphone 3gs (mein letztes iphone) und wer heute diese art von flow bei der bedienung will, der findet (noch) nichts besseres.
    man stellt mich also vor die "januskopf wahl" - beste bedienung nur bei zensur.

    apple macht übrigens erst seit einigen monaten richtig ernst mit der app zensur im grossen stil hier in deutschland.
    steve jobs denkt auf der einen seite wirklich an die kunden und verbessert sein produkt hervorragend. nur wer auf der einen seite super fähigkeiten hat, kann es sich überhaupt leisten auf der anderen seite den diktator raushängen zu lassen ohne dass alle abhauen.

    den spruch: "niemand ist gezwungen" hört man öfters einmal und zwar auf vielen gebieten. zum beispiel ist auch niemand gezwungen mises chefs zu wählen, miese politiker, korrupte banker, produkte die die demokratie oder menschenrechte verletzen

    nein - niemand ist gezwungen - wir alle sind frei!
    ;-)

    schön wärs

    Antwort auf "Schlechte Idee"
    • Klaue
    • 15. Juni 2010 13:41 Uhr

    Zu den ganzen erwähnten Beschränkungen kommt auch noch hinzu, dass die E-Books viel zu viel kosten. Ein digitales Buch sollte nur ein Bruchteil des Preises eines normalen Buches kosten (fallen doch die Lagerungskosten und der Zwischenvertrieb weg), dem ist leider aber nicht so – eine Unverschämtheit!

    Naja, die ganzen iLemminge werden trotzdem munter weiter konsumieren.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Literatur | Google | Apple | James Joyce | Moby Dick | Rupert Murdoch
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