"Pu der Bär" auf dem iPad. An dem Buch von A. A. Milne gab es offenbar nichts zu beanstanden © Josep Lago/AFP

Der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher umschreibt sie als "Insel-Staaten", andere nennen sie "Walled Gardens". Gemeint sind die Netzwerke, Oberflächen und Betriebssysteme, die ihren Nutzern keinen Einfluss auf den Inhalt geben wollen. Wie in einem bewachten Garten können Veränderungen allein von Torwächtern und Aufpassern getätigt werden. So versteckt seit Anfang Juni Rupert Murdoch die Inhalte seiner Zeitungen hinter einer Bezahlschranke und will nicht mehr von Google gefunden werden.

Wer ein iPhone kauft, verletzt den Vertrag und verliert die Garantie, sobald er seinen Telefonanbieter wechselt oder Software lädt, die nicht von Apple überwacht wird. Auch Leser von E-Books verzichten oft auf Rechte, die für Besitzer der gedruckten Ausgabe selbstverständlich sind: Bücher zu teilen, zu tauschen oder gebraucht zu verkaufen. Nun, wenn Programme wenig Spielraum bieten, mag das kundenfeindlich sein, aber nicht sofort ein Skandal. Der Skandal beginnt mit einer anderen Anmaßung:

Apples iTunes-Plattform bietet Autoren und Verlegern die Möglichkeit, ihre Inhalte als E-Books oder Apps in einem eigenen iBook-Store von Apple weiter verkaufen zu lassen. Wie bei allen via iPhone und iPad abrufbaren Programmen wählt dabei der Konzern selbst aus, welche Inhalte er zulässt. Zensur ist das, streng genommen, nicht. Sondern, als sollte man in Zügen nur Zeitschriften lesen, die am Bahnhof verkauft werden – und in allen Bahnhöfen gibt es nur eine Kette, deren Besitzer alle Printprodukte mit einem Marker durchschaut und löschen lässt, was ihm persönlich nicht gefällt.

Zum Beispiel das Wort "sperm": In Apples Welt ist das Wort verboten und obszön. So verwandelte sich der Pottwal aus Moby Dick im iBook-Store von einem "sperm whale" zu einem "s***m whale". 2009 wurde die Entwicklung einer South Park-App wegen "anstößiger Sprache" abgebrochen. Die Band Nine Inch Nails durften einen 15 Jahre alten und legalen Songtext nicht in ihre App einfügen.

Der Netzexperte Cory Doctorow vergleicht Apples Vorschriften mit der konservativen Politik Wal-Marts, die Sänger zwingt, eine zweite, entschärfte "Wal-Mart-Version" ihrer Alben aufzunehmen, um es in die Wal-Mart-Regale zu schaffen: "Als Erwachsener", schreibt Doctorow, "will ich selbst aussuchen, was ich kaufe. Ich will nicht, dass Apps nur auf jene Inhalte beschränkt sind, die das Apple-Politbüro für linientreu und passend hält." Doch auch Literatur muss sich Apples Kontrolle unterwerfen.

Pünktlich zum Joyceschen "Bloomsday" am 16. Juni will der Grafiker Rob Berry sein Ulysses Seen in die App-Stores bringen: Das interaktives James-Joyce-Comic zeigt, wie Leopold Bloom vergnügt und nackt in die Nordsee hopst – ein gutmütiger, pummeliger Mann, in schlichtem Strich gezeichnet. Apple jedoch nennt den "obszön" und verweigerte der App die Lizenz: Zu sehen war Leopold Blooms Penis.

"Mal wieder ein Beweis, dass Apple nicht hipp, cool, künstlerisch, aufgeschlossen oder kultiviert ist – all das Zeug, von dem die Kunden hoffen, es gälte auch für sie, sobald sie sich mit Apple-Produkten umgeben", schimpft ein enttäuschter Leser auf Doctorows Blog Boing Boing. Erst vor acht Wochen stand auch der Karikaturist Mark Fiore vor diesem selben Problem: mit seinen Arbeiten gewann er den Pulitzerpreis. Apple aber wollte sie trotzdem nicht veröffentlichen. Der Konzern verbittet sich "die Verhöhnung öffentlicher Figuren": Auch Satire und politische Kritik muss sich ihrer Kontrolle unterwerfen.