Ingeborg-Bachmann-Preis Im literarischen Therapiezentrum

Die ersten Texte des Klagenfurter Wettbewerbs erzählen von Selbstmord, Krankheit und Langeweile. Da kann man doch nicht zugucken!

Es sind doch alle da. In jedem Jahr sind immer alle da, in Klagenfurt, angeblich, um den Autoren während bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur zuzuhören, in Wahrheit auch aus anderen Gründen. "Ich möchte nicht Juror eines Bachmann-Wettbewerbs im Ruhrpott sein", sagte einst ein mittlerweile ausgeschiedener Juror. Im vergangenen Jahr hat’s ziemlich viel geregnet, das war neu; die Texte waren eher bescheiden, das war nicht so neu. Dieses Jahr ist man also nicht nach Klagenfurt gefahren, aber alle anderen sind ja da, und man kann sich alles ganz genau vorstellen. Das Wetter ist schön; am Mittwoch, dem Eröffnungsabend, gibt es vor dem ORF-Studio das übliche große Büffet; drinnen werden gefühlte 200 Eröffnungsreden gehalten, danach die Klagenfurter Rede zur Literatur, der im Normalfall niemand zuhört, außer im vergangenen Jahr, als Josef Winkler sprach, der dann das tat, was jeder von ihm erwartete, nämlich die FPÖ zu beschimpfen. Die meisten fanden das gut.

Während draußen Deutschland gegen Ghana spielte und drinnen Sibylle Lewitscharoff sprach, und zwar ausgerechnet "Über die Niederlage", kann der Daheimgebliebene sich einmal in Ruhe, abseits der Betriebshysterie, Gedanken über den Wettbewerb machen, der in Klagenfurt ja alles ist. Ist man in Klagenfurt, sind diese vorgelesenen Textchen wirklich alles, niemand redet über etwas anderes: nicht am See, im Strandbad, nicht am Abend, beim Bürgermeisterempfang, nicht im Maria Loretto, wo man vom Kellner geradezu liebevoll übers Ohr gehauen wird. Hier aber, ohne Strandbad, relativiert sich alles auf wohltuende Weise. Man sitzt nicht im ORF-Theater auf harten Bänken, sondern vor dem Fernseher, und alles rauscht vorüber, ein endloser Wortstrom. Die Konzentration auf jedes Wort, jede Geste, jede Gesichtsregung der Jury, weicht einer wohltuenden Indifferenz gegenüber dem Betrieb und sich selbst. Man nimmt sich selbst dort viel zu wichtig. Man nimmt alles viel zu wichtig.

Anzeige

Trotzdem: Er interessiert einen ja doch, der Klagenfurter Jahrgang, wenn auch nur deshalb, um wieder einmal festzustellen, dass die produzierten Texte furios an den eigenen Erwartungen an Literatur scheitern.

Worum ging es also in den ersten beiden Tagen im Klagenfurter Textrauschen? Um Vertriebene auf, wie das neue Jurymitglied Hubert Winkels treffend feststellte, Stephenie-Meyer- und Augsburger-Puppenkisten-Niveau. Um einen Autor, der tatsächlich Altwasser heißt und einen Text über Hochseefischerei vorlas. Eine Prosa, die sich auf Melvilles Schultern stellte und von dort auch abstürzte. Um die Familie geht es natürlich immer und um Krankheiten, Depressionen, Selbstmorde und angedrohte Selbstmorde. Hin und wieder hat man den Eindruck, in einem literarischen Therapiezentrum gelandet zu sein. Da dauert es auch nicht lange, bis von Seiten der Jury zum ersten Mal der Name Thomas Bernhard fällt. Der gehört hierher, unbedingt, ebenso wie Kafka, der später noch kommt.

Die Jury ist, mit Ausnahme ihres Neuzuganges, ebenso disponiert wie im vergangenen Jahr, daran ändert auch der Fernseheindruck nichts: Frau Fleischanderl ist dauerschlechtgelaunt, Herr Sulzer dauerratlos, Herr Spinnen dauereloquent und Frau Keller dauerfreundlich. Doch, einen Unterschied gibt es: die Moderatorin Clarissa Stadler, die 2009 offenbar engagiert wurde, um unentwegt dazwischenzuquatschen, hält auf wundersame Weise fast durchgehend den Mund. Ansonsten hätte man den Vuvuzela-Filter aktivieren müssen: Wer die Dinger zum Schweigen bringt, schafft das auch bei Frau Stadler.

Es wird also weiter vorgetragen: Judith Zander schlief, so schien es, beim Lesen beinahe ein, was durchaus mit ihrem Text zu tun gehabt haben könnte. Stimmen aus der Jury sagen, dass dieser langweilige, noch langweiliger vorgetragene Text die Langeweile der DDR abbilde, aber dass die DDR nicht an Langeweile zugrunde gegangen sei. Die Schweizerin Dorothee Elmiger las einen vollkommen unverständlichen Text, in dem hin und wieder das Wort "Buenaventura" fremdartig und unangenehm herausragte, bekam dafür von der Jury eine Menge Lob, was beweist, dass Mitlesen statt Zuhören vielleicht doch die literaturnähere Methode ist.

Sonst kann so etwas passieren wie bei Josef Kleindienst am Freitag Nachmittag: Wörter rauschen und rauschen vorbei, zweimal wird ein steifes Glied aus der Hose geholt, da merkt man kurz auf, um zu erfahren, dass man soeben ein erschreckendes Prosastück über Gewalt gehört haben soll. Erschreckend. Es ist 16.02 Uhr. Portugal gegen Brasilien wird angepfiffen. Es gibt keinen Favoriten. Beim Bachmannpreis bislang auch nicht. Die Kollegen fahren jetzt raus ins Maria Loretto zum Baden. Klagenfurt ist nur Klagenfurt, wenn man in Klagenfurt ist. Und nicht dort zu sein, schadet hin und wieder gar nichts.

 
Leser-Kommentare
  1. Ich musste mir folgenden Satz aus obigem Artikel erst laut vorlesen, um ihn zu verstehen:

    "Um Vertriebene auf, wie das neue Jurymitglied Hubert Winkels treffend feststellte, Stephenie-Meyer- und Augsburger-Puppenkisten-Niveau."

    Erstens ist die Ellipse hier fast sinnentstellend. Zweitens ist der Einschub an der sprachlich denkbar schlechtesten Stelle gesetzt, sodass Präposition und zugehöriges Objekt auseinandergerissen werden. Drittens wirkt die Durchkoppelung mit Bindestrichen äußerst gestelzt.

    Warum kann man hier nicht schreiben: "Es handelte sich um Vertriebene auf dem Niveau von Stephenie Meyer und der Augsburger Puppenkiste, wie das neue Jurymitglied Hubert Winkels treffend feststellte."

    Ein verschwurbelter Satz in einem Artikel über Literatur ist hochnotpeinlich, in der ZEIT allemal. Sich dann im selben Artikel noch über angeblich unverständliche Texte der Autoren zu beklagen, entbehrt nicht einer gewissen Komik.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    @Cherrypicker:
    Schon mal Thomas Mann gelesen? Da schwurbelt's so, um es in Ihren Worten zu schwurbeln, dass es "nicht einer gewissen Komik" entbehrt.

    "Um Vertriebene auf - wie das neue Jurymitglied Hubert Winkels treffend feststellte - Stephenie-Meyer- und Augsburger-Puppenkisten-Niveau."

    und schon kann man es lesen. viel verwirrender: was haben stephenie meyer und die augsburger puppenkiste mit vertriebenen zu tun?

    in ihrem vorschlag:
    "Es handelte sich um Vertriebene auf dem Niveau von Stephenie Meyer und der Augsburger Puppenkiste, wie das neue Jurymitglied Hubert Winkels treffend feststellte."

    sollte man eventuell "Es handelte sich ..." in "Es handle sich ..." ändern; der indirekten rede wegen.

    @Cherrypicker:
    Schon mal Thomas Mann gelesen? Da schwurbelt's so, um es in Ihren Worten zu schwurbeln, dass es "nicht einer gewissen Komik" entbehrt.

    "Um Vertriebene auf - wie das neue Jurymitglied Hubert Winkels treffend feststellte - Stephenie-Meyer- und Augsburger-Puppenkisten-Niveau."

    und schon kann man es lesen. viel verwirrender: was haben stephenie meyer und die augsburger puppenkiste mit vertriebenen zu tun?

    in ihrem vorschlag:
    "Es handelte sich um Vertriebene auf dem Niveau von Stephenie Meyer und der Augsburger Puppenkiste, wie das neue Jurymitglied Hubert Winkels treffend feststellte."

    sollte man eventuell "Es handelte sich ..." in "Es handle sich ..." ändern; der indirekten rede wegen.

  2. Für alle trainierenden Buchstabenkomponisten, die jung, leidenschaftlich, besessen oder edelneurotisch sind, ist das Festival in Klagenfurt der absolute Höhepunkt in einer sonst eher dürftigen Allchemie neuerer Literaturwahrnehmungen. Jedes Jahr tanzt ein elitärer Geheimbund angefixter Sprachartisten um das goldene Kalb eines eher als mittelmäßig zu bewertenden Preisspektakels in Österreichs schwarzbrauner Provinz. Auch wer sich intensiv und analytisch mit deutschsprachiger Literatur beschäftigt, staunt, welche Gedankenakrobatik in den nach immer Neuem gierenden Zuhörerraum geblasen wird. In der Geschichte dieses "angesehenen" Forums für Nachwuchsschriftsteller oder Spätberufene haben es nur wenige in auflagenstärkere Regionen geschafft, auch wenn das für die wahre "Ware" Literatur nicht unbedingt erstrebenswert sein mag, aber leben wollen die SchreiberInnen allemal. Und dann sitzt dort eine Jury, die sich eher selbstverliebt in Allgemeinplätzen, kryptischen Aussonderungen oder Guillotinerhetorik geriert. Muss man das ernst nehmen? Wie wichtig ist der Bachmann-Preis für die Entwicklung der Literatur in der PostpostModerne unseres Landes im Zustand eines betäubten Minimalengagements ihrer Bürger? Wie würde Ingeborg Bachmann kommentieren und reagieren, wenn sie sich inkognito im Sprachkäfig des Wettbewerbssaales befände? Wie kann man sich im Labyrinth von Kitsch, Pulp-Fiction und Flachsinn so orientieren, dass man irgendwo einen einzigen schönen Satz findet?

    W. Neisser

  3. @Cherrypicker:
    Schon mal Thomas Mann gelesen? Da schwurbelt's so, um es in Ihren Worten zu schwurbeln, dass es "nicht einer gewissen Komik" entbehrt.

  4. "Um Vertriebene auf - wie das neue Jurymitglied Hubert Winkels treffend feststellte - Stephenie-Meyer- und Augsburger-Puppenkisten-Niveau."

    und schon kann man es lesen. viel verwirrender: was haben stephenie meyer und die augsburger puppenkiste mit vertriebenen zu tun?

    in ihrem vorschlag:
    "Es handelte sich um Vertriebene auf dem Niveau von Stephenie Meyer und der Augsburger Puppenkiste, wie das neue Jurymitglied Hubert Winkels treffend feststellte."

    sollte man eventuell "Es handelte sich ..." in "Es handle sich ..." ändern; der indirekten rede wegen.

  5. "Ein verschwurbelter Satz in einem Artikel über Literatur ist hochnotpeinlich, in der ZEIT allemal. Sich dann im selben Artikel noch über angeblich unverständliche Texte der Autoren zu beklagen, entbehrt nicht einer gewissen Komik."

    Die Kommentarfunktion zu missbrauchen, um der Welt die eigenen Geistesfähigkeiten vorzustellen, entbehrt leider viel zu viel Komik.

    • Mike_E
    • 25.06.2010 um 23:58 Uhr

    lieblingsstelle, und dafür dank an Christoph Schröder, aus dem artikel:
    'Man nimmt sich selbst dort viel zu wichtig. Man nimmt alles viel zu wichtig.'
    ein rat an alle leser, die sich an der einen oder anderen formulierung stören: einfach mal vor den spiegel stellen und diesen satz vorlesen.

  6. Für mich sind die Lesungen und der Disput der Kritiker spannender als jedes Fußballspiel. Ich ärgere mich viel mehr, dass ich den Autor Josef Kleindienst zwar lesen sehen konnte, die Diskussion über seinen Text aber von 3sat stur abgeschaltet wurde, um pünktlich die Konserve über eine anatolischen Zwangsheirat zu senden.
    Interessieren sich die 3sat-Macher eigentlich für das Programm, das sie da senden? Ich habe nicht das Gefühl.

  7. An meinem Körper hängen die Arme
    An meinen Armen hängen die Hände
    An meinen Händen die Finger
    Und das alles, das alles, das alles, das alles
    Hängt hier herum.

    An meinem Körper hängen die Beine
    An meinen Beinen hängen die Füße
    An meinen Füßen hängen die Zehen
    Und das alles, das alles, das alles, das alles
    Hängt hier herum.

    Und das eine hängt hier am anderen
    Und das andere hängt hier am einen
    Ja: vieles hängt hier an vielem
    Und das alles, das alles, das alles, das alles
    Hängt hier herum.

    von Wolfram Lotz

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Dieser Kommentar bringt es auf den Punkt, das umschreibt alles, was in Klagenfurt oder
    Klagenfurtz oder anderswo literarisch aufgeblasen wird.

    W. Neisser

    Dieser Kommentar bringt es auf den Punkt, das umschreibt alles, was in Klagenfurt oder
    Klagenfurtz oder anderswo literarisch aufgeblasen wird.

    W. Neisser

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service