Die Menschheit ist eine mess- und nachzählfreudige Spezies. Alle fünf Minuten erfindet sie ein neues Verfahren, mit dem sich feststellen lässt, dass A der bessere Bergsteiger ist als B, das Kind von C sich schneller entwickelt als das Kind von D, während E mehr Facebookfreunde hat als F, kurz, dass Person X - nennen wir sie mal "ich" - insgesamt einfach großartiger ist als Person Y, nennen wir sie "du".

Das geht ganz leicht, wenn man das zu Messende geschickt ausgewählt hat, zum Beispiel aufgrund seiner leichten Messbarkeit. Am einfachsten hat man es bei Sportarten, bei denen es ausschließlich darum geht, wie schnell jemand laufen kann. Vermutlich entsteht hier zuerst das Messverfahren und dann der Sport drumherum. Schwieriger wird es bei subjektiv bewerteten Beschäftigungen wie dem Eiskunstlaufen, wo Preisrichter ihre Meinung zu "Stil und Individualität" äußern müssen.

Aber immerhin gibt es das ausführlich dokumentierte "Wertungssystem für Eiskunstlauf und Eistanzen" der Internationalen Eislaufunion. Viele andere Bereiche, darunter Wissenschaft und Literatur, müssen ohne ein solches System auskommen und damit auch ohne Punktabzüge für "Illegale Elemente", "Verletzung der Kostümregeln" oder "Verwendung von Vokalmusik". Vielleicht ist das passende Regelwerk auch nur noch nicht erfunden. Mit den derzeit verfügbaren Werkzeugen jedenfalls ist die Vermessung der Literatur ein schwieriges und unpräzises Geschäft.

Es hilft aber nichts, sie muss trotzdem vorgenommen werden, denn wir wollen gern wissen, ob Buch A besser als Buch B und Autor C wichtiger als Autor D ist. Erstens möchten wir nicht, dass die Mitmenschen lachen, wenn sie unsere Bücherregale sehen. Wenn aber Autoritäten unsere Entscheidungen abgesegnet haben – ob das nun Max Goldt ist, Marcel Reich-Ranicki oder der Internationale Verband der Katzenbildbandkritiker –, dann soll sich erst mal jemand trauen zu lachen. Zweitens macht uns das, was Autoritäten gutheißen, tatsächlich mehr (messbare) Freude, wie diverse Studien über Weingenuss und Essvorlieben zeigen. Praktischerweise findet man auf den Außenseiten der meisten Bücher gleich mehrere dieser nützlichen Urteile vor.

Zu welchem Messwerkzeug soll man also greifen, wenn es um Literatur geht? Verkaufszahlen lassen sich angenehm eindeutig ermitteln. Unpraktischerweise messen sie aber nicht die Qualität des Buchs, sondern die Qualität der Werbung. In dem Moment, in dem er ein Buch kauft, weiß der Käufer noch nicht, wie zufrieden er mit dem Inhalt sein wird. Die Werbeschwerpunkte müssen in der Regel beschlossen werden, bevor dem Verlag die fertigen Buchmanuskripte vorliegen; auch im Verlag gibt es also keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Buchqualität und Marketinganstrengungen.

Wenn ein Buch neu erscheint, kann man es schlecht mit "Über 2 Millionen verkaufte Auflage" bewerben. Und zumindest im Bereich der Literaturliteratur gelten Verkaufszahlen auch als leicht anstößige Metrik. Wer viel verkauft, gerät in den Verdacht, sich allzu willig an den schlichten Geschmack des Pöbels anzuschmiegen. Hilfreich wäre es daher, man könnte statt der Qualität des Buchs die des Autors herausfinden, um sie dann einfach auf dessen neuen Büchern zu vermerken.

Hier kommt der Literaturpreis ins Spiel oder noch besser: die Menge der Literaturpreise und Stipendien. Allerdings geht in den Köpfen von Juroren und Stipendiumsverleihern häufig dasselbe vor wie in den Köpfen anderer Menschen. Sie haben nicht unbegrenzt Zeit zum Lesen, sie wollen mit ihrer Meinung nicht ausgelacht werden, und sie sichern sich gerne gegen den Vorwurf ab, man habe ja wohl den Falschen prämiert. Als das Weblog Riesenmaschine den Erik-Reger-Förderpreis der Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz verliehen bekam, hieß es als Begründung unter anderem, das Blog habe ja auch schon andere Preise bekommen und sei deshalb bestimmt kein unwürdiger Preisempfänger.

"Die besten Jurys sind die, deren Juroren sich untereinander nicht ausstehen können", sagt der juryerfahrene Kritiker Thomas Wörtche. Leicht beeinflussen Lesefaulheit, Vetternwirtschaft, politische Abwägungen oder ungeeignete Regelwerke das Ergebnis. Beim Deutschen Krimi Preis etwa gibt es keine gemeinsame Basis an Büchern, die alle Juroren gelesen haben. Jeder Juror nominiert eine Auswahl aus den Neuerscheinungen, die ihm im Laufe des Jahres untergekommen sind. Gewinnen können nur Bücher, die von vielen Juroren überhaupt gelesen wurden; die Überschneidungen zwischen den gesichteten Buchmengen sind aber gering. Bücher von neuen und wenig bekannten Autoren haben daher rein technisch kaum Chancen, von genügend Jurymitgliedern überhaupt wahrgenommen und in der Folge nominiert zu werden.