Ingeborg-Bachmann-Preis Ein Dichter steht im Wald
Der Bachmann-Preis ist ein launenhafter Wettbewerb. Auf manch einen Text kann man verzichten, aber vielmehr noch auf die Videoporträts der Autoren.
Nach 1000 Jahren Fernsehen wissen wir alle, wie es läuft: Die Tagesschau kommt vor dem Tatort, der Spielfilm wird uns von Autoreifen präsentiert, und ohne Videoeinspieler geht auch nichts mehr, sei's bei Plasberg oder Illner oder Dieter Bohlen. Älter als das Fernsehen ist nur die Literatur, weswegen sie sich in jüngeren Medien einiges erlauben kann. Wie den Ingeborg-Bachmann-Preis, dieses launenhafte Klagenfurter Wettlesen. Ein mürrischer Herbst, ein schneedüsterer Winter und ein juckreizender Frühling müssen vergehen, bis man wieder stundenlang vor dem Fernseher sitzen und zusehen kann, wie Autoren uns vorlesen und fachkundiges Personal Lob und Schimpf verteilt.
Klagenfurt, dieses fernsehgewordene Bildungsbürgerhüsteln, erinnert uns in jenen Stunden, dass Literatur manchmal Leiden bedeutet. Es ist ein Service ohne Werbeunterbrechung und – zumal in diesem WM-Sommer – ohne einen Oliver Kahn, der mit "Wenn Du dann dort stehst ..."-Sätzen konditional herumanalysiert. Gleichwohl: Wenn man an drei Tagen 14 Texte von 14 Autoren auf Hunderttausende Zuschauer loslässt, wird einem modernen Programmleiter schon kribbelig. Also wird mittlerweile auch unten am Wörthersee angefeatured, eingespielt und losgetrailert. Vor der Lesung kommt das Autorenvideoporträt! Ungefähr so:
Schriftsteller im rauschenden Wald. Schriftsteller an stehendem Gewässer. Schriftsteller vor wilder Brandung. Schriftsteller im suburbanen Marschland. Schriftsteller auf urbaner Terrasse. Zweieinhalb Minuten lang, in wetterfester Kleidung, spazierend, denkend, innehaltend, nach Worten suchend und der bangen Frage folgend, wie das denn mit dem Schreiben geht. Auch in diesem Jahr bekommen wir darauf Antwort.
Josef Kleindienst: "Schreiben heißt für mich auch immer, neue Räume zu eröffnen." Volker Altwasser: "Der eine baut ein Haus, der andere schreibt Gedichte." Thomas Ballhausen: "Die Unendlichkeit des öffentlichen Raums ist eine unerschöpfliche Inspirationsquelle." Judith Zander: "Sprache ist ein Instrument im musikalischen Sinn." Christopher Kloeble: "Schreiben ist Lebensaufgabe." Peter Wawerzinek: "Das Erinnern ist die kleine Taschenlampe im Kopf", und das klingt erst einmal einleuchtend, bis Sabrina Janesch anhebt: "Ich wurde auf die Vorstellung geeicht ...", und es kommen Vorhänge und Wirklichkeit und Leben und das Wesen der Dinge dahinter. Oft spricht ein strenger Bildungsauftragsbariton aus dem Off: "Für einen Schriftsteller ist die Berufswahl keine freie Entscheidung." Echt wahr? Wie unangenehm! Und wie geht's sonst so? "Thomas Ballhausen ist ein kultureller Multitasker." Ist das nicht ungesund?
In einem Beitrag heißt es, "Der Weg vom Ich zur Welt ist der Weg des Künstlers." In den meisten führt er vorbei an Wäldern und Wiesen, Büschen und Sträuchern, begleitet vom vielsagenden Geklimper eines Klaviers. Und während man darob trübe nachdenkt, ob da nicht gerade ein 3sat-Kulturzeitbeitrag parodiert wurde oder gleich Kai Pflaume im Liebeshubschrauber heranknattert, sitzt schon der Dichter auf dem Stuhl. Will man ihn noch hören? Vernebeln solche Porträts nicht den Sinn? Muss der Maurer über Mörtel reden? Und: Sagt der Text uns nicht genug?
Ganz recht! Der Text! Man hätt' ihn fast vergessen! Wie dankbar ist man Daniel Mezger, dass er im Filmchen dran erinnert, worum es eigentlich geht: "Was mich wirklich interessiert, ist das Geschriebene." Also lassen wir doch die kleine Fernsehkrankheit, die sich die Literatur hier geholt hat. Und wenn seine junge Kollegin Dorothee Elmiger der Kamera gesteht, dass "Nichtankommen" ihr sehr wichtig sei, wollen wir bloß hoffen, dass sie es rechtzeitig zur Lesung schafft.
- Datum 23.06.2010 - 10:22 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 5
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Langweiliger als die Filme ist noch immer diese Berichterstattung. Immer dasselbe. Jaja, die Videos sind doof. Na und? Ich würde gerne mehr über den Wettbewerb, die neuen Autoren, die Abläufe und Hintergründe wissen!
Der Beitrag knallt. Das ist so ein Brigitte-Niveau bei den Einspielern. Ich denke mir auch jedes mal, oh Gott oh Gott.Wenn dann losgelesen wird, turnt der Einspieler noch durch meinen Kopf und ich werde wirklich leicht depressiv. Lieber auf BR-alpha eine nette 15min Biographie über Wolfram von Eschenbach. Knochentrocken und absolut Ironiefrei.
Es kommt abhanden: Das Wesentliche. Irgendwer hat irgendeine Idee und wenn alle sie gut finden, wird die Idee auf einen Sockel gehoben. Man bastelt barocke Schleifchen um jene Idee und das Zeug wird zum miesen Gestrüpp, wo dann niemand mehr weiß, worum es eigentlich ging...
Das Gute: Irgendwann kann es keiner mehr sehen. (Und alles geht von vorne los)
Ich habe keine Meinung zu den kleinen zweieinhalbminütigen Einspielportraits.
Ich weiß nicht, ob sie Ausdruck eines schriftstellerischen Dünkels sind, Ausdruck von übermäßiger und manchmal auch ostentativ schmerzhafter Posendarstellung.
All das interessiert mich nicht. Ich finde die kleinen Autorenvideoportraits nett, weil sie mir Abwechslung zwischen den vorgelesenen Texten und dem manchmal seltsamen, beizeiten auch recht dünkelhaften Geblubbere der Jury verspricht.
Und mal ganz ehrlich, wenn die Juroren und Jurorinnen 15 Stunden Selbstdarstellung betreiben, kann man den 14 Autoren doch auch insgesamt 35 Minuten zubilligen, oder etwa nicht?
Schreiben dort die Dichter von dem sie nichts verstehen, vom Schreiben? Der Bäcker backt Brötchen, der Schuster schustert seine Schuhe, aber was wissen sie vom Wesen des Brötchens, was weiß der Schuster vom Schuh? Darum ist der Dichter nicht der Schreiber., weil er nicht das Gedicht herstellt. Von Gottfried Benn ist dieses Nichtankommen. Es kommt nicht an, weil es niemals abgeschickt wurde. Es ist da und wird aufgenommen, so einfach.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren