Ingeborg-Bachmann-Preis Das Publikum kann ein Monster sein
Ein Tisch, ein Text, ein Wasserglas: Die Autorenlesung ist eine eigene Kunstform. Schriftsteller müssen dabei einiges beachten, damit sie gelingt.
Und dann griff Rainald Goetz zur Rasierklinge, "Ihr könnt’s mein Hirn haben!", rief er, ritzte sich die Stirn auf und las weiter. Das Blut rann ihm das Gesicht herunter , tropfte auf seinen Text. Die Szene ist 27 Jahre alt, damals beim Ingeborg-Bachmann-Preis wurde aus dem üblichen Vorlesen eine Performance. Der Autor drängte sich vor den Text. Der alljährliche Literaturmarathon in Klagenfurt ist das Lese-Ereignis im deutschsprachigen Raum. Er beginnt in dieser Woche. Mehrere Tage sieht man auf 3sat nur Menschen, die vorlesen. Keine Rasierklinge, nirgends.
Ein Tisch, ein Text, ein Wasserglas. Diese statische Dauersendung, das oft hölzerne Vortragen ist zum Klischee geronnen: die deutsche Autorenlesung. Hier werden Texte nicht in Seiten gemessen, sondern in Zeit. Die Tingelei durch Buchhandlungen in der Provinz gehört längst zum Berufsbild "Schriftsteller", teils als Werbestrategie des Verlags, teils als Tour zum Geldverdienen.
"Unverständlich, sperrig, langweilig", das Vorurteil halte sich hartnäckig, sagt Thomas Böhm, zuletzt elf Jahre Programmleiter im Literaturhaus Köln. Bei Loriot würde man darüber lachen, Thomas Böhm hält es für ein Trauerspiel. Das Genre werde nicht unterschätzt, schlimmer, "es wird als eigene Kunstform nicht ernst genommen". Das wurde ihm bewusst, als er anfing, für das Literaturhaus Lesungen zu organisieren. Er wollte sich informieren, wissen, worauf es ankommt, Autorenlesungen perfekt vorbereiten. "Aber es gab nichts", sagt Böhm. "Nirgends fand ich ein Buch über die Kulturtechnik der Lesung."
Also schrieb er selbst welche. Gleich zwei Bände brachte er damals im Tropen Verlag heraus, ließ Autoren über ihre Lesungserfahrungen erzählen, Marlene Streeruwitz, Kenzaburo Oe, Judith Hermann, Stewart O’Nan, eröffnete online gar ein "Lesungslabor" . Damit wollte er die Autorenlesung als Literaturvermittlung etablieren und dafür sorgen, dass die Veranstalter verstehen, worauf es ankommt. "Eine Lesung kann in jedem Detail scheitern", findet Böhm, sei es die Technik, die Raumatmosphäre, das Plakat. Manchmal reicht auch, dass der Moderator den Namen des Schriftstellers falsch ausspricht. "Man hat mich belächelt, weil ich die Autoren selbst vom Bahnhof abgeholt habe", sagt er. "Aber ich wollte signalisieren: Ich habe Ihr Buch gelesen, freue mich über Ihren Besuch, habe ein Erkenntnisinteresse."
Der eingeladene Schriftsteller soll sich wohlfühlen. Schließlich dreht sich das Verhältnis von Autor zu Leser schlagartig um: Die natürliche Distanz zwischen Produzenten und Rezipienten, die das Medium Buch mit sich bringt, wird ersetzt durch eine persönliche Nähe; aus räumlich-zeitlicher Entfernung wird Gleichzeitigkeit. Die Lesung sei eine Kunstform, findet Böhm, nicht Theater, nicht Literatur, sondern irgendwo "dazwischen". Man gerate in die "Situation eines Schauspielers", wie John von Düffel es formulierte.
Und genau da fängt das Problem an. Nicht jeder Autor taugt zur Rampensau. Der Text soll für sich sprechen, Live-Publikum: Oje! "Schlimm ist der erste Moment nachdem ich vorgestellt wurde, dann Klatschen, dann Stille. In dieses Nichts hinein zu sprechen ist fürchterlich!, sagt Inger-Maria Mahlke. Sie gewann den Berliner "Open Mike"-Wettbewerb im vergangenen Herbst, jetzt erscheint ihr erster Roman im Aufbau-Verlag, die erste richtige Lesereise steht an. Die Wettbewerbssituation sei eine gute Schule gewesen, findet sie. "Ich weiß, wenn ich das Publikum einfach nicht anschaue, verflüchtigt sich das." Auch Sebastian Leber, der zur Leipziger Buchmesse sein erstes Buch veröffentlichte, kennt die Angst vorm laut Lesen: "Man hofft insgeheim, sich vielleicht noch schnell ein Bein zu brechen. Oder dass sich, noch besser, der Veranstalter ein Bein bricht", schrieb er in einem Stück übers Vorlesen. "Man möchte gleichzeitig heulen und sich übergeben. Manche sagen, das Lampenfieber nehme ab, je öfter man lese. Aber diese Menschen lügen." Das Publikum könne ein Monster sein, findet er.
Etwa wenn es anfängt, Fragen zu stellen. "Ist das autobiografisch" – sicher die häufigste und die am meisten gehasste. Klar, die "Differenz zwischen Autor und Erzähler" verschwinde, schrieb von Düffel in Böhms Anthologie. "Jede Lesung ist eine Verwandlung." Beide Figuren fallen in eins, da kann es zu Verwechslungen kommen.
Aber nicht nur die Beziehung von Leser und Autor verändert sich, mancher schreibt konsequent auf den Klang der Sätze hin, auch das Verhältnis des Verfassers zu seinem eigenen Text wird im Akt des Vortragens neu definiert. "Mein Physiklehrer hat einmal gesagt: Wenn eine Feder auf eine Porzellankugel fällt, verändern sich beide", sagt Burkhard Spinnen. Er kennt die Gattung Lesung aus unterschiedlichen Perspektiven: Zum einen ist er als Schriftsteller selbst regelmäßig auf Lesereise unterwegs, zum anderen ist er Jurymitglied beim Wettlesen in Klagenfurt. Und er hat gerade ein Buch übers Vorlesen an Schulen geschrieben, Auswärtslesen heißt es, zur Frankfurter Buchmesse soll es erscheinen.
- Datum 22.06.2010 - 10:06 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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