Mit dem kleinen Roman Schuld, geschrieben 1930, erstmals erschienen 1931, hat der große Emmanuel Bove offenbar nicht weniger beabsichtigt, als auf Dostojewskis Schuld und Sühne zu antworten. Hieraus macht zumindest der französische Originaltitel keinen Hehl: Un Raskolnikoff. Im Unterschied zum russischen Vorbild trägt Boves Held keinerlei Schuld, hat also auch keinen Grund zum Sühneakt. Und damit richtet der französische Autor, für dessen in den achtziger Jahren auch hierzulande einsetzende Popularisierung wir Peter Handke nicht oft genug danken können, den Blick auf eine tiefer gelagerte Problematik: die Selbstvergottung, die sich nicht allein im Verbrechen selbst, sondern offenbar auch in der eingebildeten Schandtat artikulieren kann.

Der erst jetzt für den deutschen Sprachraum entdeckte Roman, der insofern eine Sonderposition im Werk Boves einnimmt, als seine absolute Reduktion auf das Wesentliche der Handlung ihn daraus hervorhebt, präsentiert wieder mal einen der typischen bovianischen Charaktere. Seit seinem grandiosen Romandebüt Meine Freunde aus dem Jahr 1924 bevölkern diese herrlich neurotischen Gestalten das Werk des 1898 als Sohn eines russischen Juden und einer Luxemburgerin in Paris geborenen und dort 1945 auch verstorbenen Autors. Häufig leben sie in ärmlichsten Verhältnissen.

Ihr größtes Unglück besteht wohl darin, dass sie nicht dumm sind. In ihrer Isolation entwickeln sie jedenfalls eine rege gedankliche Tätigkeit. Statt irgendeine Initiative zu ergreifen, zermartern sie sich unentwegt das Gehirn. Sie haben wirre Tagträume und prägen sonderbare Eigenschafen aus, die sie schließlich zu absoluten Sonderlingen machen.

Auch Changarnier aus Schuld ist ein in außerordentlich kümmerlichen Verhältnissen vegetierender junger Mann. Gleich zu Beginn erleben wir ihn dabei, wie er seiner bejammernswerten Freundin schwerwiegende Vorhaltungen macht. Wie sein Bruder im Geiste, der quasi philosophische Verbrecher Raskolnikoff aus Dostojewskis Schuld und Sühne, hat er den Hang zu absonderlichen Gedankengängen. Das Unglück vermag offenbar den Verstand in einer Weise zu schärfen, die moralisch bedenklich zu nennen ist. Um irgendeinen Wandel herbeizuzwingen, verlassen die beiden Bejammernswerten endlich das elende Quartier. In winterlicher Nacht streunen sie ziellos durch Paris, immer auf der Suche nach sogenannten Übergangsmomenten, süchtig nach den Augenblicken, in denen alles anders werden könnte, in denen noch nichts entschieden ist.

Die Entscheidungen, die der Held aus Schuld fällt, sind unvorhersehbar. Nach einer Szene in einem Lokal, in der Changarnier die Anwesenden zur Gefolgschaft auf seinem Weg ins Glück aufgerufen hat, wird das Paar tatsächlich von einem kleinwüchsigen Mann verfolgt. Nachdem ihnen der nur widerwillig angehörte neue Bekannte seine Geschichte erzählt hat, die Geschichte eines Mordes aus Eifersucht, setzt Changarnier große Energien frei, um sich selbst vor seiner Freundin ebenfalls als reuigen Verbrecher zu stilisieren. Dahinter steckt vermutlich der Wunsch, wenigstens als Missetäter unter den Menschen hervorzuragen. Schließlich wird er sogar festgenommen und wiederholt auf der Wache sein wirres Geständnis. Wie der Zufall es will, kommt dem Kommissar ein Schuldiger in einer bestimmten, abscheulichen Sache gerade recht. Der seltsamen Verwicklungen ist kein Ende.

Der großzügig gesetzte, gut hundert Seiten umfassende Roman muss letztlich wohl als ein allzu durchsichtig gestricktes Nebenwerk Boves angesehen werden. Nur selten ist der Autor darin so zu erleben, wie seine Liebhaber ihn mögen: als Experte für das treffende Detail. Dabei beginnt alles so schön. Schon im ersten Absatz setzen sich die Schneeflocken auf die Fensterscheiben "wie Insekten auf eine Wand". Diese verschwörerische Umwelt, hervorgebracht durch den Blick des Enttäuschten, dürfte der Grund dafür sein, weshalb Bove, zu dessen Bewunderern Rilke und Beckett zählten, so hoch geschätzt wird. Kleinste Proben seiner größten Kunst sind in Schuld enthalten. Das Nachwort von Thomas Laux ist sachkundig und informativ.