Karl-Theodor zu Guttenberg: Adel ist menschlich
Ein Buch zum Helden zeugen: Anna von Bayerns Biografie über Karl-Theodor zu Guttenberg ist größtenteils adlige Erbauungsprosa.
© Sean Gallup/Getty Images

Ohne maßgeschneiderten Anzug: Karl-Theodor zu Guttenberg
Heikles Thema. Sämtliche Fachkräfte der Republik waren an dieser Sache dran. Politikredakteure, Gesellschaftsfeuilletonisten und Haarabschneider brachte sie um ihren verdienten Schlaf: Wie macht Karl-Theodor zu Guttenberg das mit seiner Frisur? Beziehungsweise wieso. Knapp anderthalb Jahre später wissen wir mehr. "Guttenberg hat von Natur aus eine unbändige Lockenmähne, die sich nur mit Gel einigermaßen disziplinieren lässt." So steht's auf Seite 60 der ersten Biografie über den "Aristokraten, Polit-Star, Minister", die Anna von Bayern geschrieben hat, ihrerseits Angestellte der Bild am Sonntag , ebenfalls von Geblüt.
Biografie? Jetzt schon? Klingt verwegen. Allerdings: Wenn nicht jetzt, wann dann? Was Anna von Bayern nämlich im Sinn hat, ist keine ausgewogene Auseinandersetzung mit der Politik des Ministers. "Was steckt hinter dem Popstar der deutschen Politik?", fragt sie zu Beginn, und wer weiß, wie lange das noch über Guttenberg geschrieben werden kann. Das Buch trifft zumindest den Nerv der Zeit. An einen "ziemlich jungen Spitzenpolitiker", der "als Gegenentwurf zur derzeit herrschenden Generation der Politfunktionäre gelten darf" wolle sie sich annähern, schreibt sie. Dann wird's gar zudringlich: "Warum er im Wahlkampf dreimal am Tag das Hemd wechselt und Raststättenklos ohne Drehkreuz bevorzugt." Der Gestus, mit dem sie dem Minister hier auf die Pelle rückt, ist programmatisch für das gesamte Buch. Hier schreibt der Fan.
Und so begleitet man den Minister durch sämtliche Stationen seiner recht jungen politischen Karriere. Er peterscholllatourt durchs Krisengebiet. Sitzt in afghanischer Schwüle auf glitschigen Ledersesseln und macht Politik. Geschichten aus dem Wahlkampf kennt Anna von Bayern zur Genüge. Die frühen Phasen, als der junge Baron noch Bierkisten auf Feiern der Jungen Union schleppte. Discobesuche mit Guttenberg als Technokenner. Wie er seine Gattin ("universal einsatzfähig und geländegängig") kennenlernt. Wie er Henry Kissinger beeindruckt. Und ja, die beiden Sternstunden seines Wirkens finden ausreichend Platz auf den 220 Seiten: Das "Krieg" zum Krieg und das "Nein" zur Opelrettung mitsamt Rücktrittsdrohung, die die Autorin "potenziell heldenhaft" findet. In all diesen Episoden will sie erkannt haben: Haltung und Demut und Manieren. Guttenberg, schreibt sie, ist "ein Aufsteiger von Oben."
Oben ist ganz wichtig. Oben heißt Herkunft, und die des Ministers ist Anna von Bayern Erklärung für so ziemlich alles. Besenreine Kinderstube. Ohne "pubertäre Revoluzzerphasen". Klavierstunden mit Drei, guck an. Dem Kapitel über Guttenbergs Jugend stellt die Autorin voran, "verzweifelte Eltern" sollten die folgenden Zeilen wegen Neidgefahr überspringen. Eine Geschichte ohne Abgründe, höchstens mal ein Schlagloch, "als der Familienhund den grünen Papagei fraß, den der Minister als Elfjähriger zu Weihnachten bekommen hatte". Die Verwurzelung im Frankenwald mit allen Astgabeln nütze ihm noch heute – ob bei (bisweilen trefflich beschriebenen) internen Scharmützeln der CSU oder beim Dinner mit Tom Cruise, wo man "durchaus auch sehr kritisch" über Scientology sprach.
Damit solche Anekdoten nicht versehentlich für Rafaellowerbung gehalten werden, streut Anna von Bayern bisweilen etwas Spaßbeiseite zwischen die Zeilen. Schuhe: selbst geputzt! Maßanzüge: Vorurteil! Fotos: alles Schnappschüsse! Frau: fährt VW Polo. Gleichermaßen gilt für Politik wie fürs Schuheputzen: "Er war schon vorher wer und wird es auch nachher wieder sein."
Dass sich die Autorin auf die Genealogie des Ministers besinnt und es damit gut sein lässt, kann man als adlige Erbauungsprosa durchgehen lassen. Ins Hagiografische aber kippt das Buch, wenn es den schnöden Bierzeltauftritt noch weihevoll umorgelt: "Für einen Moment ist der Politiker in der Wahrnehmung vom Hoffnungsträger zum Heilsbringer geworden. Dem Heilsbringer streckt man Kinder entgegen – oder Kranke, als ob er sie heilen könnte. Das haben Menschen mit den von ihnen selbst stilisierten Personen nicht erst seit dem Mittelalter getan." An solchen Stellen lässt Anna von Bayern jenes Understatement fahren, das sie an Guttenberg zehn Kapitel lang bestaunt.






Ein Teil der Wahrheit ist auch, dass viele Journalisten weitaus weniger Schwierigkeiten hatten den "Messias-Status" von Obama zu akzeptieren. Bei einem konservativen Adligen tut man sich da als Journalist etwas schwerer.
Das Buch mag misslungen sein, aber ich traue Guttenberg durchaus Charakter zu. Für seine kurze politische Laufbahn hat er doch recht viele Wagnisse gemacht (Bundeswehrreform, starker Eintritt für Kundusangriff wenn auch auf Grundlage falscher Information, "Krieg"srethorik, Absage an Opel).
Ein hochintelligenter Zeitgenosse ist er noch dazu, "summa cum laude" in der Promotion ist auch in Zeiten von Titelinflation eine Rarität.
Ich hab die Hoffnung, dass der echte Guttenberg, irgendwo zwischen dem Durchschnitts-Parteipolitiker und dem überhöhten medialen Bild steht.
http://www.ghostwriter.nu...
In etwa 10.000€. Summa cum laude kostet extra.
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In etwa 10.000€. Summa cum laude kostet extra.
Ansonsten ist mir die Titanic lieber: "Machen wir's dem Franzmann nach ... "
Dass es heute noch Adlige gibt ist ein historisches Verfilzungsprodukt. Erst Kirche und Adel, jetzt Kapitalismus und Adel...man spricht ja nicht umsonst vom "Schwarzen Adel"... und wie man das Volk "verführt" ist genetisch bedingt? Wohlstand entsteht durch Ausbeutung?
ich verstehe diese Einleitung nicht. Oder hab ich nach der Lektüre Lust (oder Verzweiflung)ein solchen zu zeugen?
Ich würde mal behaupten, dass alle Menschen identisch weit zurückreichende Stammbäume haben. Was macht die einen jetzt "adeliger" als die anderen? Dass irgendwo mittendrin einige waren, die ihre Mitmenschen besser instrumentalisieren und ausbeuten konnten als andere?
Wikipedia: "...herrschende soziale Schicht (Stand), gegründet auf Geburt, Besitz, Zuerkennung und gelegentlich auf Leistung".
Gelegentlich. Hurra, hurra.
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In etwa 10.000€. Summa cum laude kostet extra.
Es ist ein Relikt aus einer vergangenen Zeit.
Es heißt nur, dass ein Vorfahr besonders machtgeil und brutal war und dadurch eine große Zahl von Menschen unterdrückt und wie Sklaven behandelt hat.
Adelstitel gehören abgeschafft!
Die Bewunderung der Adelsträger in den Klatsch-Blättern zeugt nur von Unaufgeklärtheit und Ewiggestrigkeit der Leser.
Nichtsdestotrotz ist es schön, dass Guttenberg, wie auch immer seine politische Orientierung sei, das Niveau der politischen Akteure ein wenig hebt.
Dass jemand mit solchen Vorrausetzungen eine solche Karriere macht ist jedoch eher zu erwarten als das eine Heldentat ist.
Ist der Klein- oder Landadel (Freiherren, Barone), zu dem
Guttenberg sich rechnen dürfte, soziologisch überhaupt
noch eine abgrenzbare Gruppe? Seit Artikel 109 der
Weimarer Verfassung sind Adelsbezeichnungen keine Titel
mehr, sondern nur noch Namensbestandteile . Das "blaue Blut" dürfte in vielen Familien durch Eheschließungen mit Bürgerlichen bis zur Unkenntlichkeit verdünnt sei, was
freilich manche Medien nicht hindert, immer noch zu
katzbuckeln.
Das muss kein Nachteil sein. Siehe Homöopathie-Diskussion an anderer Stelle bei Zeit-Online ;-).
Ansonsten finde ich sollte man der Diskussion über Guttenberg nicht allzuviel Gewicht geben. Das sollte der Klatschpresse weiterhin überlassen sein. Im Moment ist man doch schon eher froh, wenn Politiker weniger Blödsinn machen als ihre Vorgänger. Über Zusammenhänge zwischen Qualifikation,Amt und Beliebtheit wundert man sich auch nicht erst seit Guttenberg. Ein Sommerloch ließe sich sicher auch anders stopfen. Was die Biografie angeht, müsste nach Bohlen und Bushido schon einiges kommen, dass mich entrüstet oder erschüttert. Vielleicht eine von Helmut Kohl, in der er die Namen der Spender veröffentlich?
Einen schönen Sommertag.
im Zweifel
Das muss kein Nachteil sein. Siehe Homöopathie-Diskussion an anderer Stelle bei Zeit-Online ;-).
Ansonsten finde ich sollte man der Diskussion über Guttenberg nicht allzuviel Gewicht geben. Das sollte der Klatschpresse weiterhin überlassen sein. Im Moment ist man doch schon eher froh, wenn Politiker weniger Blödsinn machen als ihre Vorgänger. Über Zusammenhänge zwischen Qualifikation,Amt und Beliebtheit wundert man sich auch nicht erst seit Guttenberg. Ein Sommerloch ließe sich sicher auch anders stopfen. Was die Biografie angeht, müsste nach Bohlen und Bushido schon einiges kommen, dass mich entrüstet oder erschüttert. Vielleicht eine von Helmut Kohl, in der er die Namen der Spender veröffentlich?
Einen schönen Sommertag.
im Zweifel
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