Seit Längerem wird die veränderte Rolle des literarischen Erzählens im Zeitalter von Internet und Fernsehen diskutiert. In der Literaturszene verbreitet ist sogar die Furcht vor dem Verschwinden des Romans, wie sie etwa Don DeLillo, Jonathan Franzen und Thomas Pynchon äußerten. Die amerikanische Medienwissenschaftlerin Kathleen Fitzpatrick, Lehrende am Pomona College, hat sich in ihrem Buch The Anxiety of Obsolescence (Die Angst vor der Obsoleszenz) kritisch mit der These von dem Bedeutungsverlust des Romans auseinandergesetzt.

ZEIT ONLINE: Frau Fitzpatrick, wenn wir uns jetzt in einem Online-Medium über den Tod des Romans unterhalten, sind wir dann Leichenfledderer, Totengräber oder hat dieses Gespräch den Charakter einer Warnung?

Kathleen Fitzpatrick: Weder noch. Die These vom Tod des Romans ist stark übertrieben. Ich bin sicher keine Totengräberin. Wenn wir bei diesen Metaphern bleiben wollen, dann versuche ich zu zeigen, dass der Patient zwar totgesagt ist, aber noch lebt. Tatsächlich werden zurzeit mehr Romane geschrieben und verkauft als jemals zuvor. Ob unser Gespräch nun auf Papier oder in einem Online-Medium erscheinen wird, spielt keine Rolle. Entgegen einer verbreiteten Auffassung ist auch der Roman selbst nicht an Druckerschwärze, Papier und Buchdeckel gebunden.

ZEIT ONLINE: Die Krise der Printmedien betrifft den Roman also nicht?

Fitzpatrick: Richtig. Das Verlagswesen ist zwar im Übergang zur Digitalisierung mit einer Reihe gravierender struktureller Probleme konfrontiert. Ich nehme zum Beispiel an, dass sich die E-Book-Piraterie zu einem ähnlich massiven Problem wie die Piraterie auf dem Musikmarkt entwickeln wird. Doch die zu erwartende Krise des Geschäftsmodells Verlag betrifft den Roman als kulturelle Form nicht.

ZEIT ONLINE: Leidet der Roman als Erzählform nicht auch unter der permanenten Verfügbarkeit aller möglichen Informationen im Internet? Wird der Roman nicht obsolet, wenn es nichts Neues oder Unerhörtes zu erzählen gibt?

Fitzpatrick: Der Roman hat sich niemals wirklich mit dieser Art von Neuigkeiten beschäftigt. Er war auch nie an der Art von alltäglicher Kommunikation interessiert, wie sie etwa in Blogs passiert. Eher bringt das Internet eine Reihe neuer Technologien und Fähigkeiten auf dem Gebiet textbasierter Kommunikation mit sich, von denen auch der Roman profitieren wird.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch vergleichen sie die heutige Situation des Romans mit derjenigen der Malerei zu Ende des 19. Jahrhunderts. Wie ist das zu verstehen?

Fitzpatrick: Als Ende des 19. Jahrhunderts die Fotografie entwickelt wurde, glaubten viele, dies sei das Ende der Malerei. Tatsächlich war es der Beginn der modernen Kunst und der Befreiung der Malerei als Kunstform. In Bezug auf das Verhältnis zwischen Roman und elektronischen Medien zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab. Internet und TV entlasten den Roman und differenzieren ihn als Kunstform.

ZEIT ONLINE: Weshalb dann das gegenwärtige Gerede vom Tod des Romans?

Fitzpatrick: Aussagen über den Tod oder das Verschwinden kultureller Formen verraten mehr über die Personen, die solche Aussagen treffen, als über das Objekt solcher Aussagen. Die Diskussion über das Verschwinden des Romans dient dazu, etwas zu erzeugen, das man mit einem kulturellen Naturschutzgebiet vergleichen kann – einen geschützten Raum, in dem ein Genre samt seiner gewachsenen Regeln und Eigenarten unbehelligt von sozialen und technologischen Veränderungen fortbestehen kann. Es handelt sich dabei um einen Versuch der sozialen Mehrheit, die Werte aufrecht zu erhalten, die sie von einer sich verändernden Bevölkerung bedroht wähnt.

ZEIT ONLINE: In ihrem Buch bezeichnen Sie die Diskussion über das Verschwinden des Romans als eine männliche Pose. Weshalb ist diese Diskussion männlich?