Comics Robin Hood mit Alzheimer
Die Comics von Manu Larcenet sind zurzeit die schärfsten Parodien, die das Genre zu bieten hat. Sie lenken den Blick darauf, wie ein Comic sein sollte: komisch.
© Manu Larcenet/Reprodukt
Kein Zweifel: Die Comic-Branche boomt. Die Feuilletons überschlagen sich mit Lobgesängen und Stimmungsberichten aus dem Feld der "Graphic Novels". Und was wird der Bildgeschichte nicht alles zugetraut: Kein gesellschaftliches, politisches, historisches Thema scheint vor ihr sicher – zumindest, wenn es hinreichend ernsthaft aufgefasst wird, am besten autobiografisch, versehen mit dem Siegel der Authentizität.
Denn so einstimmig, ja, kritiklos begrüßt wird, was immer sich als "erwachsene" Beschäftigung mit "großen Themen" verkaufen lässt, so wenig Beachtung finden andererseits Comics, die sind, was schon ihr Name verspricht, nämlich komisch. Je alberner, abschweifender, kindischer, slapstickhafter, aber auch sperriger ein Comic ist, mit desto weniger Aufmerksamkeit kann er rechnen. Bestenfalls wird "Einfallsreichtum" konzediert – ein vergiftetes Gratislob.
Reine Geschmackssache sind solche Urteile allerdings nicht, ist doch die Ästhetik des Comics eine der Stereotype, des Kleinen, Schnellen und eben Komischen. Das muss nicht unbedingt gegen Betroffenheitsliteratur, Dokufiktion und Historienschmonzetten sprechen, die derzeit hoch im Kurs stehen, so sie nur gezeichnet daherkommen, bevorzugt im voluminösen Schmökerformat. Was aber deren besondere ästhetische Qualität ausmachen soll – etwa verglichen mit den entsprechenden Spartenprodukten in Literatur, Sachbuch oder Film –, verraten die Claqueure nicht. Der bloße Erfolg kann es kaum sein, denn neben den Auflagen von Tanja Kinkel und den Quoten von Heinrich Breloer nehmen sich die drei-, viertausend Stück, die hierzulande von einer überaus erfolgreichen Graphic Novel über die Tische gehen, recht bescheiden aus.
Wenn aber in der Nische auch nur reproduziert wird, was ohnehin ästhetischer und geschichtspolitischer Konsens ist, wo liegt dann der Nachrichtenwert? Wirklich darin, dass Comics mehr, nämlich ernsthafter, tragischer und dicker sein können als Mickey Mouse, Tim und Struppi, Asterix oder Lucky Luke? Und was eigentlich haben die Apologeten der Graphic Novel gegen diese Longseller gezeichneter Komik? Mag ihr Humor heute harmlos scheinen, so wirbeln sie in ihrem parodistischen Spiel mit den Unterhaltungsgenres, aber eben auch mit der offiziösen Historienschreibung die fein sortierten Wirklichkeitsbereiche doch gehörig durcheinander. Es geht in diesen Heftchen um französische Widerstands- und amerikanische Gründungsmythen, bildungsbürgerliches Basiswissen, um Rassismus, Antisemitismus, Imperialismus, um das Schweizer Banksystem, die Ölkrise, Gentrification, Medienmacht und Filmstars. Unter anderem.
In Frankreich hat man dieses Potenzial keineswegs vergessen, sondern die Parodie-Ästhetik gerade in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt, etwa im ausufernden Fantasy-Epos Donjon, einer Gemeinschaftsproduktion von Joann Sfar, Lewis Trondheim und zahlreichen Gastzeichnern, darunter auch Christophe Blain und Manu Larcenet. Blain hat seinerseits mit der Seeräuber-Story Isaak der Pirat den Abenteuercomic neu justiert und liefert mit Gus eine Western-Persiflage um verdammt komplexbelastete Cowboys.
Die schärfste Variante bietet allerdings Manu Larcenet mit seiner Serie "wundersamer Abenteuer". Vier Bände sind bislang erschienen, drei davon auch auf Deutsch (allerdings in schwächelnder Übersetzung – leider immer noch, Boom hin oder her, Normalität in der hiesigen Comiclandschaft): Die wundersamen Abenteuer von Sigmund Freud – Hundejahre, Die wundersamen Abenteuer von Vincent van Gogh – An vorderster Front und zuletzt Die wundersamen Abenteuer von Robin Hood – Die Legende von Robin Hood (alle bei Reprodukt).
Freud figuriert bei Larcenet als zwanghafter, aber durchaus liebenswerter Don Quijote, ausgezogen in die Neue Welt, um sich vor den "hysterischen alten Schachteln aus Wien" zu retten. Schließlich trifft er auf einen Outdog, einen steckbrieflich gesuchten Straßenköter, eh sich alles in grün umwölkter Indianeresoterik auflöst, dass selbst Carlos Castaneda die Ohren schlackern würden. Van Gogh, für tot erklärt, seit er sich geweigert hat, im Regierungsauftrag die Ausbreitung des Kubismus zu verhindern, muss auf seine alten Tage als malender Kriegsreporter an die Front. Und Robin Hood metzelt, von Alzheimer geplagt, harmlose Touristen im Teutoburger Wald nieder, ehe er sich, angewidert und resigniert, auf den Tod vorbereitet.
- Datum 13.07.2010 - 13:23 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Der Autor dieses Artikels weiß anscheinend nicht mal worüber er eigentlich schreibt!? Der Comiczeichner heißt Larcenet und nicht wie immer wieder im Artikel geschrieben Lacernet...
Der Name "Larcenet" ist im Artikel durchgängig richtig geschrieben, der Teaser ist die Schwachstelle und den erstellt meist nicht der Autor, sondern die Redaktion.
Der Name "Larcenet" ist im Artikel durchgängig richtig geschrieben, der Teaser ist die Schwachstelle und den erstellt meist nicht der Autor, sondern die Redaktion.
Der Name "Larcenet" ist im Artikel durchgängig richtig geschrieben, der Teaser ist die Schwachstelle und den erstellt meist nicht der Autor, sondern die Redaktion.
Hier ein Hinweis auf eine tatsächliche Comics-Sensation, leider bisher nur auf English, Niederländisch und Griechisch verfügbar: "Logicomix, An epic search for truth" von Apostolos Doxiadis und Christos Papadimitrou, 2009 erschienen, siehe http://www.logicomix.com/en/. Dieser Comics arbeitet auf drei verschiedenen Ebenen und spiegelt die Selbstbezüglichkeit des berühmten Russelschen Beweises auf witzige Weise wieder: Die Autoren erscheinen als Comics-Figuren und diskutieren das Buch, das man gerade in den Händen hält. Und man erfährt nebenbei viel über analytische Philosophie und Mathematik: Neben Russell treten auf Gottlob Brege, Georg Cantor, Ludwig Wittgenstein, Albert Whitehead und viele andere.
Kann mich dem nur anschließen, ein hervorragender Comic und der erste Exportschlager meiner Wahlheimat Griechenland seit etwa 2000 Jahren. Genial gut! Hoffentlich bald auch auf Deutsch erhältlich.
Kann mich dem nur anschließen, ein hervorragender Comic und der erste Exportschlager meiner Wahlheimat Griechenland seit etwa 2000 Jahren. Genial gut! Hoffentlich bald auch auf Deutsch erhältlich.
Liebe/r IAmNeda,
der Fehler stand nur im Teaser und ist inzwischen behoben.
Danke für Ihren Hinweis.
Mit besten Grüßen,
DH
sei empfohlen sich "Mit Mantel und Degen" von Ayroles und
Masbou auf eine höchst unterhaltsame Fahrt durch die
Geschichte der europäischen Literatur zu begeben.Francois
Bourgeon entführt wahlweise mit den "Gefährten der Dämmerung" ins tiefe Mittelalter oder mit "Die Passagiere
des Windes" in das beginnende 18.Jahrhundert.Moebius nimmt
einen mit auf einen Trip in die Zukunft mit seiner
Geschichte "Der Inkal"
Viel Vergnügen beim Lesegenuss
ist nicht zwangsläufig mit "komisch" zu assoziieren. Schließlich handelt es sich nicht, wie der Begriff vorschlägt, um ein Genre (wie beispielsweise der Komödie im heutigen Film), sondern um eine Gattung der Literatur. Hierbei verhält es sich ähnlich wie mit dem Manga. Dieser begriff kommt auch von der japanischen Übersetzung für "komisch", erstreckt sich aber, wie der westliche "Comic", über alle Genres und Zielgruppen. Man sollte ihm nicht vorschreiben wollen, dass er komisch sein solle. Bei einem Roman käme man auch nicht auf die Idee, Qualität an diesem Merkmal festzumachen. "Watchmen" oder die Werke von Myazaki Haiao ist beispielsweise zwar in Teilbereichen komisch, beziehen aber daraus nicht den Löwenanteil ihrer Kraft.
Kann mich dem nur anschließen, ein hervorragender Comic und der erste Exportschlager meiner Wahlheimat Griechenland seit etwa 2000 Jahren. Genial gut! Hoffentlich bald auch auf Deutsch erhältlich.
"Wenn aber in der Nische auch nur reproduziert wird, was ohnehin ästhetischer und geschichtspolitischer Konsens ist, wo liegt dann der Nachrichtenwert?"
Genau. Und Larcenets Knollennasenmännchen (das ist also die "Ästhetik des Comic?) sind ganz heiße News?
Ach so, diese albernen, kindischen Comics finden keine Beachtung, weil diese Graphic Novel-Schmöker die Bestsellerlistenplätze unter sich ausmachen. Ich befürchte, nicht nur Tanja Kinkel lacht über die Anzahl der verkauften Exemplare der auflagenstärksten Graphic Novel.
Aber Brösel, Moers und König freuen sich bestimmt, endlich zu erfahren, dass ihnen nicht nur der Markt, sondern auch diese Theorie der Comic-Ästhetik Recht gibt.
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