Georg-Büchner-Preis Die Stimmen der Verschütteten

In Reinhard Jirgls Werken fegt ein expressionistischer Sturm über das Papier. Der Büchner-Preis ist Jirgls Chance, dass sich an ihm mehr Leser die Zähne ausbeißen

Der Georg-Büchner-Preis wird gewöhnlich zur Maienzeit verkündet. Diesmal war sich die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, die ihre Wahl traditionell während ihrer Frühjahrstagung trifft, aber offenbar nicht einig. Nach der Entscheidung für die gebildeten Beschaulichkeiten des Österreichers Walter Kappacher im letzten Jahr hatte sie auch Grund dazu, einen würdigeren Kandidaten für den angesehensten, mit 40.000 Euro dotierten Literaturpreis der Republik zu finden.

Reinhard Jirgl, 1953 in Ostberlin geboren, bei den Großeltern in der Altmark aufgewachsen und heute im tiefsten Westen Berlins, in Wilmersdorf, zu Hause, taugt nun sicher nicht als billiger Konsensautor, doch als Gegenentwurf zu Kappacher schon. Als Epiker, der bis in die entlegensten Schützengräben des 20. Jahrhunderts vorgedrungen ist, entwirft Jirgl ein hochexpressives Panorama deutscher Großmachtsanwandlungen und Kleingeisterei, durch das Ströme von Blut fließen und über dem ein genau wahrgenommener Verwesungsgestank liegt.

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Jirgl, so heißt es in der Begründung, erzählt "von den Aufbrüchen und Katastrophen, den Kriegen und Vertreibungen, den Zeiten der Teilung und der schwierigen Vereinigung. Dabei lässt er die historischen Umbrüche aus unterschiedlichsten Perspektiven alltäglichen Erlebens gegenwärtig werden und macht – so zuletzt in den großen Romanen Die Unvollendeten und Die Stille die Stimmen der Vergessenen und Verschütteten wieder hörbar."

Die Wahl fällt auf einen Mann von ebenso einzigartigem wie erratischem Format, und sie verdient Respekt – gleich, ob man zu den Bewunderern von Jirgls Kunst gehört oder zu den Distanzierten. Beider Schar wuchs mit der Aufmerksamkeit für sein mittlerweile rund ein Dutzend Titel umfassendes Werk.

Respekt verdient auch die besessene Konsequenz, mit der der gelernte Elektromechaniker, der im Anschluss an das nachgeholte Abitur 1971 an der Humboldt-Universität Elektronik studierte, sich mit Heiner Müllers entscheidendem Zuspruch in die Literatur hineinschrieb, ohne in der DDR jemals eine Veröffentlichungschance zu bekommen.

Bis zur Wende hatte er neben seiner Ingenieursarbeit in Adlershof und, ab 1978, der Anstellung als Beleuchtungstechniker an der Volksbühne, sechs Manuskripte fertig gestellt. Noch 1990 war es allein Gerhart Wolfs Verdienst, dass in eine von ihm betreute Extrareihe des Aufbau-Verlags MutterVaterRoman aufgenommen wurde. Das Prosaisches und Dramatisches verbindende Frühwerk erschien erst 2002 bei Hanser unter dem Titel Genealogie des Tötens. Trilogie .

Jirgls Romane sind kühne und kühle Imaginationen von Geschichte und Mentalitätsschichtungen. Montierend und collagierend, manchmal ächzend unter dem Gewicht ihrer intertextuellen Bezüge, dringen sie ein in den ideologischen Selbstbetrug der DDR, keinerlei Kontinuität zu Nazideutschland zu unterhalten. Abschied von den Feinden , mit dem Jirgl 1995 seinen Durchbruch feierte, weitet diese Diagnose des Debüts zu einer schicksalhaften Verdammnis aller Deutschen aus. Zwei Söhne eines SS-Offiziers, die gemeinsam in der DDR aufgewachsen sind, ringen um dieselbe Geliebte, als der eine Bruder sich schon in den Westen verabschiedet hat – eine Familienchronik mit finsteren Tötungsfantasien.

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