Georg-Büchner-Preis Die Stimmen der VerschüttetenSeite 2/2
Woher die Anziehungskraft solcher Stoffe nicht zuletzt kommt, offenbarte der sonst wenig autobiografisch gestimmte Jirgl 2003 in Die Unvollendeten . Der Roman folgt einer sudetendeutschen Restfamilie, einer Mutter und zwei Töchtern, von der Vertreibung aus der Tschechoslowakei in die Sozialistische Besatzungszone, wo ihnen erneut Hass entgegenschlägt. Eines der Mädchen, so gibt der Text preis, ist Jirgls Mutter.
Die Herausforderung dieser Bücher liegt nicht nur in der Polyphonie ihrer Stimmenführung, sondern vor allem in der manieristischen Orthographie. Jirgl pflegt einen phonetischen Verfremdungs- und Verballhornungswahn, der Wörter mit Zahlen, Versalien, gewaltsamen Trennungen, Zusammenschreibungen, Ausrufungszeichen mit neuer Bedeutung aufladen will: 8ung, 8ung & nochX 8ung!
In der Begründung der Akademie wird dies mit den Worten gewürdigt, Jirgls "große erzählerische Sensibilität und Leidenschaft" werde "geschützt durch den Firnis eines avantgardistischen Schreibgestus". Das kann man auch so verstehen, dass dieser Stil nach dem Tod aller definierbaren Avantgarden selbst historisch geworden ist – und als Gestus im Theatralischen angesiedelt bleibt. Bei allem, was in Jirgls Büchern Körpern angetan wird, mutet sein Stil im Unterschied zu den beklemmenden DDR-Chroniken von Wolfgang Hilbig oft ausgesprochen unkörperlich an.
Was da an expressionistischem Sturm und Drang übers Papier fegt, wird immer gleich wieder einem seltsamen Kontrollzwang unterworfen. Nach der Entzifferung so mancher Zeichenwildnis bleiben mitunter kreuzbrave Sätze übrig. Aber war nicht auch der visionäre Arno Schmidt mit seinen Interpunktionsschrullen zugleich ein pingeliger Buchhalter?
Die größte Gefahr droht der Fantasie des intellektuellen Autodidakten und Allesverschlingers Jirgl allerdings seit jeher durch die theoretische Überlastung seines Erzählens. Im Anhang zu seinem Roman Im offenen Meer (1991) präsentierte er eine ganze Liste von Foucault-Zitaten, in jüngeren Büchern finden sich auch offen essayistische Abschweifungen, in denen ein tief empfundener Kulturpessimismus aufscheint. Zwischen Oswald Spenglers Untergangsprophetien in nietzscheanischem Ton, Ernst Jüngers antimodernem Impetus und Horkheimer/Adornos fundamentalistischen Ausfällen gegen alles Kulturindustrielle scheint er ihn aus der DDR verlustlos in die Bundesrepublik gerettet zu haben.
Doch es dürfte ein Trugschluss sein, dass ein gefilterter, gestutzter, herunterregulierter Jirgl ein besserer Jirgl wäre. Es gibt ihn wie jeden Schriftsteller, der eine eigene Welt erschafft, nur ganz oder gar nicht. Es ist seine Chance, dass sich an ihm jetzt noch ein paar Leser mehr die Zähne ausbeißen werden.
- Datum 09.07.2010 - 16:15 Uhr
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- Quelle Tagesspiegel
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Keinem Schriftsteller ist es bisher gelungen, das Thema Vertreibung so intensiv und schnörkellos darzustellen. Für Betroffene ist die geballte Kraft seines Mitgefühls oft kaum zu ertragen.Seine Mutter stammt aus meinem Geburtsort Komotau/Sudetenland.
Nach Hertha Müller jetzt Reinhard Jirgl. Nur die Politik steht verständnislos und emotionslos abseits.
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