Comic "Alpha...directions" : Festschrift der Evolution

In seinem monumentalen Comic "Alpha...directions" erklärt Jens Harder die Entstehung der Welt. 2000 Bilder auf 340 Seiten lehren den Leser das Staunen.
Die letzte Szene in "Alpha...directions": der Homo erectus auf der Jagd © Jens Harder/Carlsen Verlag, Hamburg 2010

Tief durchatmen. Nehmen Sie dieses Buch und seien Sie gefasst: 1735 Gramm Papier werden Sie in den Sitz drücken, und Sie werden mit geweiteten Augen Seite für Seite umblättern. Sie werden staunen und verstehen und schließlich staunend verstehen, dass Sie solch ein Buch noch nie zuvor in den Händen hielten.

Alpha...directions ist ein Comic. Nein, vielmehr eine grafische Erzählung in 2000 Bildern. Klingt enorm, aber was ist das schon angesichts der 14 Milliarden Jahre, die sie illustrieren. Auf 340 opulenten Farbtafeln schildert der Berliner Zeichner Jens Harder die längste Geschichte der Welt, nämlich wie sie entstanden ist, vom Urknall bis zum Auftritt des Menschen. Um die zwischen zwei Buchdeckel zu bringen, hat Harder fast fünf Jahre recherchiert, gezeichnet, getextet. Das Ergebnis ist ein Monument des Comicgenres, beeindruckend in seiner ästhetischen Konsequenz und der erzählerischen Dramaturgie.

Saurierfibeln und Geschichtsatlanten gibt es viele, Alpha...directions ist eine Festschrift der Evolution. Mit den Mitteln des Comics füllt der Autor die abstrakten Vorgänge in grauer Vorzeit mit Farbe und Leben. Jeder weiß, es wimmelte nicht von Anfang an auf diesem Planeten. Das wirkliche Leben kommt also erst auf Seite 132 ins Spiel, als die Bakterien die Bühne betreten, im unwirtlichen Archaikum, damals, vor drei Milliarden Jahren.

© Jens Harder/Carlsen Comics

Um den Leser, trotz des mangelnden Personals, von Beginn an zu fesseln, nutzt Jens Harder einen Kniff: Er setzt dem komplexen Weltgetöse kleine Analogien aus der Kulturgeschichte entgegen. Alle menschlichen Welterklärungsversuche – von griechischer, ägyptischer, aztekischer Mythologie über die Weltreligionen bis zu mittelalterlichen und neuzeitlichen (Pseudo-)Wissenschaften sowie deren Abglanz in der Kunst – sie alle dürfen teilhaben an Harders Evolution. Ikonografische Zitate übersetzt er in seinen eigenen Strich und passt mal einen Dürer, mal einen Magritte, hier einen Holbein, dort einen Van Gogh in seine Tafeln ein. Naturgeschichte? Nicht genug. Erst im Dialog mit Geistesgeschichte und Kunstgeschichte wird Weltgeschichte!

Alpha...directions entwickelt seine Faszination im Spannungsfeld von Abstraktion und Konkretisierung, im Wechsel zwischen Mikro und Makro. Harder springt vom Kohlenstoffatom zum Brikett, zwirbelt die Doppelhelix zum Telefonkabel und bleibt doch streng der Chronologie der Weltwerdung verbunden.

Wem bisher die Entstehung unseres Sonnensystems nebulös erschien, dem wird spätestens auf Seite 62 klar, wie sich mithilfe von Magnetkräften und einem Schneeballsystem aus einer riesigen Staubwolke neun Planeten herauskondensieren konnten. Und was es für ein Fest war, als sich der heiße Erdball auf unter 100 Grad Celsius abkühlte! Es war bloß noch keiner zum Feiern da. Aber dann kamen die Prokaryonten, das war nur eine Milliarde Jahre später. Sie fotosynthetisierten eifrig vor sich hin und füllten die Luft mit Sauerstoff. Als kurz darauf die Eukaryonten begannen, ihren Genpool durch die Verschmelzung männlichen und weiblichen Erbgutes stetig zu verbessern – ein Meilenstein. Oder als die Amphibien ihren ersten Landgang wagten...

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Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Buchkritik oder Werbeflyer?

Aussagen wie:
"Sie werden mit geweiteten Augen Seite für Seite umblättern. Sie werden staunen und verstehen und schließlich staunend verstehen, dass Sie solch ein Buch noch nie zuvor in den Händen hielten."
Wirken eher, als ob sie von einem Werbetexter des Verlegers als von einer Redakteurin geschrieben wurden.

Das mag sogar was haben

so ein " Gesamtwerk " ... im Regal sollte man es zu stehen
haben. Doch, mir sind doch die vielen verschiedenen Autoren
sehr wichtig und lieb. Es sind eben auch immer noch unter-
schiedliche Sichtweisen. Das bekommt dem Geist ganz gut.
Ich werde es mir bei Gelegenheit anschauen. Das Buch.

Schön

Kunst ist der individuelle Ausdruck der Innerung eines Menschen, wie könnte man das bewerten. Entweder sie erreicht uns oder nicht. Gott sei Dank gibt es die Künstler und Individualisten! Deswegen Danke an dieser Stelle, die Redaktion scheint es berührt zu haben, also ist der Sinn der Kunst doch schonmal erfüllt und hat eine kleine Faszination in die Seele gezaubert.