Comic von Bastien Vivés Vom Schmerz und vom Schwimmen
Bastien Vivés' Comic "Der Geschmack von Chlor" erzählt fast ohne Worte eine ganz alltägliche Geschichte. Umso beeindruckender zeigt sich, wie viel Augen sagen können.
Insgesamt 135 Seiten hat Der Geschmack von Chlor , nicht auf einem Drittel davon sind Dialoge, ist nicht einmal ein Laut zu lesen. Selbst für einen Comic, per definitionem eine mit Bildern erzählte Geschichte , ist das beeindruckend still. Doch stumm ist es nicht. Der Franzose Bastien Vivès erzählt mit Blicken.
Die Handlung: Ein junger Mann mit schlechtem Rücken geht schwimmen, weil sein Physiotherapeut ihn dazu nötigt. Anfangs unwillig und unbeholfen findet er Spaß an der Atmosphäre der Schwimmhalle, vor allem, als er dort eine hübsche, sportliche Frau trifft. Sie verlieben sich und finden sich doch nicht. Aber wenigstens wird sein Rücken besser. Erwartungsgemäß spielt sich das meiste davon im Wasser ab und wie gesagt ohne Worte. Öde? Im Gegenteil: großartig. Der Sozialforscher Paul Watzlawick stellte einst den Grundsatz auf, man könne " nicht nicht kommunizieren ", Menschen redeten immer, auch wenn sie den Mund halten. Vivès zeigt es.
Erzählt wird über lange Strecken mit den Augen des namenlosen Protagonisten und mit Gesten. Und es sind diese kleinen, genau gezeichneten und beobachteten Szenen, die einem diesen Comic so nah bringen. Beim Umkleiden in der Kabine zeigt ein Panel den Neuschwimmer, wie er auf seinen Bauch herabschaut, die Hand auf die Wölbung gelegt. Resignation liegt in dem Bild. Gleichzeitig erklärt es mit wenigen Strichen die Motivation, sich immer wieder in eine nach Chlor und "Kinderpisse und alte Haut" stinkende Halle zu begeben.
Und es genügt, ihn am Beckenrand hängen und zum Ausgang schauen zu sehen, um zu wissen, dass er darauf wartet, die schlanke, schwarzhaarige Frau wiederzusehen. Schmerz, Liebe, Sprachlosigkeit: wuchtige Themen, eine alltägliche Geschichte, zarte Mittel, um sie zu erzählen – eine schöne Mischung.
- Datum 13.08.2010 - 09:54 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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