Inger-Maria MahlkeTrübe Lichtlein in der Besenkammer

Die Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke besitzt ein großes Erzähltalent. Doch es stößt im Debütroman "Silberfischchen" leider manchmal noch an seine Grenzen. von 

Inger-Maria Mahlke, geboren 1977

Inger-Maria Mahlke, geboren 1977  |  © Benjamin Augustin

Im Herbst 2009 gewann Inger-Maria Mahlke das Wettlesen des 17. Berliner open-mike mit einem frühen Kapitel aus Silberfischchen, ihrem ersten Roman. Die Juristin, geboren 1977 in Lübeck, überraschte mit Qualitäten, die eigentlich jedem jungen Autor nachgesagt werden: ein "kluger Blick", "präzise Sprache", eine "dichte Atmosphäre", das steht seit 15 Jahren öde und abgenutzt auf jedem Buchrücken jedes literarischen Debüts.

Für Silberfischchen aber passen ausgerechnet diese Floskeln, und Mahlkes kluger, sauberer Stil ist zuweilen so überraschend, als fände man plötzlich echten „totalen Fruchtgenuss“ in einem Milch-Drink oder die "ultimative Frische" in einem Streifen Zahnpasta: Mahlke ist eine Erzählerin, von der Klappentextschreiber träumen – sprachsicher, detailverliebt, gefühlsecht.

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Ihr Debüt zeigt das trostlose Leben von Hermann Mildt, einem pensionierten Kriminalbeamten. "Ich bin nicht allein", erklärt er schnell, und Mahlke fügt an: "Er verschickte jedes Jahr eine Fünferpackung Weihnachtsgrüße und erhielt ungefähr die gleiche Anzahl an Karten zurück. Korrespondierte regelmäßig mit der tschechischen Firma, von der er sein Fotopapier bezog. Grüßte sich mit fast allen Nachbarn. Wenn er wollte, konnte er seine ehemaligen Kollegen anrufen, er wollte nur nicht."

Mildt ist Frührentner und verwitwet, lebte in Delmenhorst, bis seine Frau ("Hausfrau, nichts Besonderes. Hat keine Kinder gekriegt.") neben der Wäscheleine tot umfiel. Schon Jahrzehnte saß das Ehepaar gelangweilt zusammen, zu Geburtstagen und Weihnachten schenkten sie sich neue Teile des WMF-Silberbestecks, und nur einmal buchte Hermann eine Pauschalreise. Seine Frau schmollte. Sie hielt es für unnötig.

Es ist die Tristesse eines Kleinbürgeralltags: Hermann Mildt, Neurotiker, Arschloch, verwahrloster Kleingeist, ist als Figur so markant und erschütternd wie Heiner, der demente Insektenforscher aus Harriet Köhlers Ostersonntag oder Alfred, der demente Ingenieur aus Jonathan Franzens Die Korrekturen. Das Problem? Dort werden den grauen Heeren kantige, lebendige Frauen entgegengesetzt. Die Romane zeigen die Grenzen und Grabenkämpfe in einer trostlosen Welt. In Silberfischchen fehlt dieser Kontrast. Das ist die Schwäche dieses Romans.

Die Welt von Hermann Mildt ist genau so einfarbig, wie er sie sieht: Eingangs trifft er bei einer Fahrkartenkontrolle auf dem Weg nach Frankfurt/Oder die Polin Jana Potulski, eine Putzfrau, die in Deutschland arbeitet. Weil ihr Ausweis bei einem Überfall gestohlen wurde, darf sie nicht mehr über die Grenze. So lange sie für ihn putzt, nimmt Mildt sie bei sich auf. Hier haben sich zwei trübe Lichtlein gesucht und gefunden.

"Loriothaft" nennt der Spiegel die vielen klug erzählten kurzen Szenen, in denen Mildt und Potulski am Kauf eines U-Bahn-Tickets scheitern, sich über einen Karton Apfelsaft oder die Gebühr für eine öffentliche Toilette streiten, versehentlich alles "beschädigen", "schmutzig machen", "durcheinander bringen". Auch größere Fragen blitzen dabei auf: Was wurde aus der reichen Familie, bei der Jana lebte? Warum hat Hermann seine Frau tagelang tot im Garten liegen lassen? 

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