Abstiegsromane: Arbeitslos als Luxus
Katrin Seddig und David Pfeifer schildern in ihren neuen Romanen den Abstieg der Mittelschicht. Beides sind beachtliche Beiträge zur gegenwärtigen Debatte.
Seit der Finanzkrise vergeht kaum ein Tag, ohne dass das zunehmende Auseinanderdriften von Arm und Reich thematisiert wird. Die Abstiegsangst der Mittelschicht ist zu einem kulturellen Leitmotiv dieser Jahre geworden. Nun widmen sich mit Katrin Seddigs Runterkommen und David Pfeifers Strand der Dinge zwei deutsche Romane dem Thema. Deutlich wird bei der Lektüre vor allem eines: Während Arbeitslosigkeit in der Berliner Boheme irgendwie dazugehört, trifft sie das westdeutsche Bürgertum hart.
David Pfeifers autobiografischer Roman Strand der Dinge spielt hauptsächlich in Berlin-Mitte. Er schildert den sozialen Abstieg eines New-Economy-Unternehmers im Zuge der geplatzten Blase anfangs der Nullerjahre. Nach der Insolvenz seiner Firma zieht der Protagonist zwar erstmal in eine WG, hat aber noch genug auf dem Konto, um sich um keinen neuen Job bemühen zu müssen. Als "Luxusarbeitsloser" erlebt er diese Zeit vorrangig als eine Persönlichkeitskrise, seine Sorgen beschränken sich auf Status-Ängste: "Nicht nur, dass ich keine Arbeit und keine Insignien der Macht mehr hatte, mit denen ich mich vor schlechter Behandlung schützen konnte. Alle Leute, die mich neu kennen lernten, hielten mich für einen arbeitslosen Ex-Irgendwas." Gegen das Gefühl der Bedeutungslosigkeit geht Pfeifer feiern, wobei er Gleichgesinnte trifft. Dabei entdeckt er eine Leichtigkeit, die ihm bisher gefehlt hat.
Der amüsante und flüssig geschriebene Roman krankt vor allem an der Person Pfeifers. Der gibt zwar offen zu, dass er eigentlich der Audi-Fraktion angehört und mit den von ihm beschriebenen Partys nichts am Hut hat. Trotzdem ist er sichtlich darum bemüht, das Szeneleben möglichst wild und sexy zu beschreiben. Das Resultat ist Gonzo-Literatur für die Generation Golf: Nach nur zwei Disko-Besuchen, einem Abend in der Bar White Trash, zwei One-Night-Stands (Casting-Agentin/Drehbuchautorin) und einer einzigen Line Koks ist die Krise gelöst. Ausgerechnet durch einen Frankreichurlaub, den Pfeifer mit seiner Yogalehrerin und schließlich wahren Liebe verbringt. Obwohl der Protagonist aufgeregt im Polizeijargon zu faseln beginnt, sobald das Koks auf dem Klodeckel liegt, lässt sich er sich von einem alten Freund als "Szenehengst" bezeichnen und scheut dazu auch den Vergleich mit Napoleon nicht: "Du läufst hier ein wie Napoleon bei Waterloo. Man kennt dich." Etwas peinlich ist das schon.
Katrin Seddigs Debütroman ist in Vielem kantiger. Hier wird der Abstieg des um die fünfzigjährigen Hamburger Kanzleianwalts Erik Herzog und seiner Familie beschreiben. Zuerst sind auch die Probleme Herzogs eher psychischer als materieller Natur. Seine Frau ist Alkoholikerin, und er schläft nicht mehr mit ihr. Herzog onaniert stattdessen vor Talkshows, in denen über Silikonbusen diskutiert wird. In solchen Momenten verzieht sich seine Frau in die Waschküche, wo sie hinter dem Weichspüler eine Flasche Baileys versteckt hält. Schließlich fliegt sie alleine mit den Kindern auf die Malediven und vergnügt sich dort mit einem Animateur, der sie offenkundig verachtet, da sie nichts zu erzählen hat außer die Geschichte von der "neubetonierten Garagenauffahrt".
Während seine Familie weg ist, bemerkt Herzog, dass ihn durch das Wohnzimmerfenster eine Frau beobachtet. Zwischen Herzog und der Unbekannten entwickelt sich eine gewisse Routine, die dazu führt, dass der Anwalt und Familienvater jeden Abend mit heruntergelassenen Hosen vor dem Fenster steht und onaniert.
Das Unheil nimmt seinen Lauf als Herzogs Frau aus dem Urlaub zurückkommt. Sie bekommt einen Brief vom eifersüchtigen Freund der Unbekannten, der die merkwürdige Affäre zwischen Herzog und seiner Freundin beobachtet hat und sie darüber informiert. Frau Herzog säuft sich sogleich ins Delirium, so dass sie zusammenbricht und ins Krankenhaus muss. Die Herzogs lassen sich scheiden, was Erik Herzogs angeknackster beruflicher Situation den Rest gibt. Er wird immer fahriger und schließlich gefeuert.





Wünsche aber allen Betroffenen, dass sie sich lieber mit der Yogalehrerin nach Frankreich absetzen als Wohnzimmerfenstern zweifelhafte Ehren zukommen zu lassen.
Na ja, wer will denn so etwas lesen? Der Mittelschichtler, den die Existenzsorgen plagen kann wohl kaum interessieren, wie banal und belanglos sich sein vermeintlicher Abstieg gestalten wird. Den anderen Bewohnern dieser Galaxie ist es doch wohl eher wurscht, hinter welchen deutschen Fenstern um den Verlust des Blackberrys und dem TT getrauert wird. Das ist Gegenwartsliteratur mit der Halbwertzeit von Stubenfliegen.
Doch halt, einen Abnehmerkreis mag ich mir dann doch noch vorstellen. Das schenkt der Mittelschichtler seinem potentiellen Konkurrenten, um ihn beim Kampf auf der Karriereleiter zu verunsichern. Schau, sagt er damit, deine Alte weiß nur von betonierten Auffahrten zu erzählen, derweil Du vor offenen Fenstern onanieren musst. Mit so einer Aussicht würde ich es auch mit der Angst bekommen. :))
Als Roman sicherlich ganz unterhaltsam, von der Realität aber wohl weit entfernt. Anderseits, wer möchte lesen wie es in der Realität, eines sich in die Armut verabschiedenden Mittelschichtlers aussieht?
Eben, genau weil man bisher immer von Not leidenden Arbeitslosen geschrieben hat, sollte man ruhig auch die Fälle beleuchten, die nicht mit dem Kampf ums Überleben, sondern mit dem um die soziale Akzeptanz zu tun haben.
Heute wird ein Mensch immer noch durch seine Rolle in der Gesellschaft definiert, eingeordnet, in das Kommunikationsnetz integriert (oder auch nicht). Ein ungekündigt Berufstätiger mit Unterhaltspflichten, Darlehen für das Haus, Auto auf Pump hat viel weniger Geld als mancher Arbeitslose, der einem Merger zu Opfer gefallen ist. Trotzdem ist der verschuldete Berufstätige in einer bestimmten Schublade präsent, kann über seinen Alltag im Büro berichten, tauscht sich mit Kollegen aus und... erzählt nichts von seinen Schulden. Der Arbeitslose, der nicht am Hungertuch nagt, wird sich über kurz oder lang "selbst erfinden" müssen, einer Scheinarbeit nachgehen, wird Unternehmensberater, Coacher, Beziehungsexperte. Hauptsache, er hat eine Rolle in der Gesellschaft, wie fiktiv diese immer auch sei. Über die spärliche Kundschaft informiert er nur den Steuerberater.
Es ist völlig richtig, auch soziale Mißgeschicke , die nicht unmittelbar mit wirtschaftlicher Verelendung zusammenhängen, zu beschreiben.
Da wird mancher Politiker Augen machen und sich vielleicht etwas überlegen zur Rente mit 67 und zu den Massenabsagen, die man erhält, wenn man sich als Langzeitarbeitsloser oder als Mensch über 50 bewirbt. Mit Hartz IV ist es nicht getan!
Eben, genau weil man bisher immer von Not leidenden Arbeitslosen geschrieben hat, sollte man ruhig auch die Fälle beleuchten, die nicht mit dem Kampf ums Überleben, sondern mit dem um die soziale Akzeptanz zu tun haben.
Heute wird ein Mensch immer noch durch seine Rolle in der Gesellschaft definiert, eingeordnet, in das Kommunikationsnetz integriert (oder auch nicht). Ein ungekündigt Berufstätiger mit Unterhaltspflichten, Darlehen für das Haus, Auto auf Pump hat viel weniger Geld als mancher Arbeitslose, der einem Merger zu Opfer gefallen ist. Trotzdem ist der verschuldete Berufstätige in einer bestimmten Schublade präsent, kann über seinen Alltag im Büro berichten, tauscht sich mit Kollegen aus und... erzählt nichts von seinen Schulden. Der Arbeitslose, der nicht am Hungertuch nagt, wird sich über kurz oder lang "selbst erfinden" müssen, einer Scheinarbeit nachgehen, wird Unternehmensberater, Coacher, Beziehungsexperte. Hauptsache, er hat eine Rolle in der Gesellschaft, wie fiktiv diese immer auch sei. Über die spärliche Kundschaft informiert er nur den Steuerberater.
Es ist völlig richtig, auch soziale Mißgeschicke , die nicht unmittelbar mit wirtschaftlicher Verelendung zusammenhängen, zu beschreiben.
Da wird mancher Politiker Augen machen und sich vielleicht etwas überlegen zur Rente mit 67 und zu den Massenabsagen, die man erhält, wenn man sich als Langzeitarbeitsloser oder als Mensch über 50 bewirbt. Mit Hartz IV ist es nicht getan!
Eben, genau weil man bisher immer von Not leidenden Arbeitslosen geschrieben hat, sollte man ruhig auch die Fälle beleuchten, die nicht mit dem Kampf ums Überleben, sondern mit dem um die soziale Akzeptanz zu tun haben.
Heute wird ein Mensch immer noch durch seine Rolle in der Gesellschaft definiert, eingeordnet, in das Kommunikationsnetz integriert (oder auch nicht). Ein ungekündigt Berufstätiger mit Unterhaltspflichten, Darlehen für das Haus, Auto auf Pump hat viel weniger Geld als mancher Arbeitslose, der einem Merger zu Opfer gefallen ist. Trotzdem ist der verschuldete Berufstätige in einer bestimmten Schublade präsent, kann über seinen Alltag im Büro berichten, tauscht sich mit Kollegen aus und... erzählt nichts von seinen Schulden. Der Arbeitslose, der nicht am Hungertuch nagt, wird sich über kurz oder lang "selbst erfinden" müssen, einer Scheinarbeit nachgehen, wird Unternehmensberater, Coacher, Beziehungsexperte. Hauptsache, er hat eine Rolle in der Gesellschaft, wie fiktiv diese immer auch sei. Über die spärliche Kundschaft informiert er nur den Steuerberater.
Es ist völlig richtig, auch soziale Mißgeschicke , die nicht unmittelbar mit wirtschaftlicher Verelendung zusammenhängen, zu beschreiben.
Da wird mancher Politiker Augen machen und sich vielleicht etwas überlegen zur Rente mit 67 und zu den Massenabsagen, die man erhält, wenn man sich als Langzeitarbeitsloser oder als Mensch über 50 bewirbt. Mit Hartz IV ist es nicht getan!
Derzeit breitet sich ja ein enormer Hang zum Verlegen von Debutromanen aus. Wie ich der Kritik entnehme, - obwohl es ja eigentlich nicht um viel mehr als eine Inhatsangabe handelt - wird auch hier wieder das Klischee einer absteigenden Mittelschicht vertreten. Zumindest der akademische ausgebildete Teil der oberen Mittelschicht weiss sich aber gut zu behaupten. Wahrscheinlich ist man sogar nie schneller zu Geld gekommen, als heutzutage unter Akademikern zu heiraten.
Literatur aber hat die Aufgabe, gängige Klischees aufzubrechen oder sie zu sezieren, wie es Anna Katharina Hahn in "Kürzere Tage" unternimmt. Die Anstrengungen, die notwendig werden, um mitzuhalten, (Lebenstil, Urlaub, Wohngegend) und die Konsequenzen dieses Lebensstils sind dabei mindestens ebenso interessant zu beobachten.
Wer sich jemals das Umland einer Grossstadt angesehen hat, wo die Mittelschicht in Neubausiedlungen sich ballt, stößt jedenfalls auf eine Fortmentalität, die sich in systematische Lebensplanung geflüchtet hat und jedes Risiko, jeden Zufall auszuschließen sucht, und damit auch den zum Leben nötigen Raum des Unbestimmten, Freien minimiert. Das aber ist noch kein gesellschaftlicher Abstieg, sondern eher ein Rückzugsgefecht.
jede Schicht ist es Wert, dass man sie bedauert. Ich bin übrigens auch einer dieser 50 plus Generation, die sich jeden Tag selbst neu definieren muss. Um so mehr geht mir das Gejammer auf die Nerven.
warum sollte man das Buch jetzt noch lesen? Die komplette Story inklusive Ende wird in diesem Artikel ja schon ausführlich erzählt.
Belletristik mit Hartz IV.
Da empfehle ich eher „Ich bin dann mal Hartz IV - (K)Ein Einzelfall-Bericht“. September 2010.
Und ob es da .... "Luxusarbeitslose" ... drinnen vorkommen, wage ich mal zu bezweifeln.
# 4
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