Wolfdietrich SchnurreAls es im Dichter bröckelte

Die Geschichten von Wolfdietrich Schnurre sind subtile, lesenswerte Zeugnisse von Kriegsschuld und der Nachkriegszeit. Zu seinem 90. Geburtstag wurden sie neu veröffentlicht. von Fokke Joel

Wolfdietrich Schnurre in seinem Arbeitszimmer (undatierte Aufnahme)

Wolfdietrich Schnurre in seinem Arbeitszimmer (undatierte Aufnahme)  |  © Marina Schnurre

"Ich weiß jetzt sehr gut", hat Wolfdietrich Schnurre in einem Gespräch mit Carl Corino 1979 gesagt, "warum ich nie einen Roman geschrieben habe. Ich bin nicht ratlos genug". Der am 22. August 1920 geborene Autor bezog sich dabei auf den berühmten Aufsatz von Walter Benjamin, in dem der Romancier im Gegensatz zum klassischen Erzähler als jemand beschrieben wird, der "seine wichtigsten Anliegen nicht mehr exemplarisch auszusprechen vermag, selbst unberaten ist und keinen Rat geben kann".

Aber während es bei Benjamin der Erste Weltkrieg war, der eine ganze Generation ratlos zurückgelassen hatte, weiß Schnurre nach Zweitem Weltkrieg und Nationalsozialismus durchaus Rat: So etwas durfte es nie wieder geben. Und wenn Benjamin mit Georg Lukács im Roman die Form transzendentaler Heimatlosigkeit sah, sah der Erzähler Wolfdietrich Schnurre der Sinn seines Schreibens in der Sühne der Schuld, die er sich als Soldat der deutschen Wehrmacht aufgebürdet hatte. "Meine ganze Schreiberei", schrieb er, "hat zur Wurzel die Gewissheit einer unaustilgbaren Lebensschuld. Schreiben ist für mich die einzig akzeptable Form der Sühne".

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Die dabei entstandenen Kurzgeschichten hatten es beim Deutschen Lesepublikum, das traditionell die kleine Form eher ablehnt, nicht leicht. Schnurre war kein Erfolgsschriftsteller, obwohl er laut einer Statistik zwischen 1945 und 1972 von allen deutschen Autoren die meisten Bücher veröffentlicht hatte. Die kurz nach dem Krieg entstandenen Texte, die an Wolfgang Borchert oder Heinrich Böll erinnern, sind in ihrer Gradlinigkeit und ihrem Pathos heute kaum noch zu ertragen. Sie sind Ausdruck einer die Autoren überwältigenden Situation. Einerseits hatten sie als Soldaten aktiv an einem verbrecherischen Krieg teilgenommen; andererseits waren sie zu überzeugten Antifaschisten geworden, die jetzt mit der eigenen Verantwortung für diese Verbrechen konfrontiert wurden.

Schnurre war einer der ersten, der auf die Schuld auch der Wehrmachtssoldaten hinwies. In einer Kritik des Staudtes-Filmes Die Mörder sind unter uns schrieb er 1946: "'Die Mörder sind unter uns'? Wir sind die Mörder." In dieser Zeit bekannte er sich auch noch zu seiner anfänglichen Kriegsbegeisterung. In der Zeitschrift Der Skorpion , die nur als Nullnummer in wenigen Exemplaren erschien und heute als Gründungsereignis der Gruppe 47 gilt, schrieb er: "Ich war begeistert, und ich entsinne mich, dass mir, als ich das erste Mal ein Gewehr in der Hand hielt, ein Schauer ehrfürchtiger Besessenheit den Rücken herunterlief. Ich habe dann auch während des Krieges lange zu den Eifrigen gehört, die gar nicht gehorchensselig und 'tapfer' genug sein konnten. Vier Jahre etwa. Dann begann es zu bröckeln in mir."

Später dann erzählte er ausweichend und widersprüchlich über seine Zeit als Soldat. So behauptete er, dass er bereits während des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion "wieder mal" wegen Befehlsverweigerung im Gefängnis gesessen habe. Und auf den Klappentext seiner Bücher ließ er später drucken, dass er sechseinhalb Jahre "unfreiwillig" Soldat gewesen sei.

In den fünfziger und sechziger Jahren, nicht zuletzt nach den Frankfurter Auschwitz-Prozessen, stieg in der Öffentlichkeit die Scham über die Schuld. An einem bestimmten Punkt der deutschen Nachkriegsgesellschaft reichte dann offenbar der Mut zum Bekenntnis, begeisterter Wehrmachtssoldat oder – wie bei Günter Grass – Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, nicht mehr aus. Als zu groß wurde die Schande empfunden. Allerdings schmälern solche Unehrlichkeiten nicht die Leistung, die einer wie Wolfdietrich Schnurre für die Demokratisierung und für die Aufarbeitung der Vergangenheit in der deutschen Nachkriegsgesellschaft geleistet hat.

Detailliert schildert er in seinen Erzählungen die subtilen Mechanismen, die aus Demokraten der Weimarer Republik Mitläufer gemacht hatten. Sie zeigen, wie schwer es war, dem Druck zu widerstehen und wie wenig Helden es gegeben hat. Besonders eindrucksvoll ist die Geschichte Ein Held der neuen Zeit , in der die Gleichschaltung an einem Gymnasium geschildert wird. Die Lehrer, fast alle überzeugte Demokraten, scheitern bereits am Hitlergruß, den die Nazis vorgeschrieben hatten. Und der einzige, der sich weigert, mit "deutschem Gruß" jeden Morgen den Klassenraum zu betreten, tut dies, wie sich am Ende herausstellt, nicht als Akt des Widerstands, sondern weil es das Rheuma in seinem rechten Arm nicht zulässt.

Leserkommentare
    • Varech
    • 22. August 2010 20:18 Uhr

    Schön. Und aber auch unvermeidlich, das sich einer mal verdichtet, wie sich andere verlaufen.

    Gut, dass der alte Schnurre wieder neu in die Regale kommt.
    Schuld ist nämlich erblich. Ausser, man würde das ganze Erbe ablehnen, so wie es bei Schulden möglich ist.

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    dass Sie beruflich nichts mit Strafrecht zu tun haben - ansonsten wäre dieses Land noch viel stärker auf dem absteigenden Ast, als viele Berufslinke denken...

  1. dass Sie beruflich nichts mit Strafrecht zu tun haben - ansonsten wäre dieses Land noch viel stärker auf dem absteigenden Ast, als viele Berufslinke denken...

    Antwort auf "Fabelnd denken"

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