Die Autobiografie Claude Lanzmanns ist ins Deutsche übersetzt, und sie spricht geradewegs zu uns Deutschen. Zumindest lässt sie sich so lesen. Oder auch als Essay über das 20. Jahrhundert, in dem das deutsche Verbrechen den Platz einnimmt, der ihm zukommt.

Lanzmann, dem wir den Film Shoah verdanken, beschreibt ausführlich dessen Zustandekommen. Die Bilder werden wieder lebendig, gewinnen noch an Eindringlichkeit. Zwölf Jahre lang arbeitete er daran, reiste um die Welt, um Zeugen ausfindig zu machen, und zuweilen kamen ihm wundersame Zufälle zur Hilfe. Da streift er auf der Suche nach einem bestimmten Mann durch New York, bleibt vor einem "unglaublichen Flickschusterkabuff" stehen und sieht einen Alten, der eine Sohle mit dem Hammer festnagelt. Lanzmann ist sich sicher: Das ist ein Jude. "Ich täusche mich selten", kommentiert er, "ich wäre hervorragend gewesen bei der Jagd nach jüdischen Gesichtern". Und tatsächlich kennt der Alte den Gesuchten.

An anderer Stelle schildert Lanzmann, wie er Naziverbrecher zum Reden brachte. Das ist aufgeschrieben wie ein Agentenroman. Beim Lesen dieser Passagen stellt sich das Gefühl ein, Unangemessenes zu tun. Darf man sich von einer Literatur unterhalten lassen, deren Gegenstand der Holocaust ist? Die Antwort gibt Lanzmanns Leben. Es war abenteuerlich, und so will es erzählt werden.

Die Erinnerungen sind assoziiert, folgen nicht dem Zeitpfeil, aber es gibt Koordinaten. Eine davon ist der Antisemitismus, namentlich der deutsche. Ihn und den Nazismus hatte der Krieg mitnichten beseitigt. Lanzmann beschreibt Begegnungen mit Deutschen aus den ersten Jahren nach dem Krieg, Zeugnisse einer vergifteten Welt. Etwa die Zusammenkunft mit Angehörigen des Wehrmachtsadels, dessen Verhältnis zu Hitler sich eben nicht überwiegend mit "Widerstand" oder auch nur "Distanz" beschreiben lässt. Um ein anderes Detail der Erinnerungen an die Nachkriegszeit hat es Streit gegeben, es ging um einen Universitätsrektor; die Übersetzung korrigiert ein wenig.

Ausgerechnet in Treblinka, während der Arbeit an Shoah , lernt Lanzmann den viszeralen Antisemitismus Polens kennen. Doch "bis ins Mark infiziert" war, wie Lanzmann schreibt, auch die französische Gesellschaft. Die jungen Bürgersleute, mit denen er es in den fünfziger Jahren zu tun hatte, seien vom Krieg "nur gestreift" worden, "sie hatten kaum darunter gelitten, Frankreich hatte weiter 'funktioniert', nicht anders als sie".

Lanzmanns Zionismus ergibt sich aus alledem folgerichtig, und das müsste schon ein verstockter Leser sein, der sich dieser Logik verschließen könnte. In seiner Begegnung mit europäischen Juden in Israel begreift der Autor, wie sehr er doch Franzose ist, "unwiderruflich" – und wie zufällig zugleich sein Franzosentum, denn was kann er für seinen Geburtsort Paris, wo es ebensogut Berlin, Prag oder Vilna hätte sein können? Der in Frankreich zurzeit umhergeisternden Idee des "angestammten Franzosen" hält Lanzmann die "Kontingenz meiner nationalen Zugehörigkeit" entgegen, die ihm in Israel offenbar wurde.

Wo er Partei ergreift, zieht er die Konsequenz. Weil sich der Judenstaat im Sechstagekrieg verteidigen musste, zögert Lanzmann nicht, ausdrücklich von den "Heldentaten" der israelischen Armee zu schwärmen. Ihr hat er mit seinem Film Tsahal ein Denkmal gesetzt. Mit gleicher Entschlossenheit hatte er zuvor die algerische Unabhängigkeitsbewegung unterstützt. Das Buch erinnert an das Pariser Massaker, das sich in diesem Oktober zum 50. Male jährt: Im Anschluss an eine Demonstration für Algeriens Unabhängigkeit wurden Teilnehmer "von der CRS und der Polizei an den Métro-Ausgängen erwartet und totgeschlagen, in Polizeiwagen geladen und in die Seine geworfen". Die Solidarität mit Algerien zerbricht später, als die neuen Machthaber gegen Israel Krieg führen.