Dinaw Mengestu "Fremdheit ist eine universelle Erfahrung"
Dinaw Mengestus Roman "Die Melodie der Luft" erzählt von Migration und dem Leben zwischen den Welten. Im Interview schildert der Autor seinen Weg von Äthiopien in die USA.
© Blair Fethers

Der Schriftsteller Dinaw Mengestu
ZEIT ONLINE: Herr Mengestu, Sie wurden in Addis Abeba geboren. Zwei Jahre später sind Sie, gemeinsam mit Ihrer Schwester und Ihrer Mutter in die USA emigriert, wo Sie Ihren Vater trafen, der Äthiopien schon kurz vor Ihrer Geburt verlassen hatte. Sind Sie seither zurückgekehrt?
Dinaw Mengestu: Ja, 2006 bin ich das erste Mal zurückgefahren, ich blieb zwei Monate. Das zweite Mal fuhr ich im vergangenen Jahr zurück, für drei Wochen.
ZEIT ONLINE: Sprechen Sie die Sprache des Landes?
Mengestu: Nein. Wir sprachen Amharisch ungefähr bis ich vier, fünf Jahre alt war, doch dann wechselten wir zu Englisch. Ich wuchs in einer kleinen Stadt in Illinois auf, meine Eltern arbeiteten den ganzen Tag und sahen uns Kinder nur abends. Da gab es kaum Möglichkeiten, die Sprache zu sprechen und sie verschwand bald aus unserem Alltag.
ZEIT ONLINE: Angenommen, Sie würden jemanden treffen, der noch nie in Äthiopien war. Von welchen drei Dingen würden Sie ihm erzählen wollen?
Mengestu: Als erstes würde ich den Kaffee erwähnen, es gibt eine große Kaffeetradition. Dann würde ich die Religion nennen, die immer noch eine unglaublich große Rolle in diesem Land spielt, halb muslimisch, halb christlich. Und das Dritte wäre sicherlich die Revolution von 1974. Sie teilt die Geschichte des Landes in zwei Hälften, das alte äthiopische Reich und die sozialistische Zeit bis hin zu der heutigen Regierung.
ZEIT ONLINE: In Ihrem aktuellen Roman Die Melodie der Luft geht es um ein junges äthiopisches Paar in den USA in den siebziger Jahren und die Auseinandersetzung des Sohnes damit 30 Jahre später. Der Vater war zuvor alleine über den Sudan nach Amerika geflüchtet. Wie viel Authentisches ist in diese Geschichte mit eingeflossen?
Mengestu: In diesem speziellen Fall tatsächlich gar nichts. Ich war als Journalist in den vergangenen Jahren mehrfach im Sudan. Und wenn überhaupt, dann beruht die Geschichte auf den Erzählungen der Menschen, die ich dort gehört habe.
ZEIT ONLINE: Wie in Ihrem ersten Roman auch, geht es um Menschen, die in gewisser Weise zwischen beiden Welten stecken bleiben. Was macht es so schwierig, in einer anzukommen?
Mengestu: Ich glaube, dass das eine universelle menschliche Erfahrung ist. Sie müssen nicht aus einem fremden Land kommen, um das Gefühl zu kennen, nicht zur Gesellschaft zu gehören. Dafür kann es viele verschiedene Gründe geben: Sei es, dass Ihre Eltern aus einem von Krieg zerstörten Land kamen, sei es, dass Sie eine andere Perspektive und Vorstellung davon haben, was ein glückliches Leben ausmacht.
ZEIT ONLINE: Ihre Hauptfigur Jonas ist verheiratet mit einer schwarzen Anwältin, Angela. Die Ehe gestaltet sich vor allem schwierig, weil es Ihnen unmöglich ist, sich über dieses Dilemma der Fremdheit in der eigenen Gesellschaft, zu unterhalten, obwohl es beide sehr belastet.
Mengestu: Ich glaube, es ist unglaublich schwer, diese Dinge überhaupt beim Namen zu nennen. Und dazu zu stehen, zu der eigenen Unsicherheit, gerade bei Menschen, die einem nahe stehen. Nur dadurch, dass Jonas sich mit der Geschichte des Ankommens seiner Eltern auseinandersetzt, kann er sich erklären, wo all seine Ängste herkommen. Und warum er so eine isolierte Person ist. Er hat sich in seine eigene kleine Welt zurückgezogen, in der er sich sicher fühlt. Und natürlich versucht er, diese zu beschützen. Es ist sehr schmerzhaft und schwierig, darüber zu sprechen und viel einfacher, es zu ignorieren.
ZEIT ONLINE: Ein Satz in Ihrem Roman lautet: "Wenn Du Glück hast, musst Du nie eine Grenze überqueren." Glauben Sie, dass Menschen glücklicher sind, wenn sie ihre Heimat nicht verlassen?
Mengestu: Es gibt Menschen, die eine sehr starke Verbindung zu ihrer Heimat haben, zur Geschichte ihrer Eltern und Großeltern. Das gibt ihnen ein Gefühl von Geborgenheit und Zufriedenheit, von Sicherheit und Intimität. Jemand der ständig umzieht hingegen, verliert diese Art Verbindung. Er gewinnt andere Einblicke und Ansichten. Aber er gibt eine gewisse Tiefe auf.
ZEIT ONLINE: Jonas' Melancholie und Traurigkeit scheint auf den ersten Blick direkt aus dem Umgang seines Vaters mit ihm entstanden zu sein, der keine wirkliche Beziehung zu seinem Sohn aufbaute und sehr gewalttätig war. Wenn man es aber genauer betrachtet, ist sie tiefer. Er ist traurig darüber, was aus seinem Vater hätte werden können, hätte er ein einfacheres Leben gehabt.
Mengestu: Das sehe ich auch so. Zunächst ist da die direkte Trauer über den gewalttätigen Vater. Aber je länger sich Jonas mit dessen Leben beschäftigt, desto mehr realisiert er, dass die Welt nicht immer so freundlich oder gut zu den Menschen ist, wie sie sein sollte. Er versteht, wie sein Vater der geworden ist, der er ist. Und zur gleichen Zeit versucht sich Jonas vorzustellen, wie seine Eltern in ihrem allerbesten Moment waren. Aus dieser optimistischen und hoffnungsvollen Perspektive versucht er, sich seine Eltern als die glücklichen Menschen vorzustellen, die sie leider nicht sein konnten.
ZEIT ONLINE: Entspricht dieser Gedanke dem realen Leben, dass die zweite oder dritte Generation von Einwanderern die Geschichte der Eltern mit sich herum trägt?
Mengestu: Ich glaube man hat gar keine Wahl. Das ist tatsächlich so. Was wichtig ist, ist die Art und Weise, wie man damit umgeht. Manche Menschen können gut damit umgehen, und sie fühlen sich verbunden mit ihrer neuen Heimat und sind zufrieden. Ich hingegen finde es wichtig, mich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Auch wenn das heißt, dass ich Teile davon erfinden muss, weil ich sie nicht kenne. Fehlt diese Auseinandersetzung, lebt man ein ziemlich beschränktes Leben.
ZEIT ONLINE: Sie wuchsen in Illinois auf, später zogen Sie mit Ihrer Familie in eine Vorstadt von Chicago. Verstehen Sie sich als Amerikaner? Oder als äthiopischer Amerikaner?
Mengestu: Ich sehe mich als Amerikaner, und ich war ziemlich überrascht, als mich viele amerikanische Journalisten als äthiopischen Schriftsteller vorstellten. Natürlich schreibe ich auch über Afrika, aber ich lebe in den USA seit ich zwei Jahre alt bin und Englisch ist die einzige Sprache, in der ich schreiben kann.
ZEIT ONLINE: Ist es eine Bereicherung, eine andere Perspektive, die sie als Einwandererkind mitbringen?
Mengestu: Das ist die positive Art, es zu lesen. Ich glaube, es ging eher darum, mich in eine kleinere Kategorie zu stecken. Zu sagen: das ist die Erfahrung eines Ausländers, eine exotische Erfahrung.
- Datum 02.09.2010 - 09:52 Uhr
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