Dinaw Mengestu "Fremdheit ist eine universelle Erfahrung"Seite 2/2

ZEIT ONLINE: Jonas' Melancholie und Traurigkeit scheint auf den ersten Blick direkt aus dem Umgang seines Vaters mit ihm entstanden zu sein, der keine wirkliche Beziehung zu seinem Sohn aufbaute und sehr gewalttätig war. Wenn man es aber genauer betrachtet, ist sie tiefer. Er ist traurig darüber, was aus seinem Vater hätte werden können, hätte er ein einfacheres Leben gehabt.

Mengestu: Das sehe ich auch so. Zunächst ist da die direkte Trauer über den gewalttätigen Vater. Aber je länger sich Jonas mit dessen Leben beschäftigt, desto mehr realisiert er, dass die Welt nicht immer so freundlich oder gut zu den Menschen ist, wie sie sein sollte. Er versteht, wie sein Vater der geworden ist, der er ist. Und zur gleichen Zeit versucht sich Jonas vorzustellen, wie seine Eltern in ihrem allerbesten Moment waren. Aus dieser optimistischen und hoffnungsvollen Perspektive versucht er, sich seine Eltern als die glücklichen Menschen vorzustellen, die sie leider nicht sein konnten.

ZEIT ONLINE: Entspricht dieser Gedanke dem realen Leben, dass die zweite oder dritte Generation von Einwanderern die Geschichte der Eltern mit sich herum trägt?

Mengestu: Ich glaube man hat gar keine Wahl. Das ist tatsächlich so. Was wichtig ist, ist die Art und Weise, wie man damit umgeht. Manche Menschen können gut damit umgehen, und sie fühlen sich verbunden mit ihrer neuen Heimat und sind zufrieden. Ich hingegen finde es wichtig, mich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Auch wenn das heißt, dass ich Teile davon erfinden muss, weil ich sie nicht kenne. Fehlt diese Auseinandersetzung, lebt man ein ziemlich beschränktes Leben.

ZEIT ONLINE: Sie wuchsen in Illinois auf, später zogen Sie mit Ihrer Familie in eine Vorstadt von Chicago. Verstehen Sie sich als Amerikaner? Oder als äthiopischer Amerikaner?

Mengestu: Ich sehe mich als Amerikaner, und ich war ziemlich überrascht, als mich viele amerikanische Journalisten als äthiopischen Schriftsteller vorstellten. Natürlich schreibe ich auch über Afrika, aber ich lebe in den USA seit ich zwei Jahre alt bin und Englisch ist die einzige Sprache, in der ich schreiben kann.

ZEIT ONLINE: Ist es eine Bereicherung, eine andere Perspektive, die sie als Einwandererkind mitbringen?

Mengestu: Das ist die positive Art, es zu lesen. Ich glaube, es ging eher darum, mich in eine kleinere Kategorie zu stecken. Zu sagen: das ist die Erfahrung eines Ausländers, eine exotische Erfahrung.

 
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