Roman von Klaus BöldlSkandinavisch einsame Sonderlinge

Wer Augen fürs Erhabene der Natur hat, wird in Klaus Böldls Prosa sein Glück finden. Sein Roman "Der nächtliche Lehrer" ist eine ergreifende Meditation über die Trauer. von Peter Henning

Ein einsames Haus in Schweden

Ein einsames Haus in Schweden  |  © daniel.schoenen / photocase.com

Begonnen hat alles mit einer Interrailreise nach Skandinavien, Ende der siebziger Jahre. "Ich habe damals spontan begonnen, mich für die Sprache zu interessieren", sagt Klaus Böldl, "und als ich anschließend feststellte, dass man die skandinavischen Literaturen studieren konnte, war ich im Norden angekommen. Die Verbindung dahin ist nie mehr abgerissen". Inzwischen lehrt der 1964 in Passau geborene Schriftsteller und Autor von insgesamt fünf Büchern mittelalterliche skandinavische Literatur an der Universität Kiel.

"Warum mein Leben anders vor sich geht und auch schon vor Abisko vor sich ging, kann ich nicht erklären", sagt Harald Behringer, der Protagonist in Böldls vor zehn Jahren erschienener langer Erzählung Südlich von Abisko – und umriss damit stellvertretend jenes auch für alle nachfolgenden Böldl-Geschöpfe geltende existenzielle Grundgefühl eines in der Welt Verlorenseins, das sie allesamt umtreibt. Johannes Grahn, den deutschen mittleren Alters, der in Böldls viel gepriesenem Debüt Studie in Kristallbildung (1997) in ein kleines Dorf in Grönland flieht, um sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen, ebenso wie Behringer, der in der Weite Lapplands, in Abisko, das Vergessen sucht. Oder auch Lennart, den Protagonisten in Böldls soeben erschienenem zweiten Roman Der nächtliche Lehrer, der kurzerhand eine schwedische Kleinstadt zum Mittelpunkt seines Daseins macht.

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Sie alle sind kleinlaute Zuschauer des Lebens, Randerscheinungen und scheinbar verdruckste Sonderlinge, die leichten Herzens von sich sagen können: "Wir haben Zeit. Ein paar hundert Jahre spielen in unseren Augen keine Rolle." Und alle sind sie geradezu magisch angezogen von der Weite und befreienden Klarheit des Nordens. Denn ob nach Lappland, Grönland oder ins großstadtferne Abseits der schwedischen Provinz: Stets schickt Klaus Böldl seine Geschöpfe an den nördlichen Rand des Welt, dorthin, wo die Abgeschiedenheit seinen Weltvergessern die Möglichkeit der sukzessiven Selbstauflösung verspricht.

Klaus Böldl, und dies illustriert einmal mehr auch sein neuer, magisch-schwebender und von einer großen sprachlichen Genauigkeit gekennzeichneter Roman, ist eine besondere Erscheinung innerhalb der neueren deutschsprachigen Literatur. Denn wo andere trendgläubig ihre Bücher nach den Themen des Tages ausrichten, dort folgt dieser Schriftsteller seit Jahren unbeirrt seinem minimalistischen epischen Programm: einem zwischen der "zärtlichen Gleichgültigkeit" eines Albert Camus und dem "sanften Gesetz" Adalbert Stifters oszillierenden Erzählen, das einem Beschwören und Aufladen der ins Visier seiner Sprache genommenen kleinen Dinge gleichkommt.

Der nächtliche Lehrer zelebriert – Adalbert Stifter folgend  – "die Schilderung der sanften Gesetzmäßigkeit des natürlichen Lebens". Er tut es am Beispiel des Großstadtflüchtlings Lennart, der, aus Stockholm kommend, in die schwedische Provinz, in das fiktive Städtchen Sandvika, übersiedelt, wo er seine Schüler unterrichtet – und sich in seinen Beobachtungen verliert. Dann trifft er auf die Bibliothekarin Elisabeth, beginnt mit ihr eine Beziehung und heiratet sie. Doch als die von ihm schwangere Frau wenig später bei einem Unfall an einem Bahnübergang stirbt, wird Lennart endgültig zum Einzelgänger. Als stiller, zurückgezogener Betrachter des Lebens irrlichtert er durch seine letzten Schuljahre. Bis man ihn pensioniert, und er nachts wiederholt dabei beobachtet wird, wie er in seinem ehemaligen hell erleuchteten Klassenzimmer steht – und ruhelos auf und ab geht. Ein Gespenst mit menschlichem Antlitz,  zärtlich und gleichgültig zugleich.

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