Buchauszug Rauchen und der Terror der Tugend

In diesen Tagen ist "Glänzende Zeiten" erschienen, das neue Buch des ZEIT-Redakteurs Adam Soboczynski. Eine ironische Betrachtung unserer Welt in 29 Kapiteln. Ein Auszug

Adam Soboczynski, geboren 1975 im polnischen Torun, ist Feuilletonredakteur der ZEIT

Adam Soboczynski, geboren 1975 im polnischen Torun, ist Feuilletonredakteur der ZEIT

Die Anzahl der Lokale, die ich ab und an aufsuche, ist zusammengeschrumpft auf ein paar ganz wenige, in denen man noch trinken und rauchen darf. Natürlich gibt es Bars, in denen man nur trinken darf und die einigermaßen gut besucht sind, nur geht man schon der Besucher wegen nicht dorthin, die, wie jeder weiß, von unglaublicher Langeweile und behäbiger Gewöhnlichkeit sind. Und natürlich verderben dort die Kinder, die neuerdings überall hin mitgebracht werden, da sie sich in derartigen Etablissements langweilen und herumzetern, die Stimmung.

Niemals würde man ja in Anwesenheit von Kindern einen Annäherungsversuch an eine Frau wagen, weil Kinder ja so unschuldig sind und gleich komisch und neugierig gucken und einen anstupsen. Und oft habe ich schon gedacht, dass die Paare, die mit Kindern immer in Cafés und in Bars herumsitzen, ihre Kinder eigentlich nur mitnehmen, um zu verhindern, dass andere Leute einander rauchend näherkommen, da sie selbst, erloschener Leidenschaft wegen, es den Leuten, die ohne Kinder da sind, einfach nicht gönnen, dass die einander sich näherkommen, weshalb sie jede Bar, die früher immer Ort der dunklen Geheimnisse, der schlüpfrigen Anbandelei und abwegigsten Frivolitäten gewesen ist, zum Kinderspielplatz verwandeln.

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Der Autor

Adam Soboczynski, geboren 1975 im polnischen Torun, ist Feuilletonredakteur der ZEIT. Im Jahr 2007 erschien sein Buch Polski Tango, 2008 sein Erzählband Die schonende Abwehr verliebter Frauen, oder: Die Kunst der Verstellung. Er lebt in Berlin

Überall hin werden ja heute die Kinder mitgebracht. Nicht so sehr, wie jeder weiß, weil die Eltern notgedrungen, mangels eines Babysitters, sie überall hin mitnehmen müssten, sondern weil sie, die man nur bemitleiden kann, stolz herumgezeigt werden sollen, Trophäen des gesunden Volkskörpers, die den kinderlosen Flaneur des lendenschwachen Sozialschmarotzertums bezichtigen. Mit größtmöglicher Umständlichkeit und Unachtsamkeit drängeln sich die Mütter und Väter heute mit ihren Kinderwagen in die Tram, entschleunigen so die Großstadt, enterotisieren sie durch das Geschrei ihres allen immerzu dreist präsentierten Nachwuchses, der sich ja gar nicht wehren kann gegen sein beständiges Ausstellen, Präsentieren und Vorführen.

In den wenigen Bars, in denen man noch rauchen und trinken darf, spricht man häufig, da sie ja so selten geworden sind, darüber, welch ein Vergnügen es ist, dass es noch Bars gibt, in denen man noch trinken und rauchen darf, gerade weil man weiß, dass man bald auch noch um dieses Vergnügen gebracht werden wird. Weil es ja den Leuten nicht reicht, dass es nur noch wenige Kneipen gibt, in denen man trinken und rauchen darf, nein, sie sollen ganz weg! Es muss ja immer gleich kurzer Prozess gemacht werden.

So sprachen auch der Freund, der erfolgreich etwas mit Kultur macht, und ich, als wir noch zu sehr später Stunde ein Lokal aufgesucht hatten, in dem man noch rauchen und trinken darf, und dass, nachdem wir bei mir bereits zwei ungute Flaschen Wein aus Südfrankreich getrunken hatten, erst einmal darüber, wie gut es doch ist, jetzt noch ein Lokal gefunden zu haben, in dem man noch rauchen und trinken darf.

Ich erzählte, obgleich ich vage wusste, dass ich ihm diese Geschichte schon mindestens einmal erzählt hatte, davon, dass ich vor einigen Jahren, als ich nach einem zweisemestrigen Studienaufenthalt in Amerika, der mir als entsetzlich, im Mindesten aber als völlig überflüssig erinnerlich ist, zurückgekehrt war, mir am Flughafen eine Flasche Bier kaufte, den IC bestieg, der in einem unterirdischen Trakt des Bahnhofs abfuhr, dass ich mich gleich in ein Raucherabteil setzte, mir eine Zigarette anzündete und schon kurz darauf dumpf, da mir die Zeitverschiebung zusetzte, hinaus auf eine unaufgeregte Landschaft mit sanften Hügeln schaute.

Dass man tatsächlich mit einer Flasche Bier rauchend im Zug sitzen konnte, sagte ich, ohne von den anderen Fahrgästen sogleich als verrohtes Subjekt wahrgenommen zu werden, sondern, im Gegenteil, als ein ganz gewöhnliches und zivilisiertes, schien mir zutiefst menschenfreundlich, etwas, das ich in dem Land, aus dem ich endlich entkommen war, schmerzlich vermisst hatte. Heute, sagte ich, würde ich niemals mit einer Flasche Bier das Abteil betreten, sogleich würde man nämlich als verrohtes Subjekt aufgefasst werden.

Leser-Kommentare
    • Ius
    • 07.10.2010 um 10:28 Uhr

    ... mir auf jedenfall die Neugier geweckt. Danke für diese Anregung!

    Eine Leser-Empfehlung
  1. einer der es begriffen hat. Wir werden zu den Hühnchen, die elektronisch gesteuert aufgezüchtet werden, um dann maschinell geschlachtet zu werden, und dann achtlos weggeschmissen werden weil es zuviel und billig davon gibt.
    Wer den Prozeßablauf zu immer höherer Effizienz stört gehört beseitigt.
    Aber wie war das mit Ikarus oder im Buch Esther?

  2. So herrlich schnoddrig auf den Punkt gebracht, dass es zwar weh tut, aber man trotzdem schmunzeln kann. Ich denke ich werde dieser Empfehlung folgen und das Buch lesen. Danke.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. aus Wikipedia entnehme ich, was dem Autor völlig fehlt:

    Selbstironie ist eine Ironie, deren unmittelbare Zielscheibe die eigene Rolle oder Meinung ist und die daher eine spielerische, relativierende oder sogar kritische Haltung sich selbst gegenüber einnimmt. Selbstironie gilt daher oft als Zeichen von Humor und sympathischer Bescheidenheit bzw. steht, aufgrund ihrer immanenten Selbstkritik, auch für eine generell undogmatische Lebenseinstellung.

    Ich finde den Text ein humorloses Bekenntnis eines Rauchers (und Trinkers). Mag er beides tun. Sein Trinken schadet mir nicht, daher tue ich es auch. Seine Raucherlebnisse, na ja, ich erinnere es halt anders: 1996 in New York war ich völlig fasziniert von qualmfreien Kneipen in SoHo und mitgebrachten Kindern. Das bremste den Spass der Anwesenden kaum, verbesserte aber mein Wohlbefinden erheblich.

    Heute ärgere ich mich nur noch, wenn ähnlich humorlose Menschen wie der Autor rauchen, auch wenn es verboten ist. Aber es kann ja nicht jeder eine so gute Erziehung wie er haben.

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    Der Autor mokiert sich über intolerante, fernbestimmte Wesen, die genau das tun, was von ihnen verlangt wird, weil sie ihre eigenen Ideen entweder nie entwickelt oder längst abgeschrieben haben. Es geht nicht darum, die Umwelt mit Rauch zu verpesten, denn niemand wird gezwungen in eine Bar zu gehen, in der man trinken UND rauchen kann! Aber alle werden gezwungen, nicht zu rauchen und sich die Kinder anderer Leute anzugucken oder - noch schlimmer - sich das Geschrei anzuhören!

    Der Autor mokiert sich über intolerante, fernbestimmte Wesen, die genau das tun, was von ihnen verlangt wird, weil sie ihre eigenen Ideen entweder nie entwickelt oder längst abgeschrieben haben. Es geht nicht darum, die Umwelt mit Rauch zu verpesten, denn niemand wird gezwungen in eine Bar zu gehen, in der man trinken UND rauchen kann! Aber alle werden gezwungen, nicht zu rauchen und sich die Kinder anderer Leute anzugucken oder - noch schlimmer - sich das Geschrei anzuhören!

  4. Hoppla, jemand der sich so mutig für das Rauchen ausspricht, trotz vieler belegter gesundheitlicher Beeinträchtigungen, welche es über längere Zeit dem aktiven sowie passiven Konsumenten mit sich bringt, verdient meine Hochachtung ^^ Ich selber rauche nicht und kann eigentlich nicht von mir behaupten "eh nur ein Übergewichtiger mehr" sein ^^ Ich toleriere dass es andere machen. Meine Toleranz erreicht jedoch ihre Grenzen, wenn ich Menschen beobachte die arglos und rücksichtlos in Gegenwart anderer Rauchen, als sei es das verständlichste der Welt. Ich finde jedoch die Gesetzgeber überschreiten ihre Kompetenzen, wenn sie Kneipen ein Rauchverbot aufzwingen. Wer Rauchen nicht mag, sollte von Natur aus solche Lokale meiden. Achja @joschitura: "Wer Kinder und Hunde haßt, kann kein ganz schlechter Mensch sein..." - naja ich weiß ja nicht o.O Wenn sich solche schlecht verhalten liegt das auch ein wenig an den Menschen die Verantwortung für diese Übernehmen bzw. es nicht machen ^^

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  5. Zum abertausendsten Mal: nichts ist gegen eine erfreuliche Sittigkeit von Menschen und Gesellschaften einzuwenden, aber die weltweite Anti-Raucher-Kampagne ist in sich widersprüchlich und total verlogen, daher überhaupt nicht geeignet, gute Ziele zu erreichen.
    Abgesehen davon, dass ein Staat Rechtswächter und nicht Tugendwächter zu sein hat, dient die unsachlich ausgewählte Kampagne nur der Drangsalierung der Konsumenten, nicht aber gleichermaßen zur Drangsalierung von Produzenten und Profiteuren (darunter auch der Staat!).
    Nichts gegen den Schutz von Leben und Gesundheit von Bürgern (!), wie aber steht es z. B. mit der "Heiligen Kuh" Automobil und seinen Gefährdungen? Wo bleiben hier solide Vergleichszahlen??
    Hier hilft nur REVOLTE

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    • Halapp
    • 07.10.2010 um 11:41 Uhr

    Glüchwunsch an die Zeit, daß sie noch einen Redakteur hat
    der selber denkt.
    Ich rauche gelegentlich Zigarren. Dies vorweg. Unsere
    verlogene ÖKoideologe steuert Lebenssituationen die sie
    nichts angehen. Ich freue mich herzlich, daß es Leute
    gibt wie den Autor- ich werde ihn lesen- der diese Situation
    in Deutschland aufspießt. Nur der schwäbische Pietismus
    schwäbischer (Kirchentagspräsiden EPPLer ) Prägung ist noch
    schlimmer.
    Die Medienmacher leben den Zeutgeist. Es macht mir rießige
    Freude in den neuen Beitrittsländer Rumänien u.a. noch
    normale Menschen zu treffen. Lebensfreude steht gegen Öko-
    mießmacher. Die Zeit selbst haucht meist noch einen unlibarelen Ökogeist. Macht euch unabhängig von Ökoinstituten und andern Volksverdummern - vielleicht ist
    eine Schalbe der Frühling. Schön wärs.

    • Halapp
    • 07.10.2010 um 11:41 Uhr

    Glüchwunsch an die Zeit, daß sie noch einen Redakteur hat
    der selber denkt.
    Ich rauche gelegentlich Zigarren. Dies vorweg. Unsere
    verlogene ÖKoideologe steuert Lebenssituationen die sie
    nichts angehen. Ich freue mich herzlich, daß es Leute
    gibt wie den Autor- ich werde ihn lesen- der diese Situation
    in Deutschland aufspießt. Nur der schwäbische Pietismus
    schwäbischer (Kirchentagspräsiden EPPLer ) Prägung ist noch
    schlimmer.
    Die Medienmacher leben den Zeutgeist. Es macht mir rießige
    Freude in den neuen Beitrittsländer Rumänien u.a. noch
    normale Menschen zu treffen. Lebensfreude steht gegen Öko-
    mießmacher. Die Zeit selbst haucht meist noch einen unlibarelen Ökogeist. Macht euch unabhängig von Ökoinstituten und andern Volksverdummern - vielleicht ist
    eine Schalbe der Frühling. Schön wärs.

  6. dass es Kneipen gibt, in denen man noch Rauchen und Trinken kann. Noch besser jedoch, dass es zum Glück inzwischen auch solche gibt, in denen man Trinken und (!) Atmen kann - hat mein Nachtleben sehr bereichert.

    Eine Leser-Empfehlung

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