Wie lange Börsenvereinsvorsteher Gottfried Honnefelder wohl die Namen der Buchpreiskandidaten im Stillen vor sich hin gesagt hat? Als er sich bei den sechs Autoren für ihr Kommen bedankt und aus Peter Wawerzinek Peter Wawerschinek macht, kommen Erinnerungen an letztes Jahr auf, da Honnefelder über den schlichten deutschen Namen Kathrin Schmidt gestolpert war. Aber Melinda Nadj Abonji geht ihm fehlerfrei von den Lippen. Denn sie bekommt den Deutschen Buchpreis 2010 für ihren Roman Tauben fliegen auf .

Wiewohl sich in diesem Moment vielleicht mancher gefragt hat: Melinda who? Da braucht es erst den langgezogenen Jubelschrei einer Freundin von Nadj Abonji, deren flinkes Nachvornelaufen und Abbusseln der Siegerin, damit sich die Verblüffung im Kaisersaal des Römers legt und ein langer Beifall folgt.

Diese Entscheidung ist mitnichten eine Überraschung. Die Jury hat damit nur konsequent ihre Linie weiterverfolgt, die sie bei der Auswahl für Long- und Shortlist gefahren hatte: neue, unbekannte, die Vielfalt der deutschsprachigen Literatur repräsentierende Namen. Und zwar eine Vielfalt, die auch mit der Herkunft der Autoren zu tun hat, die in Tel Aviv, Prag oder Tiflis geboren wurden und deren Muttersprache nicht immer Deutsch ist.

So wie auch Nadj Abonji, die 1968 in Serbien als Angehörige der ungarischen Minderheit geboren wurde und kein Wort Deutsch sprach, als sie als kleines Mädchen mit ihren Eltern in die Schweiz emigrierte. Daran fühlte sich Nadj Abonji erinnert, wie sie in ihrer auffällig langen, vorbereitet wirkenden Dankesrede erzählt, als sie sich vor sechs Jahren erstmals in der französischen Schweiz aufhielt und die Aufgekratzheit dort mit ihren stillen Empfindungen korrespondierte. Das sei der Auslöser für das Schreiben ihres Romans gewesen.

Sie berichtet von der Schweizer Fremdenfeindlichkeit, den Übergriffen, denen ihren Eltern als Café-Betreiber ausgesetzt waren und schließt mit Worten in ihrer Muttersprache. So verweist Nadj Abonji auf die autobiografische Grundierung ihres Romans. Und darauf, dass zwar mit der Literatur von deutschsprachigen Autoren mit Migrationshintergrund andere Lebengeschichten Einzug hielten , aber keine neuen Formen und Stile. Gefälligkeit war Trumpf, die Biografie Stoff, der ohne größere Formanstrengung auskam.

Der beste, artistischste Roman auf der Shortlist war der von Thomas Lehr, September. Fata Morgana . Lehr hätte den Preis weit vor allen anderen bekommen müssen. Aber um die hochwertigste Literatur geht es ja bei Auszeichnungen wie diesen nicht immer. Insofern geht auch der Buchpreis an Nadj Abonji ganz in Ordnung.

Erschienen im Tagesspiegel