© Rachel de Joode fuer Debug Magazine

Röhren-Jeans, überdimensionale Hornbrillen, Schnauzbärte und Stoffbeutel gehören zum modischen Kanon der Hipster. Hinzu kommt der kulturelle: Klaus Nomi, Slavoj Žižek, Terry Richardson und uralte Computerspiele. Den Hipster trifft man vorzugsweise auf Flohmärkten, in Galerien und Läden für obskure Kunst- und Literatur-Magazine und natürlich auf der Website Facehunter . Trotz der Fülle solcher Klischees ist nicht ganz klar, was genau ein Hipster eigentlich ist.

Die Diskussion um den Begriff mausert sich zur retroperspektivischen Definition der Nullerjahre. Sie ist bereits an der Elite-Universität Harvard angekommen. Auch hierzulande bemüht man sich um Aufklärung . Nun hat das New Yorker Literaturmagazin n+1 einen Sammelband mit dem Titel What was the Hipster publiziert. Die Autoren beinhalten unter anderem der n+1 -Chefredakteur und New School-Professor Mark Greif , Christian Lorentzen vom Harper’s Magazine und dem New York Observer sowie Pulitzer-Preisträgerin Margo Jefferson.

Das angenehm unprätentiöse Buch behandelt Fragen wie diejenige, wo genau der Hipsterismus zwischen Mainstream und Underground anzusiedeln ist, für welche kulturellen Befindlichkeiten etwa Röhrenjeans und Schnauzer stehen und wie es zu dem verbreiteten Hass auf Hipster kommt. Besonders das Jahr 1999 wird als Geburtsstunde der Szene beleuchtet. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Verhältnis des Hipsters zur Rassenfrage.

Letzterer ergibt sich vor allem aus der afroamerikanischen Tradition des Begriffs. Der Journalist Anatole Broyard hat den Ausdruck 1948 in seinem Aufsatz A Portrait of the Hipster geprägt. In den unverständlichen Codes der Jazz-Subkultur machte dieser eine Art des kulturellen Widerstands gegen die weiße Vorherrschaft aus. Neun Jahre später entwarf Norman Mailer in seinem gleichnamigen Essay den Hipster als White Negro . Damit wurde die Lebensform für Weiße zugänglich. Aus der Jazz-Szene entwickelte sich der amerikanische Existenzialismus der Beatniks, – weniger intellektuell, aber dafür sexier und temporeicher als das europäische Pendant. Die Autoren des Sammelbandes machen darauf aufmerksam, dass diese Umarmung der afroamerikanischen Kultur durch weiße Intellektuelle problematisch war. Im White Negro lag ein gutes Stück Rassismus. Man imitierte den Schwarzen so, wie es dem rassistischen Klischee entsprach: erotisch, gefährlich, authentisch.

Den Hipstern der Nullerjahre dient nicht mehr der Afroamerikaner, sondern die weiße Unterschicht, der White Trash , als stilistisches Vorbild. Von hier stammen Schnauzer, Skinny Jeans und Truckerkappen, die man zu Beginn der Dekade trägt – ab ihrer Mitte auch linkische Brillengestelle, die an ebenfalls stereotypisch weiße Nerds erinnern. Im Sammelband ist die Rede von Caucasian Kitsch.

Als Grund für den Trend wird die Ankunft der Afroamerikaner in der Mitte der Gesellschaft ausgemacht. Nicht mehr sie stellen den Bodensatz Amerikas dar, sondern der White Trash. Folglich imitiert die Subkultur nicht mehr schwarze, sondern weiße Außenseiter. Eben so wie der White Negro ist die Imitation des White Trash für die Autoren eine zweischneidige Sache. In der ironischen Aneignung der kulturellen Codes der Unterschicht durch die meistens aus der Mittelschicht stammenden Hipster drückt sich eine neue Grenze aus. Diese ist nicht mehr rassen- sondern klassenspezifisch.

Eine andere Kernfrage des Buches ist diejenige, weshalb der aus den vierziger und fünfziger Jahren stammende Begriff des Hipsters zu Beginn der Nullerjahre wieder aufgenommen wird. Die Gründe dafür werden im Jahr 1999 ausgemacht, gewissermaßen dem Geburtsjahr der Szene. In diesem Jahr zieht das Vice Magazine – ein Zentralorgan des Hipsterismus – von Montreal nach New York. Auch die stilprägende Modekette American Apparel öffnet ihre Pforten. Und auf der WTO-Konferenz in Seattle erreicht der politische Widerstand eine neue, globale Dimension.