Der Schriftsteller Mario Vargas Llosa © Quim Llenas/Cover/Getty Images

Auch wenn er sein halbes Leben außerhalb Lateinamerikas verbracht hat, ist Mario Vargas Llosa nirgends so zu Hause wie in Peru: In seinen wichtigsten Romanen hat er eine neue Sprache gefunden, um von Gewaltstrukturen in der peruanischen Gesellschaft zu erzählen. Sein Erstlingswerk Die Stadt und die Hunde machte ihn 1962 schlagartig bekannt. Das Buch war ein Schock. In Lima verbrannte man es öffentlich. Vargas Llosa hatte ins Mark der peruanischen und vieler lateinamerikanischer Gesellschaften getroffen. Noch nie hatte ein peruanischer Autor so frei und literarisch so brillant moralische und sexuelle Tabus gebrochen.

Vargas Llosa, 1936 geboren, besuchte zwei Jahre lang eine Kadettenanstalt. Im Roman schildert er das Heranwachsen junger Kadetten in einer korrupten, unerbittlichen Umgebung. Wie unter den jungen Männern "das Gesetz des Dschungels" herrscht. Wie die Schwachen keine Chance haben. Der Kleinkrieg in der Militäranstalt endet in der Katastrophe, als ein Kadett, "der Sklave", einen Dieb denunziert und getötet wird. Von höchster Stelle wird der Mord vertuscht.

Dieser Text ist der erste von vielen, die gesellschaftliche Unterdrückung in Lateinamerika ohne agitatorische Tendenz erzählen. Das grüne Haus von 1968 gehört dazu, genau wie aus jüngerer Zeit Das Fest des Ziegenbocks (2000) über die Trujillo-Diktatur in der Dominikanischen Republik.

In Deutschland wurde Mario Vargas Llosa im Zuge einer anderen Nobelpreisverleihung bekannt: Im Jahr 1982 erhielt die Auszeichnung sein kolumbianischer Schriftstellerkollege Gabriel García Márquez. Beide werden zum so genannten lateinamerikanischen Boom gezählt, der in Europa erstmals ein Interesse weckte für die lateinamerikanische Literatur insgesamt – insbesondere aber für García Marquez’ magischen Realismus, der die Wirklichkeit mit Mythen und Traditionen verband. Irrtümlicherweise wird auch Vargas Llosa häufig damit assoziiert.

Doch auch er hat eine spezifisch lateinamerikanische Literaturtradition geschaffen. Er beruft sich nicht auf die Magie, sondern erneuerte die lateinamerikanische Literatur auf eine ganz andere Weise. Er ging von den harten politischen Realitäten aus, die in vielen lateinamerikanischen Ländern im Laufe des 20. Jahrhunderts in Diktaturen mündeten.

Die Sprache des sozialen Rands, den Slang der Unterschicht, hat Vargas Llosa nie gescheut. Neben dem Kubaner Cabrera Infante war er einer der ersten Autoren, der ein Gespür besaß für die vielschichtigen Sprachvarietäten der Gesellschaft. "Um ein echter Romancier zu sein, muss man alle Bereiche der Gesellschaft durchforstet haben, bedenkt man, dass der Roman die private Geschichte der Nationen ist" – ein Zitat von Balzac, das Vargas Llosa 1969 seinem Roman Gespräch in der Kathedrale voranstellte. Er benennt damit seine eigene Position als literarischer Chronist, der lange von dem Anspruch ausging, "totale Romane" schreiben zu wollen: Literatur als eine eigene, autonome Welt, die alle Facetten der Wirklichkeit darzustellen vermag. Ein Konzept, von dem sich Vargas Llosa seit den siebziger Jahren löste, um sich verstärkt dem Fragmentarischen zu widmen.