SchlafenTausend Seiten wach

Literatur raubt allen den Schlaf. Leser, Schriftsteller und selbst Bücher sind schwer zu Bett zu bringen. Eine Nachtschwärmerei von 

Zu den angenehmsten nächtlichen Ruhestörungen gehört zweifellos die Literatur. Ist Heine um den Schlaf gebracht, stehen auch wir senkrecht im Bett, und zur bangen Frage, welche Lektüre zum Ausklang des Tags geeignet sei, lassen wir doch Kurt Tucholsky antworten: nur leichte und unterhaltende, spannende und beruhigende, schwere, wissenschaftliche und frivole sowie mittelschwere und jede sonstige, andere Arten aber nicht. Beherzigen wir diesen Rat, können wir lesen bis die Lampe oder (es werden ja immer mehr) der E-Book-Reader qualmt. Bloß für Kinder ist meist früher Schluss. Mit dem Augenarzt im Nacken steht die Mutter in der Tür und spricht ermahnende Worte, was sie dann, nicht ohne Stolz, am nächsten Morgen herumerzählt. Wer würde es bezweifeln: Literaturgeschichte ist auch eine Geschichte der Übermüdung!

Und nicht nur wir Leser haben Augenringe: Die Karl Kraus'sche Fackel brannte länger als von 9 bis 5. Charles Bukowski genoss die einsamen Nächte am Schreibtisch und den Blick auf den rühreifarbenen Freeway, da ist er sich mit Louis Begley einig. Und schlagen wir mal auf: Kafkas Tagebuch, 23. September 1912. Sein Urteil schrieb der junge Franz in einer Nacht von 22 bis 6 Uhr morgens unter "leichtem Herzschmerz" und doch großer Freude. Ein paar Monate später ist Kafka unruhig. Genaue Uhrzeit unklar, Motiv eindeutig. Statt Schäfchen zählt er Sorgen. Wo damals nur dem Dienstmädchen verdrießlich wurde, käme heute schon der Businesscoach, optimierte auf Flipcharts herum und reichte motivierenden Fruchtsaft zur bekümmerten Frage: Wie steht's Work-Life-Balance-technisch so?

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Schlafphasen

Im Laufe einer Nacht durchwandern wir mehrere 90-minütige Zyklen aus verschiedenen Schlafstadien und dem sogenannten REM-Schlaf (Rapid Eye Movement), einer Schlafphase, in der wir besonders intensiv träumen. Mit zunehmender Schlafdauer wird der Schlaf insgesamt weniger tief, und die REM-Phasen werden länger. Ältere Menschen haben einen flacheren Schlaf und wachen häufiger für längere Zeit auf.

Schlafbedarf

Diese Grafik zeigt den durchschnittlichen Schlafbedarf der allermeisten Menschen. Natürlich gibt es auch Menschen, die ihre optimale Erholung auch mit mehr oder weniger Schlaf bekommen.

Schlafzeiten

Die Auswertung des Münchner Chronotyp-Fragebogens ergab, wie häufig welcher Chronotyp ist. Die hier aufgeführten Schlafzeiten geben die natürlichen Zubettgeh- und Aufstehzeiten an, also keine Uhrzeiten, die beispielsweise durch den Beruf vorgegeben sind.

Chronotyp

Im Durchschnitt sind Jugendliche und junge Erwachsene so spät getaktet, wie nie wieder in ihrem Leben. Sie sind Spätschläfer und schlafen, sofern es die Umstände zulassen, morgens dafür länger. Für die Lernleistungen in der Schule wäre ein späterer Unterrichtsstart besser, da man die jungen Menschen wegen ihres Chronotyps quasi "nachts" zur ersten Stunde bittet. Erst mit Ende der Jugend kehrt sich dieser Trend schlagartig um.

Von allen Nachtgeistern der Literatur war E.M. Cioran wohl der größte . Seit seiner Jugend klagte der Rumäne über Schlaflosigkeit. Nächtens schrieb er in seiner kleinen Pariser Mansardenwohnung, streifte durchs Quartier latin und rasönierte über das Allerdüsterste, das ihm einfiel: das Menschsein in all seiner Trostlosigkeit. Lichtdurchflutete Frohnaturen gäben sicherlich seiner Unausgeschlafenheit daran Schuld. Cioran selbst sagte dazu, "die Schlaflosigkeit stellt einen außerhalb der Lebenden, außerhalb der Menschheit". Professionelle Unruhe für Fortgeschrittene! Sein knapp zweitausendseitiges Gesamtwerk war eine Arbeit der Nacht . Apropos: Trefflicherweise heißt genau so ein grandioser, herzerkältender Roman von Thomas Glavinic . Wien und Welt sind menschenleer. Nur ein junger Büroangestellter ist übrig und driftet auf die Nachtseite des Lebens.

Ja, es gibt auch Bücher, die schwer zu Bett zu bringen sind. Zumal in unserer berlinbetrunkenen Republik. Kaum eine Woche vergeht ohne einen neuen Bericht aus dem Nachtleben, vom Verschwinden im grellen Stroboskoplicht. Das hört sich mal nüchtern an, wie bei Rainer Schmidt: "Es war diese besondere Aura der Nacht, die Botschaft von etwas Neuem und immer auch Fremdem, die ihm so vertraut wie lieb war." Bei der jungen Helene Hegemann schon nach seniler Bettflucht: "Um 3 Uhr 55 wache ich auf Ophelias Schlafzimmerboden auf und beschließe, ihre Wohnung auf direktem Wege zu verlassen. Ophelia liegt schwer atmend in ihrem vollgekotzten Doppelbett."

Am fetzigsten klingt's bei Rainald Goetz, Deutschlands wachstem Nachtschwärmer: "Eine Ecke weiter saß ein Grüppchen jüngstverstörter Novizinnen und Novizen, die eng einander verschlungen, mit noch ecstasy-heiß-nassen Händen und mild-melancholischem Herzen da saßen, jetzt die Wirkung einer großen Drogennacht so langsam abklingen fühlten; offensichtlich zurückkehrend zur Nüchternheit, und doch getröstet irgendwie vom klar herannahenden neuen, kommenden Morgen." Und für die Kleinen? Wolf Erlbruchs Nacht zum Beispiel. Ein Spaziergang durch die Dunkelheit an der großen Hand des Vaters. Schlaflosigkeit für alle ab fümpf.

Dann wird's Morgen. Draußen singen die Vögel, die Kaffeemaschine gurgelt, man gähnt sich im Spiegel an. Waren die Falten gestern schon da? Von weit her seufzt Arno Schmidt in seinem Bargfelder Bass: "Schlafbücher müßte es geben: von zähflüssigstem Stil, mit schwer zu kauenden Worten, fingerlangen, die sich am Ende in unverständliche Silbenkringel aufdrieseln; Konsonantennarreteien (oder höchstens mal ein dunkler Vokal auf 'u'): Bücher gegen Gedanken."

Literatur als Sedativ, rezeptfrei aus der Buchhandlung!  Da fiele einem so einiges ein. Ach, wär' man jetzt nicht bloß so schrecklich müde.

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Leserkommentare
  1. Ohne meine Bücher könnte ich nie einschlafen!
    Ein paar Seiten vor dem zu-Bett-gehen und dann im Bett noch 3,4 Seiten, dann bin ich weg!

    Natürlich gibt es auch die Sorte Lektüre, die man einfach nicht aus der Hand legen kann und liest, bis es hell ist.
    (Nur am Wochenende oder im Urlaub zu empfehlen!)
    Denn: der nächste Morgen kommt bestimmt.

    Was ich so im Bett lese? Keine Sachbücher, Belletristik, am liebsten einen skandinavischen Krimi!

  2. Meine beste Schlafhilfe ist mein ipod. Sobald ich die Kopfhörer im Ohr habe, bin ich auch schon weggedöst. Zum Leidwesen des kleinen Gerätes, das dann manchmal nachts mein ganzes Gewicht aushalten muss, weil ich einfach damit einschlafe. Ein guter Grund, auf ipads und ebooks zu verzichten. Denn die würden bei mir wohl nicht lange überleben.

  3. Neulich auf der Frankfurter Buchmesse, ich traute meinen Augen kaum. Am Stand eines bekannten Verlages lehnte eine sehr kultiviert anzusehende ältere Dame an den Regalen und las. Als ich näher trat, sah ich – ach wie peinlich – sie war beim Lesen eingeschlafen.
    Noch bevor mir ein passender Gedanke dazu einfiel, schubste mich so ein schnaufender Fettsack beiseite, stürzte auf die Dame zu und japste: Sehr gut, perfekt! Gnädige Frau, verweilen sie in dieser tagträumerischen Starre! Bitte!
    Dann drückte dieser Kerl mit seiner rechten Pranke den am Tisch sitzenden Verleger fast zu Boden und brüllte drauflos: Schauen Sie sich das an! Diese Lektüre, diese Wirkung! Geben Sie zu, diese Schnarchprosa ist unverkäuflich. Ich mache ihnen ein passables Angebot, bevor Sie diesen Roman palettenweise verramschen müssen. Ich kaufe Ihnen die gesamte Auflage ab und vermarkte sie als HYPNODISIAKUM! (Vorsicht! Begriffsneubildung! Copyright beachten! Ha-ha)

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