Jäher Tod oder der Einbruch des Wahns begründen häufig einen Dichtermythos. Hölderlin, der jahrzehntelang in seinem Tübinger Turmstübchen vor sich hinbrütete. Der mit 23 verstorbene Georg Büchner, dessen Werk ebenso schmal wie grandios ist. Allerlei expressionistische Dichter nicht zu vergessen, die in jungen Jahren dem Ersten Weltkrieg direkt oder indirekt zum Opfer fielen. Bis hin zu den frühen Popliteraten Rolf Dieter Brinkmann und Jörg Fauser, deren dichterische Qualität durch ihr frühzeitiges Ableben beglaubigt scheint.

Den frühen Tod als Voraussetzung für die Aufnahme in die Ruhmeshalle erfüllt auch "Matthias" BAADER Holst. Matthias in Anführungszeichen, in Versalien der Künstlername, wegen Johannes (Dada) und Andreas (RAF). Der 1962 in Halle an der Saale geborene Dichter war gerade mal 28 Jahre jung, als er in den turbulenten Nachwendemonaten brutal ums Leben kam: Er kam von einem Berliner Künstlerfest, als ihn eine Straßenbahn erfasste, um fünf Uhr in der Frühe des 24. Juni 1990. "Mit 25 noch am leben zu sein ist eine schande“, hatte BAADER einst gedichtet.

Solche Verse nähren natürlich Spekulationen, ob sein Tod mehr als nur ein Unfall war. Einige sprachen sogar von Mord, zumal mehrere Autoren der Prenzlauer-Berg-Szene in jener Zeit unter mysteriösen Umständen ums Leben kamen. Nachdem er eine Woche lang in der Berliner Charité als namenloser Patient gelegen hatte, starb BAADER am 30. Juni 1990, dem letzten Tag der DDR-Mark, an seinen schweren Kopfverletzungen: "du kannst dich rühren / ich bin nicht: zeichen“. Auch dies hatte er gedichtet, und zwar als abschließende Verse seines furiosen, 1990 erschienenen texte-Bandes traurig wie hans moser im sperma weinholds, dessen Erscheinen er selbst knapp verpasste.

Zwei Jahre zuvor war BAADER, in Halle bereits ein stadtbekanntes Originalgenie, nach Ost-Berlin gekommen. Er zog in den Prenzlauer Berg – halb auf der Flucht vor dem Wehrersatzdienst, halb entführt von dem aktuellen Bachmann-Preisträger Peter Wawerzinek, der damals einen Dichter suchte, "mit dem ich was anfangen konnte". Was BAADER begegnete, ist in Wawerzineks soeben erschienener Festschrift für einen Freund als ein einziges "Desinteresse" beschrieben. Der alteingesessene DDR-Underground hatte offenbar anderes zu tun, als den schrägen Dichter-Vogel aus Halle zu begutachten. Wie sehr BAADER auch randalierend und tabubrecherisch in Erscheinung trat, die Szene ignorierte ihn weitgehend als lyrisch irrelevanten Clown.

Heute hat sich das Blatt offenbar gewendet. Es könnte sein, dass von der jüngsten DDR-Literatur besonders "Matthias" BAADER Holst in Erinnerung bleibt. Was der Brachiallyriker hinterlassen hat, ist zwar nicht gerade viel: eine Handvoll Textsammlungen, ein paar Bild- und Tonaufnahmen, eine Menge Kritzelzeichnungen. Die schmale künstlerische Hinterlassenschaft scheint aber auszureichen, um besagten Mythos vom genialisch-kompromisslosen Außenseiter zu rechtfertigen.
Mit den Jahren bildete sich eine kleine Fangemeinde um BAADER. Erste wissenschaftliche Untersuchungen entstanden. Sogar ein Verein hat sich gegründet, der das weit verstreute Werk des Dichters zusammenführen will. Mit Archivarenzähigkeit hat der Jenaer Literaturwissenschaftler Tom Riebe jahrelang gesammelt, gesichtet, arrangiert. Der Band hinter mauern lauern wir auf uns, den er jetzt zum zwanzigsten Todestag des Dichters herausgegeben hat, versammelt alle zu Lebzeiten von "Matthias" BAADER Holst veröffentlichten beziehungsweise zur Veröffentlichung zusammengestellten Texte.

Besonders die Sammlung traurig wie hans moser im sperma weinholds, einst erschienen im roten Schutzumschlag des DDR-Bibliothekswesens, begründet Holsts Ruf als Großtalent. Hierin findet sich für myriam, der wohl schönste Text, der von BAADER überliefert ist. Die Eingangsverse sind legendär:

"du in londen ich im leichenschauhaus / ein jeder wohl auf seinem platz / wir schliefen einst ins licht uns einsam / du gabst dich hin ich las die taz"

Kennzeichnend für BAADERS Dichtung ist die Stilisierung zum todgeweihten Außenseiter, der cool den eigenen Untergang erwartet. Das Individuum ist nicht nur stets von der Auslöschung bedroht, es sehnt sich geradezu nach ihr: "wir wollen schutzlos in der nase popeln / uns inhaftieren flehn um unsern sturz", heißt es in einem anderen Text derselben Sammlung. Bei aller düsteren Ausweglosigkeit, die hier, häufig durch schräge Töne gebrochen, beschworen wird, gelingen dem Dichter immer wieder schmerzend schöne, luftig freie Verse, die die Vorbilder der klassisch modernen Lyrik nicht verleugnen können.