Die "Frau mit den fünf Elefanten" ist tot: Wie der S. Fischer Verlag mitteilte, ist Swetlana Geier, eine der bedeutendsten Übersetzerinnen russischer Literatur in die deutsche Sprache , bereits am späten Sonntagabend in ihrem Haus in Freiburg gestorben. Die in Kiew geborene Ukrainerin wurde 87 Jahre alt.

Mehr als sechs Jahrzehnte übersetzte Geier literarische Werke, vielfach wurde sie dafür ausgezeichnet. Einer ihrer Schwerpunkte waren die Romane unter anderem von Leo Tolstoij (1828-1910), Iwan Bunin (1870-1953) und Michail Bulgakow (1891-1940) sowie Alexander Puschkin (1799-1837), Nikolai Gogol (1809-1852) und mehrere Romane von Alexander Solschenizyn (1918-2008).

Einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde Geier durch die Neuübersetzung von Werken des russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewskij (1821-1881), ihres Lieblingsschriftstellers. Fünfzehn Jahre arbeitete sie an der Übertragung der Schriften, darunter die großen Romane Verbrechen und Strafe , Böse Geister , Der Idiot , Die Brüder Karamasow und Ein grüner Junge . Sie selbst nannte diese Werke ihre "fünf Elefanten".  Bis zuletzt arbeitete sie an einer Übersetzung des Buchs Aufzeichnungen aus einem Totenhaus .

Geier scheute sich nicht davor, den Romanen neue deutsche Titel zu geben . Dies gilt etwa für Schuld und Sühne (nun Verbrechen und Strafe ), für Die Dämonen (nun Böse Geister ) und Der Jüngling (nun Ein grüner Junge ).

Für die Übertragung ins Deutsche ließ sich Geier viel Zeit. Ungewöhnlich war, dass sie ihre Übersetzung diktierte. "Jeden Abend schlage ich nochmals die fünf bis zehn Seiten auf, die ich am nächsten Tag diktieren werde", beschrieb sie ihre Vorgehensweise. Eine Hilfskraft schrieb auf der Maschine. Dann las ihr ein pensionierter Musiker den deutschen Text wieder vor, kritisierte. Geier lauschte dem Klang und korrigierte. Ein aufwendiges Verfahren. An Aufträgen hat es ihr trotzdem nie gemangelt.

Ihr Verlag würdigte sie als eine Frau, die "bei ihren Arbeiten um jedes einzelne Wort, um jeden Satz gerungen" habe. Sie sei damit viel mehr als eine Übersetzerin gewesen, sagte Verlegerin Monika Schoeller. "Die Literatur hatte nie eine leidenschaftlichere Vertraute als Swetlana Geier. Sie hat Brücken gebaut, die uns für immer tragen werden."

Deutsch lernte Geier schon früh. Auf die behütete Kindheit in der frühen Sowjetzeit folgte der politische Terror unter Diktator Josef Stalin. Ihr Vater wurde verhaftet. Zwar kam er nach 18 Monaten frei, doch er starb an den Folgen der Haft.

1941 überfiel Deutschland die Sowjetunion, Kiew wurde besetzt. Mit ihren Deutschkenntnissen arbeitete die Abiturientin Swetlana bei einer deutschen Baufirma. Als die Rote Armee wieder vorrückte und die deutsche Wehrmacht floh, wurden die sprachbegabte junge Frau und ihre Mutter mit nach Deutschland genommen. Zunächst fanden sie sich in einem Lager für Ostarbeiter wieder. 1944 bekam Swetlana einen Studienplatz in Freiburg. Auch die Mutter lebte bis zu ihrem Tod dort.

Neben ihrer Arbeit als Übersetzerin lehrte sie an den Universitäten Freiburg und Karlsruhe in Baden-Württemberg sowie an der Universität Witten-Herdecke in Nordrhein-Westfalen.