Sie sei eine "moderne Xanthippe" soll ein zeitgenössischer Literaturkritiker 1926 nach Erscheinen des Romans geschrieben haben. Die Rede ist von Anne Crump, Frau von Herbert Crump und Zerrbild einer Ehefrau: zänkisch, dauernd auf Krawall gebürstet. Ludwig Lewisohn heißt der Autor, der dieses so distanziert wie raffiniert gestaltete Porträt einer tyrannischen Frau in seinem Roman Der Fall Crump entworfen hat. Erschienen ist dieser 1926 in Paris, in Amerika wurde er verboten, aber limitiert und unter der Hand herumgereicht und gefeiert. In Deutschland, wo er erstmals 1928 erschien, lobte Thomas Mann das Werk überschwänglich, Sigmund Freud bezeichnete es als ein Meisterwerk. Jetzt ist der Roman im neu gegründeten Zürcher Secession Verlag neu übersetzt worden.

Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der aus Unerfahrenheit einer 20 Jahre älteren, hässlichen und grantigen Frau verfällt, die aber auch so gar nichts Liebenswürdiges an sich hat und es trotzdem schafft, die Männer zu verführen. Von da an hockt und wacht sie über ihn, schimpft, zetert, wütet – ansonsten dämmert sie dröge vor sich hin, Kinder und Haushalt verwahrlosen. Herbert, aufstrebender Komponist in New York, aber durch Liebeskummer gebeutelt, wird von ihr clever in eine Ehe gedrängt. Von da an läuft das Leben "ab wie ein Uhrwerk. Wie ein billiges Uhrwerk in einem metallischen Spielzeug." Am Ende begeht Herbert einen Affektmord. Wie Lewisohn dies in seinem Roman auf 400 Seiten ausbreitet, ist faszinierend – mit welcher Sorgfalt und psychologisch fein durchdachten Dramaturgie.

Im Vorwort der ersten deutschen Ausgabe, das in der neuen Ausgabe als Nachwort enthalten ist, schrieb Thomas Mann, es sei "ein Roman-Dokument des Lebens; des Lebens als Ehehölle". Eine Hölle, in die der Protagonist Herbert gerät. Mann ist begeistert von der Art, wie der Roman Distanz wahrt, "die Dinge sprechen lässt und jenes strenge und gebändigte, fast heitere Schweigen wart, das aller Kunst, auch der redenden, eigentümlich ist und es dem Leser und Betrachter anheim gibt, seine Folgerungen selbst zu ziehen." Auch ist er freilich begeistert von der Vereinigung von Ästhetik und Ethik und von der These des Autors, Literatur als Erkenntnisquelle des Lebens zu verstehen.

Der Roman, der in den USA offiziell erst 1947 unter dem doppeldeutigen Titel The Tyranny of Sex erschien und gleich zum Millionenbestseller wurde, ist Lewisohns drittes literarisches Werk. Insgesamt hat er rund 35 Romane, Erzählungen, Kritiken und Essays verfasst. Heute allerdings ist Lewisohn wenig bekannt; es gibt zwar eine aktuelle umfangreiche englischsprachige Biografie von Ralph Melnick aus dem Jahr 1998. Die nochmals 1982 erschienene deutsche Ausgabe Der Fall Crump im Ullstein Verlag aber ist längst vergriffen; im Internet landet man allenfalls bei Wikipedia, wenn man nach "Ludwig Lewisohn" sucht.

Christian Ruzicska hat den Roman neu übersetzt. Er ist neben Susanne Schenzler Gründer des Secession-Verlags, der im August, ein Jahr nach seiner Gründung, auf den Büchermarkt getreten ist. Ruzicska wurde Mitte der neunziger Jahre als Mitgründer des Tropen-Verlags bekannt, später übernahm er die Programmleitung vom Henschel Verlag. Schenzle war insgesamt mehr als sieben Jahre lang Vertriebsleiterin beim Zürcher Ammann Verlag.

Der neue eigene Verlag hat seinen Hauptsitz in Zürich und ein Büro in Berlin. Ruzicska, der Philosophie und Germanistik studiert hat, lektoriert, übersetzt und macht die Pressearbeit. Schenzle, die ursprünglich gelernte Kindergärtnerin ist und durch ein Volontariat ins Verlagswesen kam, kümmert sich um Administration, Vertriebsarbeit und Veranstaltungen. Das Programm entwerfen sie gemeinsam. Neben Lewisohn brachten sie in diesem Herbst zwei weitere Bücher bereits verstorbener Autorinnen heraus: Hélène Bessette (1918-2008) und Magda Szabó (1917-2007). Die vierte Neuerscheinung stammt vom Gegenwartsautor Steven Uhly .