Man sollte diesen Roman lesen. Auch wenn er einen hässlichen blasslila Einband hat, mit dem man ihn auf den ersten Blick in die hinterste Frauenecke schieben würde. Auch wenn er einen kruden Titel hat und mit ebensolchen Sätzen beginnt. Und auch, wenn Sie erst einmal überhaupt nicht verstehen, wer diese "Olga", die "Eiszeit" und der "Bruder" sind, von denen da kapitelweise erzählt wird.

Juja macht es Ihnen nicht leicht. Das mag daran liegen, dass die Autorin Nino Haratischwili erst 27 Jahre alt ist und noch mit manchen Anfangsschwierigkeiten zu kämpfen hatte. Für ihre Theaterstücke bekam die Georgierin den Adelbert-von-Chamisso-Preis, mit dem herausragende literarische Leistungen von Nicht-Muttersprachlern bedacht werden. Die Konstruktion dieses Romans aber war für sie eine ganz neue Herausforderung, weshalb es tatsächlich mehr als 40 Seiten dauert, bis sich die einzelnen Erzählfetzen zu einem Ganzen fügen. Doch dann entwickelt er einen Sog, der einen nicht mehr loslässt.

Es geht um ein Buch, für das es eine reale Vorlage gibt: Arsenikblüten heißt sie, geschrieben von Danielle Sarréra. Von der Autorin weiß man nicht mehr, als dass sie in den vierziger Jahren in Paris gelebt und sich im Alter von 17 Jahren vor einen Zug geworfen hat. Und auch das ist schon wieder fraglich: Es gibt Gerüchte, dass sich ihr Verleger, der Schriftsteller Frédérick Tristan, ihre Geschichte nur ausgedacht habe, dass er selbst dieses Pamphlet über Einsamkeit, Begehren und Gewalt geschrieben habe. Tatsache ist, dass es stark mythifiziert wurde und unter den Leserinnen sogar eine Art Werther-Effekt auslöste – einige haben Sarréras Selbstmord nach der Lektüre nachgeahmt.

In Juja heißt Sarréras Buch Die Eiszeit und ist auf 1953 datiert. Auszüge daraus ziehen sich durch den gesamten Roman. Mit einem starken Gefühl für Poesie ahmt Haratischwili die Endzeit-Metaphorik Sarréras nach, und das erklärt auch, warum die ersten Sätze ihres Romans so schön aber unverständlich sein müssen: "Ich war ein Embryo und wusste alles. Ich wurde ins Leben gepresst und vergaß mein Wissen. Ich wurde ins Leben gefickt. Man entnahm mir mein Wissen. Ich will Rache."

Die Faszination, die Die Eiszeit wie ihre Vorlage auf ihre Leserinnen ausübt, liegt in der Emotionalität und gleichzeitigen Ungreifbarkeit dieser Sätze. Es geht um Gefühle, in denen sich jeder wiederfinden kann. Zusätzlich gibt es ein paar Andeutungen über die ominöse Autorin, die hier Sarré heißt, ein Mädchen, das der Welt um sich herum mit ebenso viel Brutalität begegnet, wie es selbst erfährt.

Um dieses Buch ranken sich verschiedene Frauenschicksale. Da ist "Olga (1986)", eine eigenbrötlerische Studentin, die Die Eiszeit in einer Buchhandlung findet und in einer Nacht durchliest. Danach hat sie plötzlich furchtbare Angst vor dem Leben – und gleichzeitig fühlt sie sich zum ersten Mal verstanden. So geht es auch einer "Frau (2004)", deren Mann sich und den gemeinsamen Sohn umgebracht hat.

Nach der Lektüre kommt es ihr vor, als spräche aus dem Buch ihre eigene Stimme. Nur die Wissenschaftlerin "Apidapi (2004)", erfolgreich, aber einsam, nähert sich dem Text kritischer: Zusammen mit einem Studenten, der sie auf das Buch aufmerksam gemacht hat, fährt sie nach Paris und forscht nach dessen Ursprung. Und dort trifft sie einen Autor, den "Bruder", über dessen Studentenzeit in den späten Sechzigern berichtet wird. Er konnte damals nicht aufhören, an irgendeinem Manuskript zu schreiben, das alle ganz grässlich fanden. Der Titel Juja, der sich übrigens auf ein Lied einer russischen Sängerin bezieht, hat mit all dem nur am Rande zu tun.

Natürlich geht es darin irgendwie um einsame Frauen, aber vor allem geht es um die große Kraft der Literatur. Es geht darum, was sie mit denen macht, die sie lesen: Wie sie ihnen Halt gibt, sie mitreißt, ihr Leben verändert. Es geht darum, was sie mit denen macht, die sie erschaffen: Wie sie sie erfüllt, sie auszehrt und in ihre Wirklichkeit eingreift.

Und es geht auch um die Frage nach der Autorschaft eines Textes, wie sie zuletzt anhand des Falls Helene Hegemann diskutiert wurde. Kaum haben sich die Beweise verdichtet, dass der "Bruder" Die Eiszeit geschrieben haben muss, kommen schon wieder Zweifel auf, ob es nicht doch eine Vorlage gab. Und schließlich ist da noch "Ich (2005)", das Alter Ego der Autorin, das ebenfalls beschreibt, wie sie sich einen herrenlosen Text einverleibt. "Vor ein paar Tagen las ich eine Geschichte, die mich aus irgendeinem Grund so packte, dass ich seitdem das Gefühl habe, mit ihr schwanger zu gehen", beginnt sie ihr Paradoxon. "Ich denke, da ich eh nichts Besseres zu tun habe, sollte ich mich mit ihr befassen. Das heißt für mich: Ich sollte diese Geschichte schreiben."

Man hätte ihr einen besseren Geburtshelfer gewünscht, der den Anfang noch schneller gemacht hätte. Nun liegt es am Leser, darüber hinwegzukommen, um diesen Text weiterleben zu lassen. Er muss nur etwas durchhalten.